Dorfessenz

Julius Katins für #kkl52 „Essenz“




Dorfessenz

Was draußen der Flussnebel war, war hier drinnen der Zigarettenrauch. Draußen schmiegte sich der Mondschein dicht in das Grau, hier versteckte sich das künstliche Licht hinter dem Qualm.

Draußen waren die Straßen verlassen, hier tummelten sich Herren dicht an dicht. Sie saßen an Tischen, auf denen sie höchstens einen Arm ablegen konnten, weil auf der anderen Seite der Nebenmann einengte. Andere teilten sich Barhocker, dann blieb für beide weniger als eine halbe Sitzfläche, sodass man sich Hüfte an Hüfte drängte, einen Fuß auf der Sprosse ablegte und mit der anderen Fußspitze am Boden balancierte. Wer zu spät gekommen war, stand eben im Raum – mit anderen Zuspätkommern gemeinsam. Es war, als spielte in diesen Stunden das gesamte Leben in genau diesem Winkel des Dorfes. Als verdichtete sich hier die Essenz.

Schwer umarmten Rauch und Menschenwärme Wilhelms Vater. Hier sollte er sich vom Mantel freimachen. Hier kam man an. Hier blieb man länger.

Zuvor wollte er einen Ort für sich finden. Einen, an dem er weniger das Gefühl hatte, beobachtet zu werden, und wo er ohne große Beteiligung in das Geschehen eintauchen konnte. Je länger er so im Eingang stand, desto mehr Aufmerksamkeit bot man ihm dar. Hatte beim Betreten noch ein Stimmenrauschen bis zur Raumdecke getost, sank es jetzt Sekunde für Sekunde hernieder. Nur noch Flüstersilben blieben: da, wo, der, was, still, wer, guck, wie, Behler, nein, doch, wo, da, oh, schau, wahrhaftig, dort, Behler, ja, warum, hab‘s, jaja, doch, jaja, gesagt, jaja. Man stieß dem Nachbarn in die Seite, man drehte sich, man reckte das Kinn.

Links auf Höhe der Eingangstür grenzte ein Holzbalken eine Nische mit Einzeltisch ab. Constantin Behler schritt dorthin, knöpfte den Mantel auf, beließ ihn an und nahm Platz. Gerade so passte er mit stark gekrümmtem Rücken unter den Balken. Er stützte die Ellenbogen auf den Tisch, legte das Kinn auf die ineinander gefalteten Hände und – ja, was tat er eigentlich? Das fragte er sich nun selbst, während in der gesamten Stätte noch immer kein Schritt getan, kein Glas gehoben, kein Witz gerissen, keine Floskel gesprochen, keine Karte gespielt und keine Zichte geascht wurde.

Er sah auf die Holzstreifen der Tischplatte, die wohl aufgrund der seltenen Besetzung der Nische noch völlig unversehrt verliefen – fast wie das Flüsschen vorhin durch das Dorf. Nachdenken, das wollte er weiterhin. Aber sollte ihm das hier besser gelingen?

Als Antwort flog ihm ein Pappdeckel ins Sichtfeld. Darüber erschien eine Fleischhand und zog mit einem Bleistiftstummel einen kräftigen Strich. Das gut gefüllte Bierglas folgte in derselben Sekunde. Etwas Schaum lief den feuchten Rand hinab.

Ob er seinen Suff jetzt in aller Öffentlichkeit austragen wolle, rief einer. Ob er endlich eingesehen habe, dass man vor den Kindern nicht zu trinken hat? Darauf traute sich ein nächster eine Bemerkung zu, die wieder einen anderen ermutigte und so weiter, bis die Rufe durch die Trinkstube flogen: Kannst nicht jedes Problem ertränken! Saufen bis zum Umfallen? Wirst schon sehen! Im Bodensatz – du dich nicht schämst? – auch keine Lösung! Peinlich! Binde kippen? Zu Durstig! Kein Gewissen? Vielleicht hat ihn auch einfach die Frau rausgeschmissen!

Da sah Herr Behler sich um. Der knapp ein Meter fünfundsechzig große Metzgermeister Dieter Strobel überragte im Stehen die Leute, setzte sich aber infolge des Blickkontakts wieder hin. Constantin Behler erhob sich aus der Nische. Kurz stand er der Menge gegenüber, die Hände hingen ihm schlaff neben dem Körper. Kein Zeuge wagte zu blinzeln.

Dann sprach er: „Ja, ihr habt Recht, ich bin Witwer und verzweifle daran. Aber Alkohol habe ich nie getrunken und zu euch gekommen bin ich nur, weil ich hoffte, mir ginge es besser, wenn ich ein wenig mehr wäre wie ihr.“

Niemand erwiderte etwas, alle glotzten. Und daher, im Affekt – eines kam zum andern – ergriff er das Bier, prostete den Leuten zu, sagte „Wohl sein!“ und trank. Das war wie ein Weckruf. Jetzt reagierten alle auf die bekannte Parole, hoben selbst die Gläser und jubelten über den Aufruf.

Eine Tischbesatzung winkte Herrn Behler heran. Er müsse alle Gläsergrößen kennenlernen, wenn er denn schon dabei war. Er solle dies probieren und jenes, und ob er denn schon mal davon gehört habe? Und Herr Behler, der Neue, verneinte, denn was sollte er schon tun, außer die Wahrheit zu sagen. Also bestellte man eine Runde, wozu man auch ihn zählte, und weil er in der Schnelle die Bedeutung des Schauspiels gar nicht begriff, trank er mit.

Je mehr er trank, desto mehr Gefallen fand er sogar daran. Es war leicht, den Kopf zur Seite zu neigen, während jemand eine Geschichte vortrug, dabei zuweilen mit den Fingerknöcheln auf den Tisch zu klopfen, in das Gelächter einzustimmen, selten bewundernd, öfter belustigt, je nachdem, wie glaubhaft das Erzählte klang. Es war einfach und reizvoll, mit dem Nebenmann ein Bierdeckelhäuschen zu bauen, das grundsätzlich kurz vorm Gelingen einstürzen wollte. Es war leicht und befreiend, während man aufgab, den Kameradschaftswink des Partners anzunehmen und auch mal einen Zug von der Zigarette zu riskieren, und mit gestreckten Beinen, den Händen in den Hosentaschen, etwas zurückgelehnt und vom Rauch matt betäubt in der Menge und nur dem Moment zu sitzen.

Sein gesamtes Dasein kam ihm mit einem Male ganz klein, völlig unbedeutend vor. Ähnlich so, wie er das Heimatdorf stets im Verhältnis zur gesamten Welt gesehen hatte, standen jetzt die Probleme zu seinem Leben. Alles schrumpfte vom Tausendsten ins Zehnte und noch kleiner, alles ließe sich lösen, nein, was auch immer das war, es würde von selbst vorübergehen, und seine Söhne sollten es gut haben, denn so war es doch vorbestimmt.

Da blieb er in Gedanken an Peter, Hans und Wilhelm hängen, verspürte den unendlichen Drang, bei ihnen zu sein, sie an der Erkenntnis teilhaben zu lassen, und fasste den Entschluss, so schön es auch gewesen war, jetzt sei genug. Genauso rasch wie man ihn aufgenommen hatte, ließ man ihn gehen, weg vom Tisch, durch die Menge hindurch und raus aus der Wirtschaft.

Erst als er an die Nachtluft trat, zwei Dunstwölkchen ausatmete und sich nach zwei Schritten an die Hauswand stützte, merkte er, wie verdreht alles war. Der Marktplatz, die Laterne, die Sitzbank, der Postkasten, die Brücke – alles verschwamm zu einem einzigen Flimmer. Besser, so war ihm, er trank noch etwas, das guttat, bevor er nach Hause zurückkehrte.

Die Pflastersteine schwankten. Immer wieder korrigierte er den Oberkörper zur Seite, hielt an und ruderte mit einem Arm nach Kontrolle. Er schaffte es zum Brunnen. Dort beugte er sich also vor, in der Annahme, er stoße auf Trinkwasser, lehnte sich weiter über die Mauer hinweg, in den Brunnen hinein, und fiel.


Julius Katins








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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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