Irgendwo zwischen…

Nicole Bianga für #kkl52 „Essenz“




Irgendwo zwischen Kindheit, Kater und Noise-Cancelling-Kopfhörern

Elena war eins jener Mädchen, das vor nichts und niemandem Angst hatte, schon gar nicht vor Monstern. Jeden Abend sprang sie vor ihrem Bett in die Hocke, legte den wild gelockten Kopf seitlich auf den flauschigen Teppich ab und suchte, vor Aufregung kichernd, mit großen, braunen Augen nach den ihr versprochenen Ungeheuern. Gerade fünf geworden, hoffte Elena, endlich etwas zu entdecken, das es mit ihr aufnehmen konnte. Aber die Monster blieben ihr verborgen und so begab sich Elena auch tagsüber auf die Suche nach Abenteuern. Furchtlos schritt das Mädchen mit der weiten Zahnlücke in die Welt hinaus. Ihr zierlicher Körper war kaum erkennbar unter den viel zu großen Klamotten, die Elena von ihrem älteren Bruder stibitzte, da sie praktischer als ihre feinen Rüschenkleidchen waren. Sie sprang ohne Zögern in die tiefsten Pfützen, sammelte fette Nacktschnecken mit bloßen Händen auf, kletterte rasend schnell auf die höchsten Bäume und klingelte beim alten Nachbarn, nur um wegzurennen, wenn der Summer ertönte. Ein Freigeist, nannte ihre Mutter sie. Sie wird die Welt im Sturm erobern, sagte ihr Vater mit einem sehnsüchtigen Lächeln.

Es überraschte also niemanden, als Elena vierzehn Jahre später etwas Kreatives studierte. Voller Stolz verkündete ihre Mutter beim Frühstücksbrunch mit Cello-Begleitung, dass ihre Tochter an der Kunsthochschule angenommen wurde. Mama Silvia zückte dabei ihr Smartphone und zeigte ihren Freundinnen die Kunstmappe, die sie mit ihrem Handy abfotografiert hatte. So besonders. So reflektiert. So eine frische Perspektive auf die Welt, schwärmte Silvia über die Kunst ihrer Tochter. Die anderen Frauen griffen nach ihren Lesebrillen und schauten voller „Ohs“ und „Ahs“ auf die Bilder von mit Kohlestift gezeichneten Porträts trauriger Menschen und noch traurigerer Turnschuhe, abgewetzt und verlassen in der Ecke liegend. Eine Künstlerin, beteuerte die Mutter. Meine Tochter, erklärte ihr Vater.

Nach zwölf Semestern und einem Jahr Rucksackreise durch Südamerika stand Elena schwitzend in einem durch bunte Neon-Lichter verzerrten Techno-Club und starrte auf ihre gespenstig blassen Hände. Der Bass ballerte lauter als ihre Gedanken und doch drangen sie zu ihr durch. Zusammen mit dem tiefen Beat krachte sie auf den Boden der Tatsachen. Sie war arbeitslos und pleite. Ihre Kunst war nichts mehr als ein Social Media Kanal, der in seiner Hochphase fünfzig Likes erhielt. Nie so viele, wie die Bilder bekamen, die sie von sich selbst postete: Verschwitzt, verwackelt, möglichst abseits vom Mainstream und sich damit in all die Kanäle einreihte, die zu abgeklärt waren, um ordentliche Fotoaufnahmen zu posten.

Mit einem hämmernden Schädel und ranzigem Kotzegeschmack im Mund wachte sie in ihrem WG-Zimmer auf, bäuchlings auf der Matratze, die einfach auf dem Boden lag, weil Bettgestelle von Ikea nur etwas für Spießer waren. Ihr war schlecht. Vom Alkohol und der immer noch offenen Frage, was sie mit ihrem Leben anfangen sollte. Die Antwort befand sich in der rot-weißen Schachtel neben ihr, in der eine einzige Zigarette leicht angeknickt hervorlugte. Elena drehte sich auf den Rücken, schob sich die Kippe in den Mund, obwohl der Hals noch kratzte, zündete sie an, nahm drei Züge und rannte dann aufs Klo, um sich nochmals zu übergeben.

„Wilde Nacht?“, fragte Martin, ihr zehn Jahre älterer Mitbewohner, der in Jeans und Poloshirt vor ihr stand.

Elena lachte. Ein Spuckefaden zog sich von ihrem Mund zu ihrem klebrigen Handrücken. „Auf dem Weg zur Arbeit?“, gab sie zurück.

Martin nickte. Sein Ausdruck war eine Mischung aus Ekel und Bewunderung. Elena, mit ihren blonden Locken, die wie Flammen von ihrem Kopf abstanden, erkannte den Blick wieder. Es war der gleiche, mit dem sie sich selbst im Spiegel betrachtete. Etwas sollte sich ändern. Das war klarer für sie, als die nur nebulösen Erinnerungen an letzte Nacht. Der Ekel musste verschwinden. Reine Bewunderung musste her. Oder zumindest die Wunder, die Elena früher überall in der Welt entdecken wollte. Sie zog ihren Laptop unter der Bettdecke hervor, schloss die fünfunddreißig geöffneten Tabs und durchforstete die Stellenanzeigen. Eine Markenagentur suchte kreative Köpfe. Sie bewarb sich, die Bewerbung möglichst artsy, möglichst wild. Eine Stunde später wurde sie zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Die Bezahlung war miserabel, Überstunden gehörten zum guten Ton. Sie sagte zu.

„Was ist der Kern der Marke? Die Essenz?“, dröhnte die nasale Stimme ihres Chefs durch den Besprechungsraum.

Elena seufzte, schaute auf die bauchige Flasche mit der dunklen Flüssigkeit hinab. Noch ein Cola-Getränk, nach dem niemand gefragt hatte. „Grind Cola“ als Anspielung auf den „Grind“, den anstrengenden Weg zum Erfolg, der mit harter Arbeit verbunden war. Gemacht für junge, privilegierte Leute, die nie wirklich „Grinden“ mussten, weil sie es eigentlich immer leicht hatten. Für Menschen wie Elena, die wünschten, dass Koks noch in der Coca Cola wäre, damit sie es nicht auf dreckigen Clubtoiletten ziehen mussten und ihre Bankkarte dabei auf der Klospülung vergaßen. Was aber nicht weiter schlimm war, da sie ihr ganzes Geld sowieso für Alkohol und teure Drogen ausgegeben hatten. Und für ihr Image, das möglichst so wirken sollte, als wäre es ihnen egal, wie sie wirkten.

Elena räusperte sich.

Art Director Simon, der absolut deutsch war, aber gern in der englischen Variante seines Namens angesprochen werden wollte, sah sie an. Abwartend, abschätzend. „Elena?“

„Es geht um das Gefühl, das wir haben, wenn wir das hier trinken, oder? Wann trinken wir die Cola? Warum trinken wir sie? Easy.“ Demonstrativ nahm sie den Flaschenöffner, der kühl in ihrer Hand lag und hielt die Flasche in die Höhe. „Weil wir cooler sind. Cooler als Coca Cola, die sowieso nur Boomer und Desperate Housewifes konsumieren, weil sie hoffen, dass wenn ‚Diet‘ drauf steht, sie endlich ihre Schwangerschaftspfunde loswerden. Wir trinken sie, weil wir mehr Vibe haben als der Mainstream. Unser Erfolg beruht auf harter Arbeit, Kreativität und einer ‚I Don’t give a Fuck‘-Einstellung. Wir sind social aware. Wir sind woke.“ Sie öffnete die Flasche mit einer Handbewegung und trank einen Schluck. Anschließend lächelte sie in die Runde, als wäre sie die Hauptdarstellerin des Werbespots. „Schon wieder ein Fuckboy auf Grinder. Aber, who cares? Erstmal ’ne Grind Cola, dann auf die nächste Party.“

Elena wusste selbst, dass sie gerade einfach alle Worte nebeneinander gereiht hatte, von denen Simon, alias Saimon, glaubte, so würde ihre junge Zielgruppe sprechen. Und deshalb verwunderte sie es absolut nicht, als er mit seiner sommersprossigen Hand auf sie zeigte, die Nase einmal laut hochzog und „So nämlich!“, rief.

Der Schluck Cola brannte unangenehm in ihrem Magen. Sie schaute wieder auf die Flasche, inspizierte das Etikett, als wäre sie auf der Suche nach dem Beweis, dass tatsächlich kein Koks in diesem Getränk enthalten war. Der Geschmack schlechter Entscheidungen, verlorener Träume und zu hohen Erwartungen. Das war der eigentliche Kern dieser Marke. Aber statt ihre Gedanken laut auszusprechen, hob Elena die Flasche erneut hoch und prostete Simon in der Luft zu. „Der Drink für alle, die mit der Sinnsuche aufgegeben haben und stattdessen einfach das Leben genießen.“

Simon klatschte einmal laut in die Hände. „FUCKING YES“, brüllte er. „Bereite den Pitch bis heute Abend vor. 20 Uhr.“ Damit entließ er Elena und das restliche Team.

Mit einem Mal erschöpft wie nach einer durchfeierten Nacht ließ sie sich auf ihren Schreibtischstuhl fallen. Überall um sie herum waren Geräusche. Abgehackte Sätze, schrilles Lachen, laut krachend wurde ein Apfel gegessen. Großraumbüro. Die größte Lüge der Arbeitswelt. Statt für Kollegenzusammenhalt und offene Kommunikation zu sorgen, schürten die gemeinsamen Flächen und der konstante Geräuschpegel Hass und Lästereien.

Elena setzte sich ihre Noise-Cancelling-Kopfhörer auf den Kopf, strich die geglätteten Haare hinter ihre durchlöcherten Ohren und starrte auf den großen Bildschirm vor ihr. Ihre Reflexion schaute zurück. Sie erkannte sich selbst nicht. Nur eine düstere Silhouette. War das alles, was von ihr übrig geblieben war? Ihr eigener Kern? Ihre Essenz? Man hatte Elena gesagt, sie könne alles werden. Aber niemand hatte ihr erklärt, was man ist, wenn es nicht klappt.

Schulterzuckend entsperrte sie ihren Computer, startete den fünfzehn Stunden langen Weiße-Rauschen-Stream und schrieb: „Yolo, but not enough Fucks to give“, auf eine weiße, leere Folie.




Nicole Bianga, Jahrgang 1990, lebt mit ihrem Mann und Dobermann Knut in Hamburg. Sie hat Deutsch, Ethnologie, Multimedia-Produktion und Betriebswirtschaft studiert und arbeitet im Marketing eines Finanzunternehmens. Derzeit macht sie ein Online-Studium im Prosaschreiben und arbeitet an ihrem ersten Coming-of-Age-Roman über das Erwachsenwerden mit all seinen Zumutungen. Ihre Texte kreisen um die große Frage: Wie kann man in einer Welt, die ständig Erwartungen stellt, seinen eigenen Platz finden?








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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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