Buspiloten

Stefan Junghanns für #kkl51 „Passagier“




Buspiloten

Im März 2074 folgte die Aldrin-Station bereits vier Jahre ihrer einzigartigen 8-förmigen Umlaufbahn um die Erde und den Mond. Die Nachfolgerin der Lunar Orbital Platform Gateway-Station war gleichsam als Zubringer, als auch als Labor All konzipiert. Sie pendelte von der Erde und ihren Stationen und zur Mondstation Artemis, die auf der Oberfläche des stillen Trabanten ruhte. Die Station war ein Wunderwerk, weil ihre Flugbahn zunächst als unmöglich galt. Das Fortschreiten der Quantencomputertechnik brachte schließlich die Lösung, die Station um Erde, Mond und zwei Lagrange Punkten so exakt ziehen zu lassen, dass eine Versorgung von und zur Erde und dem Mond dauerhaft funktionierte. Ihren Namen hatte die Station von dem zweiten Menschen auf dem Mond, welcher als erster eine solche Flugbahn für eine Raumstation vorgeschlagen hatte.

Das Leben auf dieser Station war geprägt von Routine und Präzision. Die Crew bestand aus erfahrenen Astronauten und Wissenschaftlern, die sich ihrer Aufgabe mit Hingabe widmeten. Die Station selbst war eine Mischung aus Hightech-Labor und komfortablem Wohnbereich. Hier arbeiteten und lebten die Besatzungsmitglieder für Monate, bevor sie zur Erde zurückkehrten oder zum Mond weiterreisten.

Für die Stammbesatzung um Commander Sheran war es zwar mehr eine Art Busfahrt, aber das hörten die zuständigen Behörden nicht sehr gern. Dennoch verbreitete sich über den Hashtag #Buspilots so manches Meme im Internet. Sogar ein Busunternehmen aus Deutschland übernahm für ihre Fahrten die Farbgebung der Station.

Commander Ellen Sheran leitete die Crew der Aldrin-Station. Ihre ruhige, aber bestimmte Art hatte ihr den Respekt aller Besatzungsmitglieder eingebracht. Zu ihrem Team gehörten der Ingenieur Dr. Malik Rahman, die Biologin Dr. Astrid Johansson und der Kommunikationsspezialist Li Wei.

Die Ankunft eines Versorgungsschiffes war immer ein Ereignis, welches auch heute auf dem Plan stand. Der Interorbit-Transporter „Aquila“ war angekündigt und würde benötigte Vorräte ergänzen und auch einen neuen Gast mitbringen: Dr. Samuel Carter, einen renommierten Geologen, der auf den Mondstationen Artemis und Zheng-He mit den vorhandenen Teams eine spezielle Mission durchführen sollte. Bei diesem Projekt ging es darum, zu erforschen, wo sich potenzielle Massenreste des unbekannten Protoplaneten befinden könnten, der einst mit der Erde kollidierte und so den Mond schuf. Zumindest nach einer Theorie.

Li Wei hielt unterdessen Kontakt zur Aquila. Die Computer hatten ihre Daten und Positionen aufeinander abgestimmt und der Dockvorgang würde, wie üblich und ohne Komplikationen ablaufen. Man hielt sozusagen an einer Haltestelle, der Passagier stieg ein und der Bus fuhr einem weiteren Ziel entgegen.

Dem Hashtag #Buspilots wurde heute ein weiteres Ereignis hinzugefügt. Obwohl die Viewerzahlen hier deutlich über dem Schnitt der übrigen Raumfahrtmissionen lagen, kamen sie dennoch nicht an die Marsübertragungen heran. Wer wolle heute schon noch in den Mond gucken? Dr. Carter wollte es jedenfalls. Würde man im Erfolgsfall seines Projektes davon Notiz nehmen?

Das Andocken eines Raumschiffes war, obwohl seit knapp einem Jahrhundert Routine, immer eine kritische Phase, die höchste Präzision und Koordination erforderte. Das massive Versorgungsschiff näherte sich langsam der Aldrin-Station, seine Manövriertriebwerke sorgten für die notwendige Feinkontrolle.

„Verbindung in 5… 4… 3… 2… 1… Kontakt!“, meldete Li Wei. Ein sanftes Rucken ging durch die Station, als die Aquila andockte. „Verbindung hergestellt und stabil“, bestätigte der KI-Pilot der Aquila.

Die Schleuse öffnete sich und Dr. Samuel Carter schwebte mit einem fast überbreiten Lächeln auf dem Gesicht in die Station. „Willkommen auf der Aldrin-Station, Dr. Carter“, begrüßte ihn Commander Sheran. „Willkommen an Bord. Wir freuen uns, Sie an Bord zu haben.“

„Ganz meinerseits“, entgegnete Carter. „Eine Fahrt mit euch stand schon lange auf meiner Bucket List.“

Sheran grinste. „Mit uns, oder mit dem Bus hier?“

Ein, sowohl als auch, war die Antwort, bevor sich alle in den Armen lagen. Währenddessen wurde Treibstoff und Wasser von der Aquila zur Station gepumpt. Zwei automatische Roboterarme luden die übrigen Versorgungstonnen aus den Vertiefungen der Aldrin-Station und der Aquila um. Das Raumschiff dockte ab. Kleine Schübe aus den Manövrierdüsen lenkten die Aquila auf eine Rückkehrbahn zum niedrigen Erdorbit.

Ein rhythmisches Zirpen verriet, dass etwas an Bord der Aldrin-Station nicht in Ordnung war. Rahman schaute besorgt auf sein Tablet. „Die Telemetrie zur Erde ist teilweise gestört. Ein solarer Flare hat die höheren Orbits passiert. Der Computer rechnet noch, ob wir davon was abkriegen. Wir folgen schließlich den Gravitations- und Magnetfeldlinien. Vielleicht müssen wir unseren Bus mal umparken.“

Commander Sheran blieb ruhig, befahl konzentriert und bestimmend. „Wir haben keine Zeit zu verlieren. Dr. Johansson, bringen Sie alle sensiblen Geräte in den Schutzmodus. Dr. Rahman, stellen Sie sicher, dass die Abschirmungssysteme aktiviert sind. Li Wei, halten Sie den Kontakt mit der Erde und der Mondstation. Bekommen wir aktuelle Hochrechnungen?“

Der Ingenieur schaute wieder auf sein Tablet. „Die Abschirmung wird vermutlich reichen. Die Reservebatterien sind danach wahrscheinlich erschöpft. Das Passt. Das Timing schafft unser Bordcomputer spielend.“

Kaum waren die benötigten Daten über Intensität und Kurs des Flares vorhanden, begann die Bord-KI die Station zu drehen. So gänzlich unvorbereitet auf die Kursänderung musste die Crew sich wegen der Trägheitskräfte festhalten.

„Abschirmungssysteme aktiviert“, meldete Dr. Rahman. „Alle sensiblen Geräte sind im Schutzmodus“, fügte Dr. Johansson hinzu.

Die Aldrin-Station verfügte außen um das Hauptmodul über ein System aus Fadenförmigen Nanospulen, welche ein effektives Magnetfeld erzeugen konnten. Jetzt fuhr es langsam hoch, damit es nicht überlastet oder durchbrennen würde. Die Zeit war recht knapp, reichte aber und nun konnte zuerst die Kommandantin durch ihr Fenster ein Schauspiel bewundern, was gleichzeitig so gefährlich nahe war, dass ein reißen der Spulenfäden jederzeit ein Ende der gesamten Station bedeuten könnten. Die Lichterscheinung der Aurora war so nah, dass man sie hätte anfassen können.

„Aurora Aldrina“, flüsterte Sheran beeindruckt.

Das Schauspiel hatte nicht ganz eine halbe Stunde gedauert. Nur vereinzelte Lichtblitze zeugten noch davon, dass hochenergetische Teilchen die Abschirmung trafen.

„Na, wie hat Ihnen die Show gefallen, Dr. Carter“, fragte Commander Sheran.

„So nah“, begann Carter, „habe ich die Aurora nicht einmal in der Antarktis gesehen. Phantastisch.“

Johansson atmete tief durch. „Keine Sorge. Davon nehmen sie auch noch was mit.“ Carter glotzte verständnislos. Die Biologin klärte ihn auf. „Ich rede von der erhöhten Strahlendisposition. Allzu häufig sollten wir das nicht machen.“ Der Ingenieur schaute auf sein Tablet. „Stimmt. Wir hatten eine minimale Grenzwertüberschreitung. So gesehen haben wir jetzt, statistisch gesehen, 17 Tage weniger Lebenszeit.“

Was eigentlich ein Scherz sein sollte, verursachte betretenes Schweigen. Ein Schweigen, welche Li Wei schließlich durchbrach. „Also umgerechnet noch zwei Schnaps weniger pro Jahr. Dann haut es wieder hin.“

Carter prustete los und überschlug sich mehrfach, bis er sich an einem der Haltegriffe festhielt. „Schade, dass ich euch in ein paar Tagen wieder verlassen muss.“

Mehr als nur das Eis gebrochen begann nun eine Unterhaltung, welche erst endete, als Dr. Carter in der Transportfähre angeschnallt war, um die Mission zu beginnen, für die er die lange Anfahrt gern in Kauf genommen hatte.

Commander Sheran schaute noch einmal durch die Luke. „Ich hoffen, dass Sie finden, was Sie suchen. Vielleicht sehen wir uns ja bei Ihrer Rückkehr.“

Das Schott schloss sich und nach einigen Tests koppelte die Mondfähre von der Aldrin-Station ab. Ihr Sinkflug zur Mondoberfläche begann. Die Crew der Aldrin-Station sah der Fähre nach, bis diese nur noch ein winziger Punkt im Grau der unterschiedlichen Strukturen des Mondes war.

Mit dem Abschluss des Transfers kehrte die Aldrin-Station zur Routine zurück. Diesmal gab es keine Bodenproben oder Experimente, die zur Erdumlaufbahn mitgenommen werden sollten. Keine Passagiere.

Die Crew arbeitete weiter an ihren Projekten und wartete auf die nächste Herausforderung. Sie wussten, dass das Leben im All nie langweilig wurde und dass jeder Umlauf um Erde und Mond seine eigenen Gefahren und Abenteuer mit sich brachte.

Die Aldrin-Station setzte still ihre Reise fort, ein leuchtender Außenposten der Menschheit in der unendlichen Dunkelheit des Alls, abseits des alltäglichen Medieninteresses am Mars und all den Abenteuern.

Für den Passagier, Dr. Carter, war die Aldrin-Station jedoch das Highlight. Er fügte in seinem Blog mit #Buspilots noch ein eigenes, digitales Aquarell der Aurora hinzu. Danke für die Fahrt.




Stefan Junghanns, geboren 1979 in Leipzig, ist ein kreativer Kopf mit einem Faible für das Außergewöhnliche. Beruflich arbeitet er in der Verzollung eines internationalen Unternehmens – privat aber schlägt sein Herz seit je her für das Schreiben von Kurzgeschichten.

Nach seiner ersten Veröffentlichung im Jahr 2015 finden seine Geschichten regelmäßig ihren Weg zu Leserinnen und Lesern. Stefan liebt es, unterschiedlichste Genres zu erkunden: Ob künstliche Intelligenz, Climate-Fiction, Retro-Sci-Fi, originelle Fantasy, düstere Phantastik, Diversity oder Zukunftsvisionen, die in die Weiten des Alls entführen – in seinen Geschichten begegnen die Figuren scheinbar unüberwindbaren Hindernissen, denen sie mit Witz, Verstand oder überraschender Hilfe trotzen. Besonders am Herzen liegt ihm, altbekannten Szenarien einen frischen, unerwarteten Twist zu verleihen.

Mit seiner Kurzgeschichte Die Musik von Sokcho sicherte sich Stefan 2021 den dritten Platz beim renommierten Marburg Award.

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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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