Daniel Mylow für #kkl51 Passagier“
Passagen
Als sei es möglich zu zerfließen.
Das Wasser spiegelt das hohe Licht des Mittags, während ihre Hände für einen Augenblick wie weiße Falter ins Helle fliegen, bevor sie auf seiner Brust liegen bleiben.
Er schließt die Tür. Während sie sich ausziehen, fiebrig umfangen vom Licht, das durch die Holzplanken fällt, legt die Fähre ab. Sieben Minuten über die Elbe und zurück, wie jeden Mittwoch. Ihre Stimmen flüstern. Höfe aus hellen Schatten legen sich über ihre nackten Körper, die sich plötzlich in einer unauslotbaren Versunkenheit wiederfinden. Eine leise Dünung bewegt das Wasser. Jeder Augenblick scheint wie aus kleinen Funken geformt, jede Bewegung wie ein Tasten zwischen Grund und Himmel unter dem Crescendo dahinrinnender Fahrgeräusche. Ein Verschwinden und Festhalten. Blass im fernsten Weiß ihre atmende Haut unter seinen Küssen.
Die Fähre legt an und wieder ab. Wie brüchiges Glas liegt die schwindende Zeit auf ihren Gesichtern und verschließt ihnen den Mund. Man darf nichts sagen.
Auch sein Freund, der Fährschiffer, hatte ihm nach seiner ungewöhnlichen Bitte nur schweigend den Schlüssel für die kleine Bootskajüte in die Hand gedrückt. Er zahlte die Passage für einen Sommer im Voraus.
Und als Maren beginnt zu sprechen, ihm erzählt, dass die Weibchen der in Amerika beheimateten Schaufelfußkröte immer mit Männchen einer anderen Art fremd gingen, wenn ihr Tümpel auszutrocknen drohte und die aus dieser Paarung resultierenden Kaulquappen dann schneller heranreiften, um so zu verhindern, dass ihr Nachwuchs im vertrocknenden Tümpel stirbt, da wusste er, dass Maren zu ihrer Familie zurückkehren würde und dass ihr Atem die Zeit verbraucht hatte.
Es war vorbei.
Daniel Mylow, 1964 geb. in Stuttgart, Aufenthalte in Düsseldorf, Hannover, Berlin, Krefeld. Studium in Bonn und Marburg. Ausbildung in Kassel. Oberstufenlehrer in Hof und Wernstein, Marburg, Mainz, seit 2018 an der Freien Waldorfschule in Überlingen/Bodensee. Poesiepädagoge und Dozent für Literatur.
Letzte Publikation: Rotes Moor (Poetischer Thriller), Cocon Verlag Hanau 2017. Greisenkind (Roman) net Verlag Chemnitz 2020.
Zahlreiche Publikationen von Lyrik und Kurzprosa in Anthologien und Literaturzeitschriften. Diverse Auszeichnungen, zuletzt 2021 Lore Perls Literaturpreis (Verleihung 2022) und Bonner Literaturpreis. Kempener Literaturpreis 2017, Preis der Sparkassenstiftung Groß Gerau 2017, Merck-Stipendiat der Stadt Darmstadt 2018
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