Keine Lüge spendet Leben

Martin A. Völker für #kkl52 „Essenz“




Keine Lüge spendet Leben

Es ist egal, welche Beredsamkeit Schreibende im Allgemeinen, Philosophinnen und Philosophen im Besonderen aufwenden: Lass dich davon nicht beeindrucken, lass dich nicht ablenken. Ablenkung ist es, wenn dich Worte fesseln, und du die Person nicht siehst, die mit dem Werk zusammenhängt. Was haben die Wortreichen zu verbergen, wenn sie sich auf weitem Feld hinter hohen Schachtelhalmsätzen verstecken? Frage nach der Essenz, nach ihrer Essenz. Die ist es schließlich, die du in dein Leben tragen und dort fruchtbar machen willst. Worthülsenfrüchte sind schwer verdaulich. Die Essenz ist der Extrakt, was viele aus der Philosophengilde jedoch mit „abstrakt“ verwechseln. Das Wesen einer Philosophie stimmt im besten Fall mit jenem Wesen überein, das diese Philosophie hervorbringt. Aber die Einheit von Autor und Werk ist gefürchtet. Kann man dem eigenen Werk im Leben gerecht werden? Schwierig mag es sein, unerlässlich ist es. Eine Philosophie, welche in der Selbsterprobung scheitert oder dem Autor-Ich und dessen Lebenswandel widerspricht, darf niemals zur Richtschnur des Publikums werden. Die Abstraktion löst das Autor-Ich auf, und die Herstellenden sind fein raus, weil sie die Verantwortung für das Hergestellte nicht tragen müssen. Wie von göttlicher Hand dorthin versetzt, schwebt der Wortgeist über den Wassern. Ein Zaubertrick ist das, nichts weiter. Der Volksmund sagt dazu: „Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass!“ Schlimmer noch: Ein glänzender Pelzmantel wird dir gezeigt. Berühren willst du ihn, weil er so schön ist, willst ihn öffnen, um nach dem verborgenen Menschen zu schauen, nach den wundervollen Formen, die den Mantel auswölben, allerdings bleibt dir all das versagt. Jene Essenz, die dir zeigt, wie das Geschriebene im Leben der Schreibenden wirkt und aufblüht, welches wirkliche Leben durch die Zeilen pulsiert, die fordere ein. Mit einem lyrischen Ich musst du dich nicht abspeisen lassen. Das lyrische Ich schwebt dort, wo ein echter, ein authentischer Mensch fest stehen sollte. Das lyrische Ich gaukelt vor, es ist, was es nicht sein kann oder will. Es formuliert einen Anspruch und drückt gleichzeitig aus, diesem Anspruch nicht zu entsprechen. Das lyrische Ich ist unehrlich und falsch, weil es nur erschrieben ist und ungeboren bleibt, es ist ein Baum ohne Wurzel, der umfällt, sobald du dich Halt suchend anlehnst. Schreibende und Lesende sollen vereint sein in dem Ziel, das lyrische Ich zu überwinden, um Menschen zu werden. Dazu gehören Schreibende, die sich im Geschriebenen nicht verleugnen, die sich nicht in Eitelkeit ergehen, die sich zeigen, die erreichbar sind, die in ihrem Tun täglich wachsen und zu denen werden wollen, die sie sein können, die das sind, was sie geschrieben haben. Dazu gehört eine Leserschaft, die das eigene Menschsein, die eigene Menschwerdung im Lesen nicht unterdrückt, die sich nicht in fremden und eigenen Fantasien fortstiehlt. Ist das gegeben, lässt du die Lüge hinter dir und gelangst zur Essenz, zu den Essenzen des Lebens. Recht hast du, wenn du fragst, auf wen dieses hehre Denken zutrifft. Auf sehr wenige trifft es zu. Aber warum, so frage ich zurück, möchtest du nicht zu diesen wenigen gehören? Entschließe dich. Der Entschluss ist leichter als der Weg, der dich zur Essenz führt, die vermutlich sogar unerreichbar bleibt. Aber jede Pflanze reckt sich der Sonne entgegen und kann sie nicht erreichen. Die Sonne gibt Orientierung, sie spendet Leben, und sie tut das, indem sie in sicherer Entfernung bleibt, um das Leben, welches sie fördert, nicht zu verbrennen. Die Kunst des Lebens besteht also darin, nach den Essenzen zu suchen, ihnen entgegenzustreben und sie in gehöriger Verdünnung zu genießen, wobei Verdünnung nicht Verdummung meint, und nicht jede wässrige Lösung eine verdünnte Essenz darstellt. Das klingt kompliziert. Ja, das ist es.   




Martin A. Völker, geb. 1972 in Berlin und lebend in Berlin, Studium der Kulturwissenschaft und Ästhetik mit Promotion, arbeitet als Dozent, Kunstfotograf (#SpiritOfStBerlin) und Schriftsteller in den Bereichen Essayistik, Kurzprosa und Lyrik, Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland. Mehr Infos via Wikipedia.






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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