Von der unsichtbaren Essenz

Lea Stockmann für #kkl52 „Essenz“




Von der unsichtbaren Essenz

Eine kurze Geschichte über Essentielles.

Elias kam zur Welt, wie alle anderen auch – mit einem ersten Atemzug, einem ersten Schrei und einer unsichtbaren Essenz tief in seiner Brust. Sie war nichts, was man sehen oder greifen konnte, doch die Welt maß ihr eine Bedeutung bei, die über alles entschied. Schon in der Kindheit spürte Elias ihre Schwere. Lehrer blickten über ihn hinweg, andere Kinder rückten zur Seite, wenn er sich näherte. Irgendwann begann er zu verstehen: Manche Menschen schienen mit einer Art Leuchten geboren zu sein. Sie mussten nicht um Aufmerksamkeit kämpfen, sie wurden gesehen, gehört, ernst genommen. Er aber war anders.

In der Schule war es, als sei er von einer unsichtbaren Wand umgeben. Seine Worte verhallten, seine Ideen fanden keinen Anklang. Während andere mit einer natürlichen Selbstverständlichkeit durch das Leben schritten, musste er sich beweisen. Er begann, sich zu formen. Lernte, wie man sprach, wie man aufrecht stand, wie man lachte, wenn es angebracht war. Seine Kleidung wurde sorgfältig gewählt, seine Gesten kalkuliert. Mit jedem Jahr, das verstrich, wurde er ein wenig mehr zu dem Menschen, den die Welt akzeptieren konnte.

Sein Weg führte ihn durch endlose Nächte des Lernens, durch Prüfungen, durch unzählige Bewerbungen, in denen er seine Schwächen kaschierte und seine Stärken hervorhob. Schließlich wurde er angenommen. Zunächst an einer Universität, später in einem Unternehmen, dann in einem weiteren. Die Büros wurden größer, die Gespräche bedeutungsvoller, die Anerkennung spürbarer. Und doch blieb da etwas in ihm, das nicht verstummen wollte – ein leiser Zweifel, ein Gefühl, das sich nicht vertreiben ließ.

Er glaubte, es würde verschwinden, wenn er nur hoch genug kletterte. Also arbeitete er härter, verdiente mehr, kaufte sich das, was Erfolg ausstrahlte. Doch das Gefühl blieb. Es war nicht Lautes, kein greifbarer Schmerz – eher ein Hintergrundrauschen, das nie ganz verstummte. Manchmal, wenn er die Flucht ergriff. Flucht bedeutete Rausch. Doch das, dass wusste niemand.

Es war Jahre später. Ein sonniger Tag, die Frau unbedeutend. Doch nicht ihre Verbindung. In einer dieser Rauschnächte, entstand etwas, was sein Leben verändern sollte. Sei Sohn wurde geboren. Ein winziges Wesen, warm und friedlich in seinen Armen. Elias betrachtete ihn, sah die geschlossenen Augen, die kleinen Finger, die sich um seine legten. In diesem Moment, als die Welt für einen Augenblick stillzustehen schien, wurde ihm etwas bewusst, dass all die Jahre hinter der rastlosen Jagd nach Anerkennung verborgen geblieben war.

Sein Sohn musste nichts leisten, um wertvoll zu sein. Er musste nichts beweisen, nichts verdienen. Er existierte – und das genügte. War das nicht immer so gewesen? War es nicht auch bei ihm selbst so gewesen, damals, als er noch ein Kind war? Aber irgendwann hatte er begonnen zu glauben, dass er erst werden müsse, was er längst war. Dass er seine Daseinsberechtigung erst erarbeiten müsse. Doch der Junge in seinen Armen bewies ihm das Gegenteil.

Vielleicht war das Gute nie etwas, das man sich verdienen musste. Vielleicht war es nicht etwas, das man erreichen konnte, sondern etwas, das in einem lag, von Anfang an. Und vielleicht war all das Streben, all die Anstrengung, nichts weiter als ein Schleier, der genau das verhüllte.

Elias betrachtete seinen Sohn, spürte die winzigen Finger, die sich um seinen Daumen schlossen. Die Welt drehte sich weiter, unverändert und doch anders. Zum ersten Mal begriff er, dass er nicht mehr werden musste, als er bereits war. Denn das Gute – es steckte in ihm. In jedem Menschen.




Lea Stockmann
geboren 08. Mai 1994, Wuppertal
Themenschwerpunkte: Soziologie, Pädagogik, Bildung und Sozialethik. Genauer gesagt, Diplomatie und Verständnis durch gute Kommunikation und Emphatie vermitteln.


Bildungsweg
Aufgewachsen in einer Kleinstadt zwischen Düsseldorf und Köln, absolvierte ich mein Abitur in Solingen. Anschließend entschied ich mich – rückblickend für mich immer noch die richtige Wahl – für ein Studium der Soziologie und Erziehungswissenschaften. Lange Zeit arbeitete ich dann auch praktisch in diesen Bereichen und sammelte wertvolle Erfahrungen im direkten Umgang mit Menschen, Kindern und Systemen.
Tatsächlich gehörten Literatur- und Medienwissenschaften auch zu meinen favorisierten Studienfächern und schon früh war mir bewusst, dass es ohne ein Volontariat schwierig sein würde, Bücher zu schreiben – eher gesagt, sie zu publizieren. Fuss zu fassen in der Literaturwelt. Und doch, würden mir meine praktischen Erfahrungen und die Soziologie helfen, Inhalte zeitgemäß, präzise und fachlich fundiert zu gestalten. Besser womöglich, als ohne.
Die Wahl meiner Studienfächer entsprang einerseits also meiner Leidenschaft für die Arbeit mit Kindern, andererseits meiner Faszination für das Wort „Warum“ und dem intrinsischen Gefühl, die Welt ein Stückchen besser machen zu wollen, über Misslagen aufzuklären und verstehen zu wollen, warum wir so gleich und doch verschieden sind. Schon als Kind hinterfragte ich alles Mögliche, trieb meine Eltern damit bisweilen zur Verzweiflung und stellte soziale Selbstverständlichkeiten infrage – solange, bis mir jemand eine nachvollziehbare und überzeugende Erklärung geben konnte.

Erfahrungen beruflicher Art
Nach dem Studium arbeitete ich vier Jahre in der aktiven Jugendhilfe, sowohl in der 1:1 Pädagogik als auch in der Integrations- und Familienhilfe, gefolgt von einer Tätigkeit als S0zialpädagogin in einer Grundschule und der Übernahme als Programmemanagerin im E-Learning-Bereich bei einer NGO . Zusätzlich machte ich neben der Arbeit zwei weitere Ausbildungen zur psychologischen Beraterin und Hundetrainerin. In der Jugendhilfe erkannte ich systemische Fehler, die viel zu oft –quasi immer- zu Lasten der Kinder gehen. Es war immer mein Plan, in der Literatur tätig zu werden, aber erst nachdem ich in der Pädagogik gearbeitet und verschiedene Kulturen und Erziehungsmethoden kennengelernt hatte. Ursprünglich wollte ich ein Kinderbuch schreiben, doch die beruflichen Erfahrungen prägten (und belasteten) mich so sehr, dass ich mich wieder mehr in Richtung Soziologie bewegte, Systemkritik übte, recherchierte und mich in diverse Theorien und Gestaltungsmöglichkeiten vertiefte… letztlich auch dahingehend anfing zu schreiben.. Ich begann mit kleineren Essays und Artikeln, suchte Medienhäuser und Verleger auf und publizierte kleinere Beiträge. Nachdem ich die Frankfurter Buchmesse 2023 als Pressemitglied besuchen durfte und dementsprechend viele, spannende Gespräche führen und hören durfte entschied ich also mit Auslauf meines Vertrags bei der Kindernothilfe, mit einem Buchprojekt zu starten, dessen Idee schon lange in mir schlummerte. Dafür habe ich mich vier Monate mit meiner Hündin auf Reise in Richtung andalusische Berge begeben und angefangen. Zwei Jahre, viele Zeilen, eine weitere Messe und eine Hand voll weiterer Schreibprojekte sowie großartigen Begegnungen dort, wie auf meiner Reise durch Europa, später, wohne ich nun im Allgäu und suche ganz offiziell nach der Möglichkeit – endlich – zu publizieren.

Persönliches
Sport und Tiere spielen in meinem Leben eine tragende Rolle. Ich finde Glück in kleinen Dingen, einem ausgelasteten Körper und Geist, in Musik und einem tiefgründigen Gespräch. Ich recherchiere von News und Psychologie über Geschichte und Naturheilkunde, höre Podcasts, Interviews und akut lerne ich viel über autarke, nachhaltige Wohnformen und Ökonomie. Außerdem habe ich das Dog-Dancing für mich und meine Hündin in Teamwork entdeckt. IImmer wieder möchte ich auch über meinen eigenen Tellerrand hinausschauen und suche mir dafür explizit “Neues” oder “Andere Menschen” heraus.






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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