Lukas Felix Pohl für #kkl52 „Essenz“
BERÜHREN

Das Jahr neigt sich dem Ende, Kälte liegt in den Straßen, nasser Asphalt reflektiert, schnelle Schritte. Hochaufragende Laternen über mir, ein matter Schimmer im düsteren Tuch, das die Farben der Stadt erstickt.
Am Bahnsteig angekommen, Gleise ächzen, leuchtend fährt sie ein und öffnet die Türen zur Überfahrt. Körper verfallen in stummes Gedränge, drinnen eng aneinandergereiht, Stille.
Blick nach unten, eine sehr alte Dame sitzt am Gang, dünne Gliedmaßen, skelettartig. Sie nimmt ihr Smartphone heraus und fängt an zu tippen. Ich stehe direkt neben ihr, beobachte die Behutsamkeit ihrer schmalen Finger, kann ungestört mitlesen. Langsam formen sich Wörter, nach einigen Stationen ein erster Satz. Sorgsame Beachtung von Groß- und Kleinschreibung und Zeichensetzung. Es geht um einen Vortrag über italienische Lebensart, den sie mit der Person am anderen Ende gemeinsam besucht hat. Sie in Italien, auf dem Piazza del Campo in Siena; auf heißen, roten Backsteinen mit leichtem Schuhwerk, unter blauem Himmel. Sie sieht glücklich aus.
Am Ende des Ganges trifft mein Blick den einer anderen Person. Ihre bleichen Augenlider fallen immer wieder zu, glasig, sie scheint abwesend, schaut in die Ferne, obwohl es hier keine Ferne gibt; nur Licht und Körper und schwarze Scheiben, ein Raum im Nichts; sie kommt nicht raus. Dunkle, rötlich angefärbte Haare gehen in einen weiten, schwarzen Pullover über, der sie noch stämmiger wirken lässt. Auf ihm steht etwas in brutal gezackten Buchstaben. Von einem Rockkonzert, wo sie war, vereint mit der Menge, die Leere verlagert auf die Vielen. Wie in Trance fällt sie, fängt sich, hält sich; zu den Klängen, die blitzen durch das tobende Geistermeer. Sie treibt dahin, noch immer, wendet sich zur Seite und küsst jemand neben sich im Abteil kurz auf den Mund; der gleiche Pullover und auch rote Haare, aber kurz und gelockt. Dann wendet sie sich wieder ab, ihre Augen drehen nach innen.
Station, Menschenstrom heraus und herein, ein Platz wird frei, ich setze mich ans Fenster neben die ältere Dame. Ihr gegenüber, ein Mann mit langen Wimpern und liebem Blick, etwas scheu, wie ein Reh. Dunkle Haut, vielleicht afrikanischer Herkunft, klein und zart. An seinen Schuhen ist Sand. Trockener, roter Sand, verweht im heißen Wind. Das Lachen eines kleinen Mädchens mit großen Zöpfen, sie hängt an seinem Unterarm, zieht ihn in Richtung der lauten Rufe, die herüberschallen vom Marktplatz. Herüber zu uns. Ihn zu betrachten tut gut, erfüllt mit Wärme. Seine Augen ruhen auf der tippenden Dame neben mir. Es gibt eine Antwort, sie möchten sich bald wieder treffen, vielleicht in Rom? Würde ihr gerne eine Frage stellen, wende mich aber zum Fenster und lehne den Kopf daran.
Hypnotisiert vom vorbeiziehenden Wirr dunkler Formen, etwas glitzert in der Spiegelung. Ein Rucksackanhänger schwingt im Fahrtrhythmus. Es ist ein Schwert mit roten und blauen Edelsteinen. Der Rucksack liegt auf dem Schoß eines Mädchens, dessen dunkelblonder Pony ihre großen braunen Augen halb verdeckt. Darunter funkeln sie unsicher hervor und tasten kurz in alle Richtungen. Dann wieder aufs Smartphone. Ihr rechtes Knie wippt unruhig. Bis wir halten. Schnell steht sie auf und verschwindet in der Nacht. Zu Hause sind die Lichter schon aus; bis auf das schwache Glimmen des Fernsehers. Durchs Fenster erkennt sie das Profil ihrer Mutter. Bewegungslos sitzt sie dort, starrt durch den Fernseher hindurch.
Die meisten Leute sind mit dem Mädchen ausgestiegen. Bis auf eine Frau mit ihrem kleinen Sohn. Er sprudelt von Tatendrang, in Wörtern und Bewegung, sie antwortet ihm geduldig, spricht mit farbiger Stimme; doch lächelt sie dabei nicht. Als sie den Kopf hebt, treffen sich unsere Blicke, ihre tiefen blauen Augen sprechen mit den meinen, haben viele Fragen, wandern dann zu ihrem Sohn, durch die Fenster, in die Nacht, verlieren sich. Noch ein paar mal schauen wir uns an, ich aus einer Welt, und sie aus einer anderen.
Wir kommen zum Stehen, ich steige aus, die Bahn fährt an, ihre einzelnen Abteile flimmern an mir vorbei, dann verschmilzt sie mit der Dunkelheit.

Lukas Felix Pohl
Allein unsere Existenz ist eine Geschichte. Jeden Tag stolpern wir in neue, aufregende, schöne und manchmal auch traurige. Sie alle sind unvergleichlich.
Lukas Felix Pohl lebt in und für Geschichten. Schon als Kind schrieb er erste Texte und entdeckte später das Filmemachen für sich. Er wohnte, studierte und arbeitete in Nordamerika und verschiedenen Ländern Europas. Zuletzt in Südfrankreich, bevor er in seine Heimatstadt Köln zurückkehrte.
Seit 2024 widmet sich Lukas vollständig dem Schreiben. Inspiriert von Autoren wie Hemingway, Malaparte, Max Frisch und Murakami, erschafft er realistische Erzählungen, spielt mit surrealistischen Elementen oder fantasiert auch gerne ganz neue Welten.
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