Unison im Hinterhof

Julia Syndram für #kkl52 „Essenz“




Unison im Hinterhof

Elises Füße schwangen frei über dem Boden. Normalerweise mochte sie es nicht, wie sie ihre baumelnden Beine daran erinnerten, inadäquat in ihrer Größe zu sein. Sicher, sie war erst fünf und die großen Menschen erzählten ihr immer wieder lachend, dass es gar nicht so lange dauern würde, bis sie wie ein Pilz in die Höhe schoss. Aber was wussten die schon, sie waren ja bereits groß und mussten sich nicht immer laut bemerkbar machen, um wahrgenommen zu werden. Sie hatten keine piepsende Stimme, die immer nur belächelt wurde und erst recht keinen Abgrund, der sich täglich unter ihren Füßen auftat.

Aber heute war kein gewöhnlicher Tag. Nicht nur, weil der Wind angenehm kühl durch ihre Zehen beim Schwingen der Schaukel blies, und ihr an diesem schwülen Sommertag ein Gefühl von Erhabenheit brachte. Nein, er war vor allem dadurch ungewöhnlich, dass sie sich zum ersten Mal nicht einsam in ihrer kleinen Existenz fühlte. Die großen Menschen waren im besten Fall langweilig, im Durchschnitt jedoch unterdrückend, besonders ihre Eltern gaben Elise konstant das Gefühl nicht genug zu sein. Sie war zu jung um den drückenden Schmerz in ihrer Magengrube einzuordnen, doch ungeachtet dessen war und blieb sie ein zum Denken fähiger Mensch. Ihr entging im Gegensatz zur Auffassung ihrer Eltern nur wenig, und deren emotionale Blasiertheit erst recht nicht.

Maltes Anwesenheit war von daher wie der Wind in ihren gepunkteten Sandalen. Eine Wohltat, der ihr ganzes Sein, ja ihre Essenz, berührte. Sie hatte ihn vor einigen Wochen aus der großen Schaar von Jungen ausgewählt, die sich im Kindergarten tummelten. Anlass war der Kommentar ihrer Mutter gewesen, dass ein Partner für eine Frau unerlässlich wäre. Schniefend hatte sie hinzugefügt, dass man bei der Wahl jedoch nicht vorsichtig genug sein konnte. Zu oft kam es vor, dass sich Männer besonders aufregend und wichtig präsentierten, nur um sich als die größte Enttäuschung des Lebens herauszustellen. Um sie zu trösten, hatte Elise ihr den Muffin überlassen, den sie zur Vesper im Kindergarten erhalten hatte. Als dieser jedoch nicht die gewünschte Wirkung erzielte, begann sie ihr beweisen zu wollen, dass sie die Worte der Mutter zu Herzen nahm. Das würde sie bestimmt glücklich machen, beklagte sie sich doch sooft, dass ihr niemand zuhörte.

So hatte sie sich vorgenommen, ihren Partner fürs Leben zu finden. Denn je früher sie einen passenden Freund fand, desto länger hatte sie ja einen fürs Leben. Das Problem bei Gleichaltrigen war nur, dass die meisten recht nachlässig in ihrem Auftreten waren. Sie konnte ihrer Mutter ja schlecht einen Freund präsentieren, dem konstant die Nase lief, und der einem nicht Mal in die Augen blickte beim Hände schütteln. Oder noch schlimmer, der Mädchen aus Prinzip blöd fand und sie wie so viele es bei Elise schon getan hatten, an den Haaren zog oder ihr mit der Schaufel auf den Kopf haute. Malte war da anders. Malte war meistens für sich allein, er hatte für einen fünfjährigen recht ausgeprägte Interessen, die sich von Käfern bis hin zu Dinosauriern zogen. Ein Kennenlerngespräch mit der Mutter sollte von daher nicht langweilig werden.

Nachdem Elise alle diese Qualitäten bei Malte festgestellt hatte, war sie also auf ihn zu gegangen und hatte mit fester Stimme gesagt „Du darfst mein Freund werden“, woraufhin Malte zu ihrer Überraschung nur genickt hatte. Kein einziges Mal hatte er sie seitdem eklig oder nervig genannt, also war sie vor zwei Tagen noch einen Schritt weitergegangen und hatte ihn nach einem Date gefragt. So machten das die großen Menschen im Fernsehen schließlich ständig, wenn sie erstmal die Schwelle zur festen Beziehung übertreten hatten, da war es ja nur angemessen, dass sie es ihnen gleichtat. Auch wenn sie nicht viel vom Daten verstand. Malte im Übrigen auch nicht, also hatte sie sich erbarmt und ihre glorreiche erste Verabredung selbst geplant. Das hätte der Mutter wahrscheinlich nicht gefallen, sie beschwerte sich ja auch oft darüber, dass sie beim Vater alles selbst machen musste. Aber Malte war ja noch jung, und nicht schon alt und griesgrämig wie der Vater, da konnte das ja alles noch was werden.

Mit der Planung hatte es an diesem Punkt noch lange nicht aufgehört, schließlich mussten Dates ja auch Spaß machen. Also überlegte sie an dem verabredeten Tag lang und breit, was sie nun mit dem Jungen anfangen sollte, als seine Mutter ihn vor Elises Haustür absetzte. Malte wollte ihr seinen größten Schatz zeigen, das neue Panini-Buch zur anstehenden EM, aber dafür hatte sie keinen Nerv und außerdem wollte sie ihn nicht sofort mit ins Haus schleppen. Das war für die großen Menschen ja auch ein ziemliches No go. Letztendlich rang sie sich dazu durch, ihn in den Garten mitzunehmen, der sich hinter ihrem Mehrfamilienhaus befand. Dort gab es eine Schaukel und einen Sandkasten, damit würden sie sich ja schon irgendwie arrangieren können.

Elise und Malte fremdelten zu Beginn ordentlich miteinander, viel gemein hatten sie, bis auf ihre Korkenzieherlocken, ja nicht. Doch dann leuchteten seine grauen Augen begeistert auf und er schnellte in die Rhododendronbüsche, die Elise sonst mied, weil sie so unangenehm klebrig waren. Sie hatte schon die Befürchtung das er so einfallslos war, ihre eine Blüte vom Busch zu pflücken. Doch stattdessen kehrte er mit einer gelben Kugel zurück. Beim näheren Hinschauen entpuppte sie sich als eine Schnecke. Elise mied diese langsamen Wesen, seit ihre Großmutter vor ihren Augen ein nacktes Exemplar mit einer Gartenschere halbiert hatte. Das schnalzende Geräusch dieses routinierten Mordes hallte ihr bis heute in den Ohren.

Bitterlich geweint hatte sie damals, während grüne Säfte aus dem toten Tier traten. Die Großmutter hatte darüber nur lachen können und gemeint „Aber, aber, Lieschen, die muss man zerschneiden, sonst fressen sie noch die schönen Primeln, die magst du doch so gern, oder?“. Elise hatte damals nur mit dem Kopf schütteln können, während ihre Sicht mehr und mehr verschwamm. Keine Primel der Welt war es wert, so einen Schrecken über andere zu bringen. Als kleiner Mensch sympathisierte sie mit allen kleinen Artgenossen, Schnecken wollte sie davon nicht ausschließen. Doch ihre Großmutter lachte nur weiter, damals wie heute nahm keiner der großen Menschen Elises Herz ernst.
Sie hatte Angst, dass Malte ähnliche Ansichten in sich tragen könnte, doch stattdessen streichelte er behutsam den glänzenden Körper des Tieres, und murmelte „Schau mal, wie schön“. Berührt trat Elise näher und tatsächlich, mit ihrer geriffelten Haut, die wie Drachenschuppen aussah, ihren zaghaften hoch- und runterfahrenden Fühlern und golden leuchtendem Haus war die Schnecke wunderschön. Malte legte seine warme Hand über die ihre, welche Elise von ihr selbst unbemerkt ausgestreckt hatte. Langsam wanderte die Schnecke von Kinderhand zu Kinderhand, als hätte sie ihr stilles Verlangen vernommen. Die Schnecke kitzelte sie mit ihrer kalten, sich wellenden Haut. Ein Schauer stieg in ihr auf, als ihre kleinen Fühler sie betasteten. Es war, als würde die Schnecke Maltes Inneres Elise durch ihre Berührungen offenbaren. Seine Warmherzigkeit, die sie auf der glänzenden Spur von Maltes, auf ihre Hand gebracht hatte.

Endlich wich die Anspannung aus ihr, die sie unterbewusst seit langem mit sich trug. Mit ihrer freien Hand griff sie nach Maltes Fingern und sagte freudig „Komm, wir suchen ihr einen Freund“. Wenn sie schon das unbändige Glück besaß, einen Partner fürs Leben gefunden zu haben, dann sollte der Schnecke das gleiche zuteilwerden. Das war sie ihr schuldig, dafür dass sie Malte zu Elise gebracht hatte. Sie zog den Jungen mit sich in die Büsche, mit klopfendem Herzen setzte sie sich mit ihm auf den Boden und tastete mit ihren Blicken sein Gesicht ab. Bisher waren ihr die Gefühle anderer, abseits ihrer Eltern und manchmal ihrer Großeltern, relativ egal gewesen. Aber heute verspürte sie erstmals eine freudige Neugier, mehr über die eines anderen zu erfahren.

Bedächtig suchte er den Boden ab, strich mit seinen Fingern langsam über die Blätter am Boden. Elise mochte, wie ernst er sie nahm, wie bereitwillig er gewesen war, ihr in allen Sachen zu folgen. Sie mochte, wie offen er Dinge mit ihr teilte. Sie wusste nur allzu gut, dass dies alles nicht selbstverständlich war. Und während sie immer weiter in eine tiefere Zuneigung rutschte, pflückte Malte eine weitere Schnecke von einem Zweig. Er machte seine Hand zu einer Traufe und legte die braune Kugel sachte hinein. Langsam stiegen sie mit den beiden Schnecken aus dem Gebüsch und legten sie vorsichtig auf dem Gras vor der Schaukel ab. Sie sahen zu, wie die zwei aufeinander zu glitten, sich ihre kleinen Fühler schließlich trafen. Eine angenehme Stille umgab Elise und Malte, während sie den Tieren bei ihrer Begegnung zuguckten. Irgendwann zupfte Malte ein Blatt vom Boden und legte es zwischen die beiden.

„Damit sie was zum Essen haben“ sagte er und lief zur Schaukel, um von dort die Schnecken weiter zu beobachten. Elise tat es ihm gleich und starrte auf ihre beiden Beinpaare, die sich wie die Fühler der Schnecken gleichmäßig bewegten. Ihr Blick glitt auf die Schnecken und sie stellte sich vor, wie sich beide verbanden. Die Mutter hatte ihr davon erzählt, wie Schnecken sich paarten, in dem sie einen weißen Faden zwischen sich ausstreckten. Ja, Liebespfeil hatte es die Mutter genannt und am Ende bildeten sie daraus eben ein Band, so dass sie unzertrennlich zu einem wurden. Elise hatte bereits Feuerwanzen gesehen, die sich am jeweiligen Ende verbanden, um zusammen durch die Welt zu krabbeln. Aber das Band der Schnecken, wirkte auf sie wie die ultimative Verbindung, jene die die sonst so unumgängliche Grenze zwischen der Essenz zweier Existenzen sprengte. Elise schloss die Augen und stellte sich vor, wie sie sich zu Malte wandte, wie sich ihre Lippen miteinander verbanden, als würden sie wie die Schnecken einander abtasten. Ihre Zungen glitten ineinander, wie die der großen Menschen es taten, und ein glitzerndes Band verband sie in ihrer Vorstellung miteinander.
Das Band wurde länger und länger, seine Farbe ging langsam auf die Körper der beiden Kinder über, bis selbst ihre körperlichen Hüllen miteinander zu einem verschmolzen. Ein seltsames Prickeln überkam sie bei diesem Gedanken, ihr Herz schlug schneller. Ja, sie wollte mit Malte zu einem werden, die verfluchte Einsamkeit hinter sich lassen. Ihre Schaukel kam knarzend zum Stehen. Sie griff nach Maltes Hand und zog sie zu sich, so dass er bald ruhig und verwundert neben ihr schwang. Flatternd öffnete sie ihre Augen, fixierte den Jungen mit ihrem Blick und beugte sich vor, bis sie die Wärme seines Atems spürte.

Sie wollte ihn mit all ihren Sinnen erfahren, also schloss sie erneut die Augen und tastete ihn mit ihren unsichtbaren Fühlern ab. Doch anstatt die wohlige Wärme zu fühlen, die sie durch seine Hand mit der Schnecke erfahren hatte, machte sich eine unbekannte Angst in ihr breit. Was, wenn Malte ihr Inneres abstoßend fand, sich nicht komplett mit ihr verschmelzen wollte? Was, wenn er wie der Vater werden würde, sobald sie die Einheit mit ihm forderte? Sie traute sich nicht, so befreit wie die großen Menschen ihre Körper zu verbinden, kam sich auf einmal ungelenk und unzulänglich vor. Aber da war es schon zu spät, instinktiv war Malte ihr näher gekommen und so trafen geräuschlos die Stirnpartien der beiden aufeinander. Enttäuscht stelle Elise fest, dass kein Band hervortrat, wie sooft konnte sich ihre Fantasie nicht an die Grenzen der Realität anpassen. Doch sie gab ihr Bestes, ihre Essenz mit der Berührung an Malte weiterzugeben. Der Junge hingegen spürte nichts von ihren Anstrengungen, er nahm nur wahr, wie sehr Elises Atem zitterte und ihr Haar süßlich nach Erdbeer-Shampoo roch. So verharrten sie dennoch in ihrer eigenen Ewigkeit, jeder in seinen eigenen Wünschen und Wahrnehmungen gefangen. Die Schnecken waren unbeeindruckt dessen hinfort gekrochen und verschwanden unvermählt in den Büschen.  




Julia Syndram wurde 1999 in Dresden geboren. Sie studierte Politikwissenschaft in Halle und arbeitet nun in der politischen Landschaft Berlin. Sie schreibt über gesellschaftliche Missstände und die Banalitäten des Lebens. Ihre Texte und Kurzgeschichten erschienen u.a. im kaffee und kippen Magazin, bei Pigeon Publishing und den Literarischen Blättern.






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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