Wer kennt noch eine süße Lektion?

Timea Hiller für #kkl52 Essenz“




Wer kennt noch eine süße Lektion?

An diesem Sommertag am Rande der kleinen Ortschaft treffen sich zwei Jungs. Marc Bissi, der dreizehnjährige Berliner, besucht hier in den Ferien seinen gleichaltrigen Cousin, Leo Kleinstädter. Die Jungs genießen die Freiheit, die ihnen der sonnige Tag und der Abend schenkt. Leos Eltern gehen heute ohne die Jungs aus.

So schlendern Marc und Leo zum Fuße des Berges, der in ein Dorf führt. Der süße Duft von Kirschen zieht durch die Luft und umschmeichelt ihre Sinne.

Auf ihrem Weg liegen gepflegte Gärten, in denen sich so mancher Ast unter der Last der reifen, dunkelrot schimmernden Früchte biegt.

Sie erreichen einen etwas abgelegenen Garten, in dem wohl das prächtigste Kirschbaumexemplar steht, dass sie je gesehen haben und halten kurz davor an. Ihr Verlangen, die Kirschen zu kosten, wächst. Beide fragen sich bereits, ob sie widerstehen oder einen Plan aushecken sollen, um ein paar Kirschen zu stehlen. Andererseits kennen sie den Wert von Ehrlichkeit und Respekt, der ihnen das verbietet. Noch erzählen sie sich ihre Heldengeschichten.

Vor allem Marc, der Berliner ist schon ein kleiner Geschäftsmann, denn er tauscht mit Klassenkameraden erfolgreich seine Sachen oder verkauft sie gewinnbringend im Internet. Mit dem verführerischen Geruch in der Nase und dem Baum in greifbarer Nähe fällt es ihnen zunehmend schwerer, das Thema Kirschen zu ignorieren.

Leo Kleinstädter hält es nicht mehr länger aus. »Der Garten gehört der Familie Hofmeister«, eröffnet er und deutet direkt auf dieses wunderbare Objekt ihrer Begierde. Er muss es wissen, denn er ist hier aufgewachsen. Überhaupt kennen sich die Menschen hier untereinander sehr oft, anders als Marc das in der Großstadt Berlin manchmal wahrnimmt.

Auch Kirschbäume kennt Marc eher aus der Ferne. Er erinnert sich, dass er schon mal unter Kirschblüten spazierte, zwischen Lichterfelde-Süd und Teltow und auch als er die Gärten der Welt mit seinen Eltern besuchte. Die Cousins sehen sich kurz in die Augen und wissen es jetzt beide, ohne große Worte. Sie werden ein paar Kirschen aus dem Garten stehlen.

Marc Bissi wirkt auf Leo jetzt kurzzeitig wie ein Professor, der die Stirn kräuselt und die Durchführung eines Projekts unter vielen Aspekten durchdenkt.

Leo geht ebenfalls in sich. »Der Gartenbesitzer, Herr Hofmeister, ist ein vielbeschäftigter Mann, der mit seiner Familie nicht hier wohnt. Es ist ein Wochenendgrundstück. Bis jetzt kam kein Geräusch aus dem Garten und auch aus dem Bungalow gibt es kein Anzeichen dafür, dass jemand da ist«, sinniert er. »Komm, wir statten dem Baum einen Besuch ab«, sagt er anschließend zu seinem Cousin.

Schon sind sie dabei, sich leise dem Zaun zu nähern und drüber zu klettern. Um absolute Stille bemüht, schleichen sie im Garten vorwärts und nähern sich ungestört dem Baum. Dabei schlagen ihre Herzen wild in ihren Brustkörben. In der Mischung aus Spannung und Schuldgefühlen gefangen, pflücken sie die herrlichen Kirschen und lassen sich ihr festes Fruchtfleisch schmecken. Die beiden füllen sogar ihre Trinkflaschen damit. Zu hören ist indes nur leises Vogelgezwitscher und das Weitspucken der Kirschkerne, das sie sich nicht verkneifen können.

Marc versucht, den Fußweg während ihrer verbotenen Operation stets im Blick zu haben. Der Weg verläuft, bedrohlich nach, seitlich von ihm. Plötzlich bemerkt er dort zwei Menschen. Vorsichtig gibt er Leo ein Zeichen. Die Jungs lassen sich ins Gras fallen. Ein Pärchen nähert sich ihnen. Eng umschlungen hat es wohl keinen Blick für seine Umgebung.

»Oder doch, dreht sich da etwa jemand in ihre Richtung?« Leo, der vorsichtig nach oben späht, glaubt einen Mann aus dem Haus zu erkennen, in dem er selbst wohnt, einen Nachbarn. Er wundert sich kurz, denn die Frau hat er im Haus noch nicht beobachtet. »Nein, die beiden haben bestimmt nichts bemerkt«, versichert er sich in Gedanken, denn sie laufen einfach weiter. Die Gefahr scheint beseitigt.

Aber der Moment reicht, um für ein bisschen mehr Angst zu sorgen. Das schlechte Gewissen können die Jungs ohnehin nicht abstellen. Mit kurzen Gesten und wenigen leisen Worten beschließen sie, den Garten schnell zu verlassen. Blitzschnell rennen sie jetzt zum Zaun und klettern in die Freiheit, kaum mehr besorgt darum, ob sie Lärm verursachen.

»Wow«, sagt Marc, »geschafft!«

Irgendwie haben sie die Kirschen nun satt. Marc bekommt ein wenig Bauchschmerzen und Leo fühlt sich beklemmt.

»Was machen wir jetzt mit dem Rest?«, fragt er und deutet auf seine Flasche, die noch zu drei Vierteln mit Kirschen gefüllt ist. Er will sie keinesfalls mit nach Hause nehmen. Es scheint, als ob die Natur ihnen antworten will. Die Jungs schlendern gerade unter einem Tunnel entlang. An dieser Stelle verläuft parallel neben ihnen ein tiefliegendes Flussbett, seitlich geschützt durch steinerne Wände. Die Wände reichen nach ihrer Schätzung zwei bis drei Meter nach unten. Über dem Bach befinden sich waagerechte Betonstreben, die durch feste Gitterplatten miteinander verbunden sind. So ist das Wasser zu sehen und sein Plätschern zu hören, doch nicht zu erreichen. An beiden Tunnelenden verschwindet der Fluss in eine unterirdische Röhre. Übermütig klettern die Jungs über die kleine Absperrung und balancieren auf den Betonstreben vorwärts. Direkt über dem Wasser ziehen sie ihre Trinkflaschen hervor und befördern die restlichen Kirschen durch die Gitter gerade in den Bach. Da vernehmen sie ein klirrendes Geräusch.

»O nein«, klagt Leo entsetzt. »Das war mein Schlüssel.«

»So ein Mist!«, setzt Marc hinzu.

Der Schlüsselbund war aus Leos Tasche gefallen und sofort in der dunklen Nässe unter ihnen verschwunden. Betroffen schauen sie hinab. Es ist nichts zu machen. Es gibt keine Möglichkeit, an den steilen feuchten und teilweise mit Moos überzogenen Steinwänden nach unten zu gelangen. Die Gitter verhindern das. Zudem scheint der Boden das Bachlaufes so schlammig, dass es keine Hoffnung gibt, den Schlüssel zu finden. Was nun? Die Jungs verwünschen den ganzen Nachmittag und das Gefühl der Beklemmung wächst.

»Wie erklären wir das meinen Eltern?«, fragt Leo ratlos. »Außerdem müssen wir warten, bis sie überhaupt nach Hause kommen, denn sie sind ja ausgegangen.«

Bedrückt und ohne Schlüssel machen sich Marc und Leo auf den Rückweg. Als die Eltern spätabends nach Hause kommen, hocken die Jungs schon im Hausflur auf den Stufen. Leo erzählt die Geschichte vom verlorenen Schlüssel. Er stammelt ein wenig und verschweigt die geklauten Kirschen. Der Junge versucht, alles so kurz wie möglich zu halten, denn die unausgesprochene Wahrheit ist ihm äußerst unangenehm. Marc unterstützt ihn schweigend und versucht derweil, seine Bauchschmerzen zu unterdrücken.

Später sind die Jungs froh, als sie im Bett liegen, doch sie schlafen schlecht in dieser Nacht. Leo fragt flüsternd: »Hast du die Gesichter des Pärchens gesehen, das an uns vorbeigeschlendert ist, als wir in dem Garten waren?«, will er wissen.

Marc verneint das wiederholt, denn sie hatten schon darüber diskutiert. Er traute sich nicht, den Kopf zu heben, als er da im Gras lag, und wartete bis die Gefahr vorbei war.

Das Thema hatten die beiden nach ihrer Flucht vom Grundstück schon erörtert. Zwischenzeitlich ist sich Leo sehr sicher, dass es sein Nachbar gewesen ist, der mit einer Frau dort vorbeikam. Andererseits ist er absolut unsicher darüber, ob der Nachbar ihn gesehen oder sogar erkannt hatte.

»Vielleicht hat der Nachbar ja eine heimliche Freundin und gab sich deshalb nur den Anschein, nichts um sich herum zu bemerken?«, denkt Leo. Jedenfalls kann dann die ganze Geschichte auffliegen und sich, wie alles in der kleinen Ortschaft, schnell herumsprechen. Das gefällt ihm ganz und gar nicht. Er hat Angst vor den Konsequenzen und ist hin- und hergerissen, ob er mit der ganzen Wahrheit herausrücken soll.

Dann kommt der Morgen. Es ist Samstag. Nach wirren, bedrohlichen Träumen erwachen die Cousins unausgeschlafen und das schlechte Gewissen mit ihnen.

Herr und Frau Kleinstädter haben schon den Frühstückstisch gedeckt. Zwischen Tellern, Kaffeetassen und allerlei Lebensmitteln prangt in der Mitte eine weiße Porzellanschüssel, bis zum Rand gefüllt mit prallen roten Kirschen. Es duftet nach Kaffee und frischen Brötchen. Bald sitzen die beiden mit ihrem Sohn und dem Berliner Besuch Marc beim Frühstück zusammen.

»Mom, Dad, ich muss euch was sagen«, platzt es aus Leo heraus. Er senkt den Kopf und schildert den gestrigen Ausflug von Anfang an, so gut es ihm eben gelingt. Am Ende setzt er mit leiser Stimme hinzu: »Es war falsch, das zu machen.«

Auf Leos mutiges Geständnis folgt ein Moment der Stille. Leos Vater blickt den Sohn undurchdringlich an und wendet dann den Kopf zu Marc, schweigt jedoch weiter.

Marcs Gefühlszustände wandern gerade noch von der ersten Überraschung über eine kurze Enttäuschung bis zum größten Respekt vor seinem Cousin. Dem Blick von Herrn Kleinstädter kann er nicht ausweichen. So sagt er: »Ja, Leo hat recht, es war falsch« und fühlt eine kurze Erleichterung, als es ausgesprochen ist.

Leos Vater ist ein kluger Mann. Den Gartenbesitzer, Herrn Hofmeister, kennt er als zuverlässigen und beherrschten Menschen. Mit tiefer ruhiger Stimme erklärt er jetzt: »Ich danke euch für die Ehrlichkeit. Es war falsch, doch auch mutig, es zuzugeben. Bitte probiert eine Kirsche«, setzt er hinzu und reicht den Jungs die Schüssel, bevor er selbst zugreift. Scheinbar seelenruhig verspeist er sie.

Marc und Leo fehlen der Appetit und die Leichtigkeit, die hier sonst immer herrscht. Zerknirscht greifen sie nach den Früchten, um sie widerwillig in den Mund zu schieben. Die Kirschen schmecken ihnen heute scheußlich.

Herr Kleinstädter lässt sich Zeit und isst gleich noch mehr davon. Warum auch nicht, denn ihm schmecken sie hervorragend. Dann spricht er weiter. »Es gibt im Geschäftsleben eine Redewendung, die besagt, dass die Kirschen aus Nachbars Garten besser schmecken als die eigenen. Findet heraus, was dahintersteckt. Herr Hofmeister ist ein erfolgreicher Geschäftsmann. Ihr beide geht heute dorthin und entschuldigt euch.« Mit einem Blick auf seinen Sohn fährt er fort: »Leo du kennst ihn doch ein bisschen.« Dann schaut er wieder beide Jungs abwechselnd an. »Fragt ihn, was seiner Meinung nach wichtig ist, um ein gutes Geschäft aufzubauen und versucht, daraus zu lernen. Die Kosten für den Ersatz des Schlüssels tragt ihr. Damit will ich das Thema ruhen lassen.«

Zu viert setzen sie das Frühstück fort, es schleppt sich nun dahin. Ein wenig Erleichterung stellt sich beim Aufstehen ein. Die Cousins räumen schweigend den Tisch ab, ziehen sich ihre Jacken über, die Schuhe an und machen sich auf den Weg.

Währenddessen ruft Herr Kleinstädter Herrn Hofmeister an, um diesen auf den Besuch vorzubereiten.

Schweren Herzens und aufgewühlt drückt Leo den Klingelknopf, während Marc neben ihm unruhig von einem Fuß auf den anderen tritt. Als sich die Tür öffnet, blickt ihnen Herr Hofmeister entgegen.

»Kommt rein«, sagt er freundschaftlich, »ich spendiere uns eine Kirschlimonade.«




Timea Hiller

Veröffentlichungen Kunst / Kultur (Auswahl):

Volkseigentum trifft Marktwirtschaft, aus Liebe? (E-Book)

Die Story ist dein Mikrofon (Print und E-Book)

Mom Goodbye (Song und Video)

Ambiguity – Wenn Wörter deinen Weg kreuzen (Video in Kooperation)

Fresh-ups MIT Büro (Video)

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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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