Alle Farben

Jennifer Pohl für #kkl52 „Essenz“




Alle Farben

Als Kind konnte sie nicht mit Bleistift schreiben, weil ihr von der Farbe Grau schlecht wurde. Daran dachte sie, als die Ruhe einkehrte, als alles sich legte, ordnete, leise wurde, das Rauschen, das ständige Rauschen im Hintergrund endlich erlosch. Das Blut rann über ihre Wade, es war viel zu rot, um echt zu sein. Sie konnte es förmlich schmecken, süß, warm, einladend stand das Rot, das Blut, für sie wie nichts Anderes für Kontrolle, Lebendigkeit, für Erleichterung und kurze Hoffnung. Für die Hoffnung, auszubrechen, bevor der Kreis sich wieder schloss.

Das Blut nahm mit sich das, was in ihren Kopf sickerte, und sie lähmte, es floss durch ihre Adern, sie spürte das und sie wollte es loswerden. Gift. Dann war alles wieder richtig, sie fühlte sich sauber, für einige wenige, so wertvolle Augenblicke, nicht wie jemand, der seine Umgebung mit dem Gift in den Adern, der soghaften Dunkelheit, die in ihr lauerte, wartete, mit in den Untergang riss. Sie fürchtete, wusste, fühlte, so wie sie das Gift fühlte, das durch ihre Adern floss, dass sie ansteckend war, dass ihre Dunkelheit, zäh, schwer, sich auf Menschen übertragen könnte, käme sie diesen zu nah. Darüber dachte sie viel nach und sie beschloss, dass sie das nicht wollte. Niemand sonst sollte dem ausgesetzt werden. Das wäre nicht fair von ihr.

Vielleicht sollte das mein Geheimnis bleiben, dachte sie. Ein Geheimnis, weil sie wusste, dass es so nicht sein sollte, dass die Menschen, die wirklich lebten, sich angebrachter zu helfen wussten. Sie dachte, dass wohl jeder etwas in sich trug, gegen das er ankämpfte, vielleicht war das Gift in ihren Adern einfach hartnäckiger, deshalb konnte nur das Blut es für eine Weile mit sich aus dem Körper tragen, sie erleichtert zurücklassend.

Es gab einige Dinge, von denen sie wusste, dass sie wichtig waren, weil sie es bei den anderen Menschen beobachtete. Zeitgleich wusste sie ganz genau, dass sie viele dieser Dinge einfach nicht verstand, und sie wusste auch, dass das an ihr lag, weil ihr etwas fehlte, etwas ganz Maßgebliches. Dies verwehrte ihr Teilhabe, das wusste sie, weil sie es ausprobiert hatte, Teilhabe an dem Leben, das sie die Anderen leben sah, sie war für immer nur ein Zuschauer, sie sah keinen Weg hinaus aus der Verzweiflung, in der sie sich selbst gefangen hielt. Liebe, das hatte sie schon oft gehört, ein Wort, das für sie nur in der Theorie eine Bedeutung hatte. Liebe, sie sollte es sein, die die verzweigten Pfade des Lebens zusammenführte, allem eine Bedeutung gab. Ich kann nicht lieben, dachte sie, das war für sie klar, und war sich dabei ihrer absoluten Isolation bewusst, für immer allein unter Menschen. Wie sollte das gehen, Liebe band einen an eine andere Person, aber sie war ein Nichts, zu wenig, in ihr gab es nur das Gift, das sie niemals ganz loswerden würde, die Leere und ihre Dunkelheit. Ihre Dunkelheit, soghaft und zäh bestand sie aus all dem, was sie niemals würde aussprechen können, niemals würde gehen lassen können. In der Leere, die allumfassend sein konnte, schwebten die Bruchstücke ihres Lebens ungeordnet und bedeutungslos, versuchten, sich zu einer Geschichte zusammenzusetzen, die ihr erzählen konnte, wer sie war. Doch jedes Mal, wenn sie dachte, dass etwas greifbar wurde, entglitt es ihr wieder. Sie war keine Person, sie war unvollständig, fehlerhaft, sie war nichts und konnte demnach nichts geben. Mich kann man nicht lieben, ich bin nicht greifbar, ich bin gar nicht da, dachte sie immer und immer wieder und verlor sich somit tiefer und tiefer in sich selbst. In ihrer Verzweiflung, undefinierbar, nicht eingrenzbar, lähmend und doch nicht so kalt und einsam wie die Leere, war sie auf der Suche nach etwas, das ihr half, sich selbst die Geschichte ihres Lebens zu erzählen, die Bruchstücke zu etwas zusammenzusetzen, das die Leere im Zentrum ihres Ichs nach und nach füllen könnte. Ihre Verzweiflung, wie alle Gefühle, war allumfassend, aber sie war ein Gefühl, mit dem sie interagieren konnte, das sie zu Gedanken führte, die der zähen Dunkelheit in ihr nahekamen, sie fast erreichten, und sie manchmal sogar traurig sein ließen. Die Traurigkeit, so selten sie auch war, war wie ein Aufbrechen, ein Gefühl, das die Verzweiflung ihr manchmal überließ, ein Gefühl, durch das sie sich für einen Moment mit der Außenwelt verbunden fühlte. Dieses Gefühl, traurig sein, sie wusste, dass alle Menschen das fühlten, und das ließ sie für einen kurzen Moment über ihrem unsichtbaren Gefängnis schweben, kalt und einsam, sie spürte eine Wärme, die aber nach ein paar Augenblicken vorüber war. Traurigkeit war ein Schatz für sie, sie wusste, dass sie alt war, so alt wie ihre Dunkelheit, die sie nicht zu berühren wagte, da das so schmerzhaft werden konnte, dass sie zurückfiel, fiel und fiel in die kalte, absolute Leere, sich wieder in sich selbst verlor. Sie versuchte seit sie sich erinnern konnte, sie glaubte sogar schon bevor die Leere überhaupt einen Namen hatte, sich an die Worte, die Geschichten, die andere geschrieben hatten, zu klammern. Worte, die jemand anderes lebendig gemacht und zu ihr gebracht hatte, indem er sie aufschrieb, sie nahm diese Worte und die Geschichten, die sie erzählten, in sich auf und sie flüsterten ihr zu, wie es war, zu fühlen, ohne sich dabei zu verlieren, die erzählten und ihr halfen, bestimmte Aspekte ihres Seins, die für sie  kaum beschreibbar waren, einzukleiden in Worte und sie somit greifbar zu machen. Sie lebte in den Geschichten, die sie las, sie erzählten ihr, wie sie sich sehen wollte, in Relation zu der Außenwelt, von der sie ein dicker Nebel trennte. Doch die Geschichten der anderen begleiteten sie nur für eine bestimmte Dauer, die Leere holte sie zurück, sobald sie die letzten Worte nicht mehr halten konnte. Kalt und präzise, die Leere, sie holte sie zurück, nahm ihr die Worte, die sie so sehr brauchte und wollte. Die Verzweiflung, die sie überrollte, ließ sie kurz auf Traurigkeit, Erleichterung hoffen, doch sie machte Platz für eine Hoffnungslosigkeit, die bodenlos war. Zurück in ihr eigenes, kaltes, gnadenloses Ich.

Sie wusste, dass sie nicht leben konnte in der Außenwelt, sie wusste das durch die Worte, die ihr Geschichten über das Leben der anderen Menschen verraten hatten, sie wusste es, weil sie es ausprobiert hatte. Dabei hatte sie gemerkt, dass sie irgendwie durchlässig war, sie eine viel zu dünne Haut hatte, die alles durchließ, sie war ausgesetzt, hilflos. Dann kam der Nebel und trennte sie von dieser Welt, schottete sie ab und nahm ihr die tiefsten Tiefen der Gefühle. Sie hatte nachgedacht und Worte gefunden für etwas, über das sie oft stolperte in Gedanken, von dem sie merkte, dass es sie weiterdenken ließ, ihr eine Ahnung gab, was außerhalb der unbändigen, unkontrollierbaren Emotionen liegen könnte, dieser Emotionen, die kreisten und sie niemals losließen, denen sie niemals die Kontrolle über ihr ganzes Sein würde entziehen können. Sie wollte ihre Dunkelheit nicht mit nach draußen bringen, sie beobachtete die Menschen in der Außenwelt gerne und sie entschied für sich, dass sie ihre Dunkelheit lieber bei sich behielt. Es war ein neuer Gedanke gewesen, bei dem sie kurz die Perspektive wechseln durfte, fast schon dachte, dass sie etwas fühlte, das unabhängig war von ihr selbst, das sie etwas erahnen ließ, von dem sie dachte, dass die anderen Menschen es auch fühlen könnten, für einen Augenblick, der lang genug war, um das Gefühl einzufangen, bevor es wieder weg war, ließ es sie etwas spüren, das sie nicht kannte, sich ihrem Wortschatz entzog, es war ein kurzer Einblick, eine flüchtige Idee von Losgelöstheit, von Möglichkeiten, von etwas, das sie versuchte, in ihrem Inneren sorgfältig abzulegen, es in Gedanken regelmäßig zu besuchen und lebendig zu halten, zugänglich zu halten. Sie wollte daran festhalten, es nicht loslassen, doch sie war zu zaghaft und der Kreis schloss sich, wie immer, für immer. Sie kämpfte gegen das Nichts, das sie war und in dem sie sich so oft selbst verlor, in dem Nichts und der kalten, endlosen Leere wurde sie zu der Dunkelheit, zäh, unnachgiebig, zusammengesetzt aus etwas, das sie nicht benennen konnte, das weit hinter ihr lag aber sie trotzdem, immer wieder, vollkommen vereinnahmte.

Das Blut, das an ihrer Wade herunterrannte, hatte sich auf dem weißen Bettlaken unter ihr gesammelt und einen großen, viel zu roten Fleck gebildet. Es war viel Blut gewesen, die Farbe war überall verteilt. Sie stand auf und legte die Bettdecke darüber, vergangen, ausweglos, viel zu unecht. Das Blut rann immer noch an ihrem Bein herunter, sie wusste das, aber sie spürte es nicht mehr.




Jennifer Pohl
„Auf den Schwarzwald blickend lebe ich in Freiburg im Breisgau, ich bin 31 Jahre alt und lebe in einer etwas chaotischen, manchmal unberechenbaren Welt, irgendwo zwischen Museum, Technoparty und Waldspaziergängen.






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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