Helge Bewernitz für #kkl52 „Essenz“
Ein Mann in einem roten Dress auf einem Motorrad
Er weiß, er fährt, rollt dahin, in seinem roten Dress und der schwarzen, ledernen Kappe, doch ist ihm, er stünde still – die Landschaft rast, schwarz-rote Pixelwände, von feinen Linien gerahmt, der Horizont zu einem gelben Zeichen verdichtet, Motorgeräusch wie aus Lautsprechern – und nicht aus Zellen ist er, sondern Punkt an Punkt, Männchen, dann Avatar, schließlich Mensch, geformt aus fettem Fleisch, die lebhaften Bäume am Wegesrand feindliche Wesen, danach trachtend, ihn zu erschlagen, der Wind wie Hiebe, doch er fährt, rollt dahin, immer weiter, gleichförmig, regungslos, mit zielsicherem Blick – da! – alles schwarz, luftlos, der Motor tuck-tuck, doch er weiß: er fährt, spürt die feinen Unebenheiten, die die Räder von der geschliffenen Schwärze unter ihnen seinen zarten kleinen Händen übermitteln, sein Körper für Momente vom Gefährt gelöst, er schwebt und findet wieder Halt – weißt du, dass diese Fahrt niemals enden wird? – dann, wie von Lampenasphalt in die Luft projiziert, das Kind am Strand, und er weiß, es ist sehr durstig, – ja … ja … ich weiß, ich fahre weiter – ein Adler zieht vor einem grün-grauen Himmel seine Bahn, gierend, – dass du niemals zurückkehren wirst? – stürzt herab und – reißt eine wenig flinke Maus mit seinem Schnabel in die Höhe, – ich weiß, ich weiß, ich weiß, JA! JA! – das Kind lacht, Regen setzt ein, es trinkt und sieht dem Adler nach, – und dass du nicht sterben kannst? – dann wachsen die Ärmchen, die Beinchen, das Köpfchen, erst sacht´, dann schnell, immer schneller, es wächst heran, er sieht es mit seinem zielsicheren Blick gen Horizont – das ist nicht wahr, das ist nicht wahr … ja, ich weiß, ich weiß – und was es einst war, ist nun ein Mensch, der am Strand entlang marschiert, – kräftig, stolz, voller Freude an der Sonne, am Meer – der lacht, springt, jubiliert, seht her, seht her, seht ihr?!
Und erneut stürzt der Adler herab, landet auf der Schulter des Menschen, gemeinsam sind sie Kraft an Kraft, lebensvoll; fahrend, rollend sieht er es, sieht er es, sieht, wie nun Sonne und grün-grauer Himmel zerfließen, herabregnen, im Meer zergehen, Mensch und Adler umspült, gehalten von einer mächtigen Woge, die wieder der Höhe zustrebt, die Welt umbraust und endlich stille wird.
Und er fährt, rollt dahin, mit zielsicherem Blick, die Landschaft rast, schwarz-weiße Pixelwände, von blassen Linien gerahmt, der Horizont zu einem grauen Zeichen verdichtet, er ist Punkt an Punkt. Bäume am Wegesrand, der Wind stürmt, er ist fettes Fleisch. Seine zarten kleinen Hände spüren den Untergrund. Dabei ist ihm, er stünde still.
Helge Bewernitz, Jahrgang 1973, hat nach dem Studium (M.A.) der Soziologie in den Bereichen Öffentlichkeitsarbeit, Compliance und Bildung gearbeitet. Diverse Veröffentlichungen in Anthologien. An seiner Wahlheimat Berlin schätzt er das Bunte und Laute ebenso wie ausgedehnte Spaziergänge im Grunewald.
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