H. C. Schneider für #kkl52 „Essenz“
Der Hunger von 1916
Ich sah meinen Mann auf der anderen Straßenseite. Er stand da, den Blick auf einen Punkt weit über meinem Kopf gerichtet. Seine rote Krawatte saß zu locker. Sein Haar war zerzaust. Zerzaust auf diese mondäne Weise der Leute, die ihr Leben der Literatur verschrieben haben. Laudanumschwere Augen, hungrige und immer darauf aus, eine gute Zeit zu haben. Als er über die Brücke ging, blickte er weiterhin das Theatergebäude hinter mir an. Ich hatte es mein ganzes Leben lang ansehen können. Er war vielleicht zum dritten Mal in diesem Stadtteil. Erst als ich mich ihm in den Weg stellte, sah er mich und blieb stehen. Sein Blick glitt an mir rauf und runter. „Dieses Kleid hast du lang nicht mehr getragen. Seit den Kindern nicht mehr.“
Ich lächelte zu ihm hoch, in sein gebildetes Schriftstellergesicht. In jenem Moment fühlte ich mich golden in meinem Oscar-de-la-Renta, mit meinem Mann direkt aus der Bohème, in der übersättigten Luft der Julinacht. Er zog mich an sich. Rauch und etwas Süßliches hingen in seinem Kragen. Lilien. Oder Chloroform. Sein Kuss überraschte mich. Er war fester als sonst.
„Oje“, sagte er, als er mich losließ. „Ich muss meinen Bart stutzen. Du bist unter der Nase ganz rot.“ Jetzt lächelte er.
Ich fühlte über meine Oberlippe. „Das beruhigt sich gleich wieder.“
„Bei deiner Haut?“ Er legte den Arm um mich.
Die wunde Stelle an meiner Lippe fühlte sich tatsächlich an, als würde eine Flechte über meine Haut kriechen, hoch zu meiner Nase, über meinen Mund, runter zu meinem Kinn. Er nahm meine Hand von meinem Gesicht und schloss sie fest in seiner ein. So verflochten betraten wir das Theater. Innen war alles korinthische Säulen, unendliche Decken, Gold, Gold, Gold und Weiß. Das barocke Übermaß war ein Beweis, dass es eine Welt der Festbälle und Zarenfamilien wirklich einmal gegeben hatte.
„Die letzten Wochen waren viel. Für uns beide“, sagte ich, während wir die Stufen zum Saal hochgingen.
„Das kann man so sagen. Vergiss nur nicht, wer deine Einreichung korrigiert hat. Wer die entscheidenden Stellen hinzugefügt hat.“ Er drückte mich mit einem Lächeln etwas fester an sich. „Ich bin quasi Auguste Maquet zu deinem Alexandre Dumas.“
„Quasi“, sagte ich. Ich hatte den Absatz, den er hinzugefügt hatte, entfernt, bevor ich meinen Text abgeschickt hatte.
„Die brauchen echt lang für die Rückmeldungen.“ Er hob die Oberlippe. „Arrogante Arschlöcher.“ Ich bemühte mich, die Blicke, die man uns zuwarf, nicht zu würdigen. „Mein Text hatte Potential. Das weiß ich. Ich mache morgen mal einen Anruf. Marie aus dem Literaturbüro kann die Teilnahmeliste einsehen. Dann wissen wir, was da los ist.“
In jenem Moment sah ich das Plakat. Es stand auf einer Staffelei neben dem Eingang zum Saal. Wir blieben gemeinsam davor stehen. Er verstärkte den Griff um meine Schulter.
„Na, ist das eine Überraschung?“ Ich hörte das Lächeln in seiner Stimme. Mit seiner freien Hand zog er die Karten aus seiner Brusttasche. Er hielt sie vor uns, sodass ich sie sehen konnte, die Goldumrandung, den Titel „Hamlet“ in Art-Nouveau-Schrift, den Vermerk „Premiumplätze“, den Preis.
„Ich habe dir doch gesagt, dass ich dieses Stück nie sehen möchte“, sagte ich.
„Hast du? Wann?“
„Schon immer.“
Ich spürte, dass etwas an meinem Kopf vorbeiflatterte.
„Daran kann ich mich nicht erinnern. Du möchtest es nie sehen? Ich hatte das so verstanden, dass du es unbedingt sehen möchtest.“
Jetzt schaute ich in sein Gesicht. Nach oben gebogene Brauen. Ein leicht offener Mund. Aufgerissene Augen. Demonstrative Bestürzung.
„Ich habe dir erzählt, dass meine Mutter mir und meinem Bruder die Handlung erklärt hat, als wir Kinder waren.“ Ich merkte, dass ich irritierend langsam sprach. „Mein Bruder hat dann meine Puppe ertränkt wie Ophelia. Ich hatte jahrelang Albträume.“
„Okay. Das hast du mir erzählt? Du hättest klarer sagen sollen, dass du Hamlet nicht sehen willst.“
„Ich bin sicher, dass ich das ziemlich klar gesagt habe.“
„Ich verstehe, dass das nicht die tollste Erinnerung aus deiner Kindheit ist. Aber dein Bruder hat nicht deinen Hund ertränkt. Richtig? Deine Puppe ist nass geworden.“
Ich sah ihn lange an. „Okay. Wow. Wir müssen uns das Stück nicht anschauen, wenn du nicht willst. Wir können gehen, wenn das für dich zu viel ist. Das ist schon in Ordnung.“
Der erste Gong ertönte. Die wunde Stelle an meiner Lippe schwelte wie ein Phosphorbrand.
„Die Sache ist die: Der Eintritt war ziemlich teuer“, sagte er. „Ehrlich gesagt, ich hätte die Karten nie gekauft, wenn ich nicht gedacht hätte, dass du das Stück unbedingt sehen willst.“
„Das war eine nette Überraschung! Nur dieses Stück …“
„Marie aus dem Literaturbüro hat die Karten extra für mich zurückgelegt.“
Ich musste unbedingt etwas trinken. „Ich kann mir vorstellen, dass sie das versteht“, sagte ich.
„Nein, das kann ich echt nicht machen. Sie hält mich noch für komplett daneben. Beziehungsweise dich.“ Mein Mann hob in Etappen den Blick. Mein Kleid, meine Halskette, meine Augen. Er zog seine Mundwinkel immer weiter nach unten, als würde er Borsäure in seiner Milch schmecken.„Was soll ich Marie denn sagen? Meine erwachsene Frau traut sich nicht in Hamlet rein? Nein, das mache ich nicht.“
Für einen Moment standen wir da, noch immer fest aneinander gepresst. Ich fühlte ein altes Adelsleiden in meinem Hals.
„Na, dann gehen wir jetzt halt nach Hause“, sagte er.
Leute in Blazern und perlmutglänzenden Gesichtern schritten an uns vorbei in den Saal.
„Da bist du ja!“, sagte plötzlich eine Dame zu mir. Liebevoll küsste sie mich auf beide Wangen. Sie ließ sich nicht davon beirren, dass mein Mann mich nicht losließ. „Ich möchte dir herzlichst gratulieren!“ Ihr Gesicht mit der weichgecremten Haut war eine großmütterliche Sonne. Ich kannte sie von früher. Von anderen Theaterbesuchen, von Abendessen auf unserem Landsitz, von Wohltätigkeitsbällen zur Förderung an Hämophilie erkrankter Kinder.
„Erster Platz der Literaturausschreibung. Großartig! Schon als du ein Kind warst, habe ich dir immer gesagt, dass du ein ganz wunderbares Talent hast.“ Sie ging begleitet von Chanel Nr. 5 in den Saal. Ich blickte zu meinem Mann. Niemand grüßte ihn im Theater. Niemand hatte ihm früher gesagt, dass er ein ganz wunderbares Talent hat. Niemand hatte ihm als Kind den Plot von Hamlet erklärt. Er war ein Bolschewik im Großen Thronsaal.
„War das die Kunstministerin?“, fragte er.
„Ja.“
„Du bist knallrot unter der Nase.“
Der zweite Gong ertönte. Als er verklungen war, verstärkte ich meinen Griff um seine Hand. „Okay.“
„Okay, was?“, fragte er einen Tick zu laut.
„Wir schauen uns das Stück an.“ Ich lächelte, ein Geschwür in meinem Gesicht und Tuberkulose in den Lungen.
Ich wollte unbedingt etwas Profanes sagen. Ein Nachtfalter setzte sich vor uns auf den Teppich. Ich beugte mich hinab. „Der hat ein schönes Muster, nicht wahr?“ Der pelzige Körper sah aus, als würde das Insekt einen warmen Mantel tragen. Der Winter nahte für das Haus Romanow.
Ich schaute hoch zu meinem Mann. Er war wirklich talentiert. Beinah hätte ich ihm gestanden, dass ich Marie aus dem Literaturbüro längst angerufen hatte. Er blickte in mein Gesicht, erblüht durch Amuse-Gueules, serviert in den Häusern von Literaturprofessoren, erblüht durch die Liebe von Menschen, die an mich als Schriftstellerin geglaubt hatten, erblüht durch das Wissen, dass ich immer jemanden anrufen konnte, um Dinge zu regeln. Meine Essenz, die mich so sicher machte, dass ich Literaturausschreibungen gewinnen konnte. Ich sah den Hunger des Winters 1916 in seinen Augen. Er hob den Fuß. Dann trat er auf den Falter.
H. C. Schneider wurde 1991 im Rheinland geboren. Wenn sie nicht schreibt oder liest, backt sie möglichst aufwendige Macarons oder verliert sich in Fun Facts über Literatur und Kunst. Über die Ergebnisse ihrer Recherche berichtet sie auf ihrem Instagram-Account: h.c.schneider.autorin/instagram.
Veröffentlichungen unter H. C. Schneider:
Kurzgeschichten:
Ophelia, in: Mitternachtsgeschichten, hrsg. von Sarah Malhus und Marina K. Wolf, 2023.
Das Gemälde, in: introspektiv #5, hrsg. von Julia Hoch und
Sabine Gelsing, 2023.
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