Etwas Besseres als den Tod

Falk Andreas Funke für #kkl51 „Passagier“




Etwas Besseres als den Tod

Gestorben und angekommen im Einst. So simpel war das Hinübergehen. Als  ob man in den Bus einstiege. Und da macht man das ganze Leben lang um den Tod so einen Bohei. Denkt Karl Salz. Allerdings: dass es so etwas wie das Einst geben würde, war ihm unbekannt. Und dass es dort so aussähe wie in einer Autowerkstatt. Ein Engel, der einen ölverschmierten Blaumann trägt, klärt ihn auf. Das Einst ist der Ort zwischen Himmel und Hölle. Dort, wo entschieden wird. Auf oder ab. Der Engel hebt den Daumen, um ihn gleich darauf zu senken. Mit einer Drehung aus dem Unterarm. Der Magen von Karl Salz war schon immer ein Angstseismograf. Nun krampft er sich zusammen.

Gott stellt sich nicht extra vor. Er ist ein Automechaniker-Meister. Auch sein Overall ist ölverschmiert. Und sein blitzweißer Bart hängt über den Hosenlatz. Er sei nicht die Art Gott, sagt Gott, der fernab auf einer Wolke sitze. Er müsse was zu tun haben. Er scheue sich nicht davor anzupacken. Mit banger Stimme fragt Karl Salz, was mit ihm geschehen wird. Also nun auf? Oder doch ab?

Gott räuspert sich und hebt seine Augenbrauen. Die sind flauschig wie Wolkenwatte. Das werden wir gleich sehen, sagt er. Und verleiht dem Wort gleich eine höhere Tonlage. Das klingt ja, denkt Karl, als finde Gott Gefallen an dem Spannungsmoment. Fast schon sadistisch kommt ihm das vor. Das habe überhaupt nichts mit Sadismus zu tun, erklärt Gott. Offensichtlich kann er Gedanken lesen. Der Mensch habe sich alles selbst zuzuschreiben. Und außerdem halte er, Gott, nichts von diesem Pathos eines donnernden Richterspruchs. Mit zuckenden Blitzen. Auf die Dauer gehe ihm so etwas auf die Nerven. Und auf die Dauer bedeute hier: Ewigkeit. Mit Entsetzen bemerkt Karl Salz, dass er auf einer Falltür steht.

Der Blaumann-Engel bringt Gott die Papiere. Auszüge aus dem Buch des Lebens, sagt er auf den Frageblick von Karl Salz. Gott studiert die Papiere mit gekräuselter Stirn. Ameisen-prozessionen defilieren über Karls Nervenbahnen. Und in seinem Magen befindet sich ihr großes Drehkreuz. Seine Fußsohlen brennen. Als stünden sie schon im Höllenfeuer. Dringt die Hitze des Infernos schon durch die Bohlen der Falltür? Gleich wird es bodenlos, denkt er und fühlt sich fast schon im Fallen. So wie es ihm manchmal im Bett erging, kurz vor dem Einschlafen, wenn er im Liegen ein Stürzen erlebte.

Irgendetwas scheint nicht zu stimmen mit den Auszügen aus dem Buch des Lebens. Gott blättert vor und zurück. Schüttelt sein von schlohweißen Haaren umwölktes Haupt. Soviel scheint klar zu sein: etwas, das aufgeschrieben sein sollte in diesem Schicksalswerk, ist nicht auf Anhieb zu finden. Dass er in seiner Allwissenheit überhaupt auf etwas Schriftliches angewiesen ist. Karl Salz wundert sich. Überhaupt: dass Todsein auch schon wieder mit Formalitäten verbunden ist.  Es würde ihn nicht überraschen, wenn man ihn in der Hölle mit einem Formular empfinge.

Der Montage-Engel tritt näher zu Gott und schaut ihm über die Schulter. Der Schöpfer weist mit seinem göttlichen Zeigefinger die Zeilen entlang, der Engel folgt mit den Augen, schüttelt nun auch den Kopf. Zur Bestätigung. Nein, das, was da notiert sein sollte, ist offensichtlich nicht vorhanden. Karl Salz steht da: mit Hängeschultern, ein zitterndes Fragezeichen.

Gott wendet seinen Blick aus den Blättern auf sein Geschöpf, so auch der Engel. Jetzt kommt`s, denkt Salz. Nichts drin über Sie, sagt Gott. Oder darf ich du sagen?  Also, weder Lob, noch Tadel. Keine Erwähnung. Von dir nicht eine Zeile im Buch des Lebens. Was bedeutet: du hast dein Leben nicht wirklich gelebt. Wolltest wohl keinem in die Quere kommen. Es gibt nichts, wofür ich dich in die Hölle schicken könnte. Die Falltür bleibt zu. Herzlichen Glückwunsch.

In Karl Salz Erleichterung mischt sich ein Wermutstropfen. Du hast dein Leben nicht wirklich gelebt. Das klingt nach Vorwurf. Und sofort fühlt er sich unzulänglich. Ein gewohnter Zustand, eigentlich. Er hat es doch nur allen rechtmachen wollen. Wollte keinem was schuldig sein. Hat nie was riskiert. Die Langeweile, ja der Überdruss seiner letzten Jahre: waren das Indizien für ein ungelebtes Leben? Und so vor den Schöpfer zu treten, als Versager, wäre man da nicht fast lieber zur Hölle gefahren?

Doch eben so wenig, sagt Gott, gibt es Gründe, eine Wolke herab zu beordern und dir eine Himmelfahrt zu genehmigen. Du hast weder das eine, noch das andere verdient. Also, die Frage ist: was machen wir jetzt mit dir? Der Engel lächelt mit verkniffenem Mund und nickt dazu auf spöttische Weise. Dann schwebt oder geht er ab, macht sich an einem Regal zu schaffen. Gott und Karl Salz sehen ihm dabei zu.

Der Engel hat gesucht und gefunden. Er gleitet wieder heran und übergibt Gott ein Blatt Papier: oder vielmehr einen ölverschmierten Zettel. Gott fischt einen Kugelschreiber aus einer der Taschen seines Hosenlatzes, der Engel macht einen Buckel, um seinen Rücken dem Schöpfer als Schreibunterlage anzubieten. Dazu muss er seine Flügel, die sonst stören würden, weitwinklig entfalten. Gott unterschreibt auf dem Blatt, kritzelt einen schnellen Kringel. Dann hält er Karl Salz das Papier unter die Nase. Ein paar getippte Zeilen, wohl mit mechanischer Schreibmaschine zustande gebracht: das Bürogerät scheint einen Defekt zu haben, denn da, wo in den Wörtern ein O stehen sollte, hat der Buchstabenarm jeweils ein kleines Loch ins Papier gestanzt.

Ein Arbeitsvertrag der üblichen Norm, sagt Gott, für Agnostiker, Zauderer und Konsorten. Den biete ich immer an, wenn weder Himmel noch Hölle  infrage kommen. Gar nicht so selten übrigens. Befristet erst mal auf dreitausend Jahre. Die ersten fünfhundert davon sind Probezeit. Als Montage-Engel der untersten Kategorie. Ich rate dir einzuschlagen. Hast sowieso keine andere Möglichkeit. Oder willst du warten, draußen vor der Tür, und sterben vor Langeweile, obwohl du ja eigentlich schon gestorben bist?

Etwas Besseres als den Tod finden wir allemal. Dieser Satz flackert auf im Kopf von Karl Salz. Er stammt noch aus der Märchenvorlesezeit. Seine Großmutter las ihn wie alle anderen Grimm`schen Sätze aus dem einzigen Buch, das sie besaß, eingesunken in ihrem Ohren-sessel, Klein-Karl auf dem Schoß. Der Satz klang einleuchtend. Im Leben.

Geräuschvoll rattert ein Fax herein. Auf Weihnachtsgeschenkpapier. Mit Komet überm Stall. Der Engel entnimmt das Blatt, übergibt es Gott, der aus den unerforschlichen Weiten seiner Hosenlatztasche eine Lesebrille entnimmt. Den Kopf leicht hin- und her bewegend, überfliegt er die Zeilen. Schwerer Unfall auf der GL 707, hinterer Andromedanebel. Gottes Stimme klingt, als lese er eine Grußpostkarte. Der Engel katzbuckelt nun – die Flügel weit – vor Karl Salz. Der unterschreibt den Vertrag. Auf dem Rücken des Kollegen. Mit dem Kugelschreiber des lebendigen Gottes.




Falk Andreas Funke, Autor aus Wuppertal, Jahrgang 1965. Brotberuflich seit 1982 in der Arbeitsverwaltung tätig. Veröffentlichungen in Anthologien und Zeitschriften. Seit 2001 Mitarbeiter des Satiremagazins ITALIEN, Wuppertal.

Bücher: Tier und Tor, 2004; Ballsaal für die Seele, 2010 (Gedichte, Turmhutverlag, Mellrichstadt), Krause, der Tod und das Irre Lachen, 2012 (kleine Geschichten, Verlag Thomas Tonn), Lausägefisch – Maritime Seelen 2022 (Gedichte, gemeinsam mit Jule Steinbach, Holzschnitte, Kunstbuch-Eigenverlag).

Eugen-Wolff-Literaturpreis der Fachschaft Deutsch, Christian-Albrechts-Universität Kiel, 2004. Erster Platz beim Bad Godesberger Literaturpreis, 2017.






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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