Andreas Tebbe für #kkl52 „Essenz“
Das Haus, das keiner suchte
Sie trafen sich nicht auf der Suche, sondern auf der Flucht. Die kleine Maus war zuerst da. Vorsichtig. Klar im Kopf. Sie mochte Pläne, Strukturen. Und sie konnte sehr gut allein sein.
Der Hamster kam später. Einer von denen, die immer etwas mit sich herumschleppten – Körner, Gedanken, Vergangenes. Nicht unordentlich, aber mit einem Herz, das viel zu oft in Reserve lebte.
Das Haus, in dem sie sich trafen, war alt. Ein bisschen schief, aber voller Winkel, die sich nach Rückzug anfühlten. Sie bezogen das Erdgeschoss. Die Maus richtete es ein. Der Hamster redete viel. Sie hörte zu, nickte, fragte klug. Es war still zwischen ihnen. Aber nicht leer.
Der Hamster spürte es früh – immer wenn sie sprach oder einfach nur da war – dieses Ziehen in seiner Brust, das plötzlich ausblieb. So lange hatte er diesen Schmerz getragen. Wie ein leises Bluten, ein Tropfen nach dem anderen, durch ein Loch, das so alt war, dass er es nicht mehr bemerkte. Ein Herz, das nie aufschrie, aber auch nie ganz schlug.
Und dann war sie da – die Maus. Er wusste nicht, wie sie es machte. Aber wenn sie bei ihm war, blutete es nicht. Es war ruhig. Nicht stumm, aber still. Wie ein Boot, das plötzlich wieder über Wasser liegt. Wie ein Korken, den jemand vorsichtig an die richtige Stelle gedrückt hatte – nicht um zu verschließen, sondern um zu bewahren.
Die Maus fragte nie, was ihn bluten ließ. Und das war vielleicht das größte Geschenk.
Eines Tages ging der Hamster eine Etage höher. Nicht aus Ungeduld. Nicht aus Ungleichgewicht. Einfach, weil etwas in ihm bereit war, zu sehen, was es dort geben könnte. Er richtete nichts ein. Legte nur ein paar Notizen auf die Stufen. Nicht beschriftet. Nur spürbar.
Und immer, wenn die Maus durch das Erdgeschoss tappte, und ihr feiner Schatten über die Treppe strich, wuchs sein Herz ein kleines bisschen. Nicht weil sie näher kam. Sondern weil sie blieb.
Und dann – an einem Abend, an dem das Haus so still war, dass man das eigene Herz hören konnte – knarrte die erste Stufe.
Andreas Tebbe (geb. Wienpahl)
Geboren 1986, wohnhaft in Brakel (Nordrhein-Westfalen).
Beruflich in der Versicherungsbranche tätig, privat intensiv beschäftigt mit den Themen Trauma, psychische Belastung und gesellschaftliche Ausgrenzung.
Seit 20 Jahren schreibt er literarische Kurzprosa mit psychologischem und existenziellem Schwerpunkt. Einige seiner Geschichten sind inspiriert von eigenen Erfahrungen als Vater eines behinderten Kindes und reflektieren den Umgang mit familiären Herausforderungen, Verlust und Selbstvergebung.
Publikationen:
• „Verlust“ in der Anthologie Eintauchen, Abtauchen, Auftauchen (ViaTerra Verlag, 2011)
• „3 Stunden“ in der Anthologie Lichtlos: Düstere Geschichten und lyrische Gedanken (Balthasar Verlag, 2010)
• „Rache“ in der Anthologie Wer ist der Mörder? (net-Verlag, 2010)
• „Zeitlos“ in der Anthologie Wo ist der Mörder? (net-Verlag, 2011)
• „Endlosschleife“ in der Anthologie Herzensangelegenheit (net-Verlag, 2011)
• „Endlosschleife“ in der Anthologie Von einer langen Heimkehr (Engelsdorfer Verlag, 2011)
• „Rache“ in der Anthologie Best of net-Verlag (net-Verlag, 2013)
Über #kkl HIER
