Aus der Reihe „Kunst spiegelt, bewegt und setzt Ursachen“

„Die abgeschnittene Freiheit“ von Krystyna Steffens 

„Ich fliege, ich fliege!“ Meine Begeisterung fürs Schaukeln musste ich allen mitteilen. Ich flog – war in der Luft, oben und frei.

Die Bewegung der Schaukel entsteht durch die Berührung mit etwas Stabilem, mit der Erde. Sie verleiht Flügel, aber gleichzeitig bremst sie auch.

Die Installation, die ich für die Ausstellung „Kunstzone 2025“ geschaffen habe, besteht aus einer Schaukel im Raum. Doch sie ist nicht mehr zum Fliegen bestimmt. Die abgeschnittene Schnur, der Sitz, der richtungslos nach unten hängt. Dies ist nicht die fröhliche Rokoko-Schaukel von Jean-Honoré Fragonard. Kein verspieltes Lachen eines jungen Mädchens klingt im Hintergrund. Der kleine Sitz – wie gelähmt – Richtung Erde.

Auch das Gestell ist nicht mehr vollständig. Die Umrisse der Holzbalken, die einst das Fliegen ermöglichten, erinnern nun eher an einen Galgen. Kein Lachen mehr in der Luft.

Verletzt und beschädigt – nicht mehr funktionstüchtig wie bei Goyas Gemälde „Die Schaukel“.

Verletzt und beschädigt sind auch Arbeiten, die an der Wand gegenüber der Schaukel hängen. Gestempelt von der Zensur – in Weiß, ausgeschnitten aus dünnen, verletzlichen Papierstreifen. Die Stempel der Zensur beflecken, die ewige Schere der Zensur beschneidet ihre künstlerische Reinheit.

Mit der Verhängung des Kriegsrechts in Polen im Dezember 1981 muss sich die Zensur nicht mehr verstecken. Telefonate werden ständig unterbrochen durch die Tonbandansage: “Das Gespräch wird abgehört“. Zwischen 22 und 6 Uhr darf niemand die Wohnung verlassen. Die Zensur steht stolz mit ihren Panzern auf den schneeweißen Straßen – wie die Stempel der Zensur auf meinen weißen Arbeiten. Die Zensur, die Kontrolle. Die Zensur mit der ewigen Schere in der Hand.

Ist die Kunst die ultimative Freiheit?  Wird man da frei von den Stempeln der Zensur?

Von der Zensur, die so willkürlich mit ihren Stempeln handelt. Mal hier, mal woanders sieht man sie daher auch auf meinen weißen Arbeiten.

Werden die Seile der Schaukel immer noch durchgeschnitten?

Muss man sie vielleicht selbst durchschneiden, um sich von der Erde zu lösen?

Gibt es kein Fliegen, keine Freiheit mehr? Oder doch die Befreiung?







Aus der Abschlußausstellung des Aufbaustudiums (Meisterklasse) an der Akademie Faber-Castell in Stein bei Nürnberg.


Besuchergedanken

Während der Ausstellung kamen manche Besucher mit ihren Eindrücken , Gedanken , Fragen auf mich zu. Manche von ihnen reagierten nicht nur auf die ausgestellten Objekte ,sondern auch auf die graue Farbe der Wände , die bei meiner Installation auch eine Rolle spielte. Ich habe bewusst die beiden mir zugeordneten weißen Wände grau bemalt.

Die Besucher ,besonders die, die im ehemaligen Osten aufgewachsen sind, haben sofort auf die Farbe reagiert. „Wie früher bei uns“, sagten sie, „alles grau. Graue Umgebung -sogar wir Menschen kamen uns damals grau vor.“

Ein Mann sprach mich an und betonte , dass meine Installation seine jetzigen Gefühle bestätigt : „Wissen Sie, ich komme aus der DDR, und jetzt habe ich immer öfter den Eindruck der wieder aktiven Zensur .“

Einen älteren Herrn haben meine weißen Reliefarbeiten länger beschäftigt : „Ich habe den Eindruck, daß diese weißen Streifen vom Zensor aus Ihren Arbeiten ausgeschnitten sind“.

Austausch :viele Gespräche , Gedanken, Gefühle ….

https://www.instagram.com/krystyna_steffens_art/









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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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