Niko Kreische für #kkl52 „Essenz“
Morbus und die Essenz der vier Elemente – Ein alchemistisches Märchen
Morbus, der kahlköpfige Hexenmeister, hatte mithilfe eines Zauberglases alle Inseln des Archipels in seine Gewalt gebracht.
Täglich wandelte er über das Dach seines Palastturms und schaute durch das Zauberglas. Er konnte damit jeden Fleck seines Reichs überwachen. Entdeckte er ein Anzeichen von Widerstand, dann hielt er das Glas in die Sonne. Ein Lichtstrahl schoss hindurch und am Ort der Untreue standen die Häuser in Flammen.
Jeder fürchtete Morbus und seine Macht schien unantastbar.
Doch eines Tages zeigte sich ein roter Fleck auf Morbus Stirn.
Erst beachtete ihn der Hexenmeister nicht, doch der Fleck wurde größer, die Haut brach auf und Kälte kroch in Morbus Knochen. Die Ärzte waren ratlos. Jeder Zauber und alle Heilmittel versagten. Der Fleck wuchs. Die Kräfte verließen den Hexenmeister und bald war er nur noch fähig, aus dem Bett heraus zu regieren. Seine Tage schienen gezählt, doch dann drang ein Gerücht an Morbus Ohr. Eine junge Frau habe die Gabe mit Pflanzen zu sprechen und um sie herum wäre stetiger Frühling.
Der bettlägerige Hexenmeister bäumte sich auf. Eine Erinnerung stieg in ihm hoch. Wo hatte er schon einmal von einer solchen Frau gehört? Ein Hauch einer Ahnung befiel ihn. Er verlangte nach dem Necronomicon. Seine Diener brachten ihm das schwarze Zauberbuch. Hastig blätterte er darin. Das Buch war dick und er brauchte lange, bis er fand, wonach er suchte.
Morbus befahl, man solle ihm umgehend diese Frau bringen. Die Soldaten, bleiche Männer mit leeren Augen, bestiegen führerlose Flugmaschinen, geformt wie Falken. Einer dieser Drohnen flog zur ahnungslosen Insel Harpa. Dort fanden die Soldaten das Dorf, in dem Emma lebte.
Sie war in ihrem prächtigen Garten, in dem alle Bäume Früchte trugen, als die Soldaten kamen. Mit Waffen, die Emma noch nie gesehen hatte, wurden alle Dorfbewohner in menschliche Fackeln verwandelt. Nur Emma und ihre jüngere Schwester Tahara blieben verschont. Die Soldaten nahmen sie mit.
Tahara hielt Morbus wie einen Singvogel in einem Käfig neben seinem Bett. Er war fasziniert von ihrem langen Haar, das er zu sich zog, so dass er sein entstelltes Haupt darauf betten konnte. Während Tahara im Käfig kaum zu atmen wagte, saß Emma vor dem großen Buch der schwarzen Magie.
„Lies und merke dir alles!“ hatte Morbus befohlen. Emma gehorchte und das Buch sprach zu ihr.
Es braucht die aufopferungsvolle Hingabe von vier Alchemisten, um die Essenz der vier Elemente zu vereinen, welches die Grundlage ist für das Elixier des Lebens.
Am nächsten Morgen rief Morbus sie zu sich. In seinen Augen funkelte die Gier nach Leben.
„Du wirst drei Alchemisten aufsuchen“, befahl er. Mit ihnen solle Emma das Elixier herstellen, von dem im Necronomicon zu lesen ist, denn sie sei die vierte Alchemistin, nach der er gesucht habe. Sollte sie Erfolg haben, würde er Taharas Leben verschonen. Emma schluckte.
„Und ich?“ dachte sie und kannte bereits die Antwort. Sie bestieg eine der metallenen Falken, dessen Flügel wie Schwertklingen blitzten.

Arpachshad im westlichsten Zipfel des Archipels war ihr erstes Ziel. Die glitzernde Stadt lag neben einem tiefen schwarzen Krater. Hier herrschte der jugendliche Alchemist Zephyr. Rosig war seine Haut und golden schimmerte sein Haar.
„Wir müssen das Unmögliche schaffen“, sagte Zephyr bei der Begrüßung und in seinen Augen flackerte Besorgnis. „Wenn wir versagen, wird Morbus mein geliebtes Arpachshad vernichten, so wie er es mit unserer Zwillingsstadt getan hat.“
„Ich habe das ausgebrannte Loch gesehen“, bestätigte Emma und folgte Zephyr in seine Sternenwarte. Die Nacht war wolkenlos. Unter Zaubersprüchen sickerte Sternenlicht in eine Phiole. Mit jeder Stunde füllte es sich und mit wachsendem Schrecken beobachtete Emma, wie Zephyr alterte. Sein goldenes Haar wurde grau und seine Wangen fahl. Als der anrückende Morgen die Stadt berührte, versiegelte der greise Zephyr das Fläschchen.
„Noch bevor die Sonne untergeht, muss mein Freund Obsidian sein Werk vollrichten. Ansonsten wird die Sternelichtessenz erlöschen und unsere Bemühungen waren umsonst.“ Das waren die letzten Worte des Alchemisten bevor er zu Staub zerfiel.
Emma nahm das leuchtende Fläschchen an sich. Mit schwerem Herzen verließ sie die Sternenwarte. Davor wartete der Falke.

In Helem, der weißen Stadt an den nördlichen Kalksteinklippen, wurde sie bereits von Obsidian erwartet.
„Was sind das für Zeiten“, klagte der Alchemist mit dem sonnengebräunten Gesicht und wies Emma den Weg zu einer Grotte, an dessen Mauern die sanften Wellen des Nordmeeres schlugen. Eine Öffnung im Felsen ließ das Licht der untergehenden Sonne hinein.
„Schnell!“, forderte Obsidian und setzte einen Fuß ins Wasser. „Die Flasche. Ich muss das Abendrot einfangen.“
Obsidian ging hinab, bis ihm der Wellenschaum bis zum Oberkörper reichte. Die rote Sonne versank im Meer und warf einen letzten glühenden Schein über das Wasser. Der Alchemist sprach ein Zauberwort. Dann tauchte er mit samt der Flasche unter. Emma hielt den Atem an. Mit einer Welle kam ein roter Strom in die Grotte geflossen. Es wurde heiß und Dämpfe stiegen auf. Obsidian trieb leblos auf dem Wasser. Neben ihm schaukelte die Flasche. In ihr glomm ein blaues Feuer.

Der Falke brachte Emma nach Shaushka, dem Vulkanpalast. Die Alchemistin Meditrina war kurz angebunden.
„Ich weiß alles“, ließ sie Emma wissen. „Ich habe es in meiner Zauberkugel gesehen. Zephyr und Obsidian sind tot. In der Flasche steckt die Essenz zweier Elemente. Und das Schlimme ist, auch ich werde mein Leben geben müssen.“
„Tun wir das Richtige?“ fragte Emma.
Meditrina zuckte mit den Schultern.
„Wahrscheinlich nicht. Aber Morbus Zauberglas ist einfach zu mächtig. Wenn ich sterben muss, damit meine Insel bleibt, dann ist es so.“
Sie gingen schweigend in einen rußschwarzen Saal, in dessen Mitte ein Loch klaffte, in dem das Blut des Vulkans brodelte. Meditrina entriss Emma die Flasche und tauchte ihre Hand in die Lava. Flammen hüllten die Alchemistin ein. Keinen einzigen Schrei gab sie von sich. Emma sah zu, wie Meditrina verbrannte und spürte die Tränen nicht, die ihr über die Wangen liefen. Alles, was von der Alchemistin übrigblieb, war ein Nest aus Asche, in dem das Fläschchen steckte.

Zurück am Hof des Hexenmeisters grub Emma ein Loch in die Erde, in das sie einen Apfelsamen steckte. Sie konnte nicht erklären, woher sie wusste, was sie zu tun hatte. Sie tat es einfach. Sie kniete sich hin, nahm die Flasche zwischen ihre Knie und legte ihre Hände auf die schwarze Erde. Es dauerte nicht lange und aus der Erde bohrte sich ein grüner Spross.
Es war früher Abend, als Tahara ängstlich den Hof betrat. Morbus hatte sie frei gelassen. Im Hof stand ein großer Apfelbaum. Er trug Früchte. Aber da war etwas anderes, dass Taharas Aufmerksamkeit weckte. Am Stamm lehnte eine Flasche, von dem ein grünes Licht ausging. Tahara erschauderte. Morbus hatte ihr unter einer Bedingung die Freiheit gewährt. Sollte ihr ein grünes Fläschchen begegnen, sollte sie es ihm bringen. Widerwillig nahm sie das Gefäß an sich. Sie wollte den Palast nie wieder betreten und doch setzte sie ihren Fuß über die Schwelle.
„Du hast es?“ krächzte der Hexenmeister, dessen Körper ganz rot und geschwollen war. „Gib mir daraus zu trinken!“ Mit Abscheu folgte Tahara dem Befehl. Sie setzte das Fläschchen an die blutenden Lippen. Mit Grauen stellte sie fest, wie sich Morbus Pranke um ihr Handgelenk schloss. Mit ungeahnter Kraft drückte er zu. Tahara wurde schwarz vor Augen.
Als sie wieder zu sich kam, fühlte sie sich sehr schwach und ihr ganzer Körper juckte. Sie lag auf einem Bett und war irritiert, dass sie sich dennoch vor einem Spiegel stehen sah, in dem sie sich bewunderte.
„Jugend, oh schöne Jugend“, hörte sie sich sagen. Doch es war nicht ihre Stimme. Sie wollte etwas sagen, doch aus ihrem Mund kam nur das Krächzen eines todkranken Mannes.
Niko Kreische (45) ist in Berlin geboren und der Stadt treu verbunden. Er hat Skandinavistik und Neuere und Neuste Geschichte an der Humboldt Universität zu Berlin studiert. Er arbeitet als Projekt- und Schulungsleiter in der IT-Gesundheitsbranche. Seit seiner frühen Jugend fertigt er Comics und Illustrationsarbeiten an. Er ist der Begründer einer erfolgreichen Schreibgruppe und Mitglied eines Bücherclubs, welcher sich vorrangig mit der Literatur der Weimarer Republik auseinandersetzt. Aktuell bereitet er die Veröffentlichung des Science-Fantasy-Romans “Das Atoll” vor. Mehr zum Roman unter: www.nikokreische.de.
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