Roswitha Böhm für #kkl51 „Passagier“
Im Zug der Träume
Der Zug war alt. So alt, dass Thea, kaum eingestiegen, meinte, den Geruch vergangener Jahrzehnte zu riechen – altes Leder, Staub, ein Hauch von Maschinenöl und eine Prise Geschichten. Es war einer dieser Züge, die man sonst nur in Filmen sah oder bei Nostalgiefahrten.
Und doch war er heute im Einsatz.
Weil alles andere nicht funktioniert hatte.
Ein Softwarefehler bei der Bahn, ein Stellwerk-Blackout – was auch immer der Grund war, dieser klapprige, langsame Regionalzug wurde kurzfristig aus dem Depot geholt und auf die Strecke geschickt.
Für Thea kam es gelegen.
Sie hatte kein klares Ziel. Nur das Bedürfnis, weg zu sein.
Weg von der Leere. Von den Fragen. Von ihrem alten Ich.
Sie nannte sich Thea. Offiziell hieß sie Theresa – wie ihre Großmutter. Aber dieser Name fühlte sich an wie ein altes Kirchenlied. Und Thea war nicht mehr das brave Mädchen von früher.
Sie ließ sich in ein Abteil fallen, das angenehm leer war. Die Sitze waren abgewetzt, aber weich. Die Scheiben beschlagen. Draußen war es längst dunkel.
Der Zug ratterte an, langsam, beinahe gemächlich – als hätte auch er keine Eile.
Nach und nach füllte sich das Abteil.
Ein junger Mann mit zerzausten Haaren setzte sich schräg gegenüber. Er zog ein Notizbuch heraus und begann zu schreiben – vertieft, versunken. Thea sah, wie seine Lippen sich bewegten, als würde er sich seine eigenen Sätze zuflüstern.
Ein Mädchen – vielleicht fünf – hüpfte auf den Platz am Fenster, begleitet von ihrer Mutter, die eine Tüte mit duftenden Keksen in der Hand hielt.
Eine ältere Dame mit Lippenstift in einem Rot, das fast schon mutig war, setzte sich mit einem tiefen Seufzer ans Fenster. Neben ihr – ein großer, wuscheliger Hund, der sich sofort unter dem Sitz zusammenrollte.
Und dann – mit sichtbarem Missfallen – ein Mann im Anzug. Er telefonierte noch beim Einsteigen, fluchte halblaut über das „veraltete Wrack“ und wirkte, als würde er lieber überall sonst sein als hier.
Das Abteil war komplett.
Thea atmete tief ein. Und dann passierte etwas.
Während der Zug gleichmäßig dahinrollte und die anderen sich in ihre Routinen zurückzogen, begann sie zu summen.
Zuerst nur für sich. Leise. Eine Melodie, ohne Worte. Etwas, das sie nicht kannte, aber das sich in ihr aufdrängte.
Der junge Mann mit den Kopfhörern – Jonas, wie sie später erfahren sollte – verzog das Gesicht.
„Bitte aufladen.“
Er nahm die Kopfhörer ab, seufzte – und hörte es.
Theas Summen.
Er runzelte die Stirn. Dann – spürte er etwas.
Etwas in ihm regte sich.
Und dann hob Schröder, der Hund, den Kopf. Spannte die Ohren. Und stimmte ein.
Ein langgezogenes, leises Jaulen. Melodisch. Fast hypnotisch.
„Schröder, lass das!“, rief die ältere Dame – Frau Behrens – halb belustigt, halb genervt.
Aber da war es schon zu spät.
Emma, das kleine Mädchen, kicherte. Lisa, ihre Mutter, summte mit. Jonas stimmte schließlich in den Rhythmus ein – erst vorsichtig, dann kräftiger.
Seine Stimme füllte den Raum – warm, klar, berührend.
Menschen klatschten. Lachten. Der Mann im Anzug verzog das Gesicht.
Doch dann passierte das nächste kleine Wunder.
Ben, der Junge mit dem Notizbuch, wurde neugierig beäugt von Emma.
„Was machst du da?“
Ben stotterte. „Ich… schreibe Geschichten.“
„Mit Drachen?“
„Ja.“
„Kannst du mir eine vorlesen?“
Er tat es. Zögerlich. Und Emma lauschte, als wäre sie in eine andere Welt gezogen worden.
Ein Knurren durchbrach die Stille. Bens Magen.
Emma lachte. „Der Drache hat Hunger!“
Sie lief zu ihrer Mutter – und kam mit einem Keks zurück.
Ben lächelte. Zum ersten Mal seit Langem.
Und dann entdeckten sie es.
Das Fenster, das neben Frau Behrens beschlagen war – dort hatte sie mit dem Finger gezeichnet. Ohne darüber nachzudenken.
Eine Winterlandschaft. Ein kleiner Zug unter einem Sternenhimmel.
Die Menschen standen auf, bestaunten es.
„Wow …“, murmelte jemand.
„Sind Sie Künstlerin?“
Frau Behrens lächelte verlegen.
„Nein. Ich wollte mal… nach Paris. Zum Studieren. Aber das Leben…“
„Ist noch nicht zu Ende“, sagte Thea leise.
Und dann – als alle schon dachten, es könnte nicht besser werden – räusperte sich der Mann im Anzug.
Herr Lehmann.
„Ihr seid mir alle echt auf die Nerven gegangen“, begann er.
Alle hielten die Luft an.
„Aber… das hier… das ist besser als mein ganzes geplantes Programm.“
„Programm?“, fragte Jonas.
Herr Lehmann stand auf, zog ein paar Visitenkarten aus der Tasche.
„Ich bin Eventmanager. Ich habe in drei Tagen eine Großveranstaltung. Mein Musiker hat abgesagt, der Caterer liefert nicht, die Kinderbetreuung fällt aus – es ist eine Katastrophe.“
Er sah Jonas an.
„Du singst. Willst du auftreten?“
Jonas starrte. Schluckte. Dann: „Ja.“
Zu Lisa:
„Was immer du in diesen Keksen drin hast – ich will’s auf meinem Buffet.“
Zu Ben:
„Fantasy-Lesung für Kinder. Du wärst dabei?“
Ben nickte mit offenem Mund.
Zu Frau Behrens:
„Und Sie… hätten Sie Lust, live zu zeichnen? Ihre Kunst auszustellen?“
Frau Behrens bekam Tränen in die Augen.
„Ja“, flüsterte sie.
Herr Lehmann zuckte mit den Schultern, biss in einen Keks – und lächelte. Ganz, ganz leicht.
„Na gut“, murmelte er. „Vielleicht war dieser Zug doch kein kompletter Reinfall.“
Thea lehnte sich zurück. Schröder legte seinen Kopf auf ihren Schoss.
Und draußen, im Dunkel, fuhr der Zug weiter –
still, langsam und voller Träume.

Roswitha Böhm ist Bloggerin, Autorin und kreative Allrounderin. Mit ihren handgefertigten Unikaten, einzigartigen Kunstwerken und humorvollen Texten bringt sie Farbe in die Welt. Ihre Arbeiten stehen für Authentizität, Nachhaltigkeit und Individualität und sind inspiriert von den kleinen, besonderen Momenten des Lebens. Gemeinsam mit ihrem Mann Ron und den Katzendamen Minou und Aronia lebt sie ihre Vision: „Die Welt muss bunter werden.“
Mehr über ihre Projekte und Gedankenwelten: http://www.Gedankenteiler.de
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