Eva Marktl für #kkl53 „souverän“
Von Sonnenuntergängen und Narzissten
Sie war souverän, zumindest versuchte sie so zu wirken. Er war ein Mann aus der oberen Mittelschicht, der, dem ersten Anschein nach, mehr von sich hielt, als er aus sich machte. Bei einer Firmengala trafen sie sich, als sie ihm das dritte Glas Wein servierte und er ihr, wie schon beim zweiten, einen Zwanziger zusteckte. Diesmal nutzte er die Gelegenheit, ihr zusammen mit dem Geldschein seine Visitenkarte zu geben: Gerhard Richter, Scheidungsanwalt. „Ruf mich an“, mit einem Kugelschreiber auf die dunkelblaue Fläche neben seinem Namen gekritzelt. Und sie tat es wirklich – nicht, weil sie ihn besonders attraktiv fand oder weil er ihr außergewöhnlich sympathisch war, sondern weil er nach langem der erste Mann war, der ihr Aufmerksamkeit schenkte. Aber er schien nicht wie jemand, der sie dabei mit romantischem Kitsch überschütten würde. Stattdessen begegnete er ihr mit einer Aufmerksamkeit, die ihr das Gefühl gab, gesehen zu werden, ohne sich ausgestellt zu fühlen. Dieser sonst nicht weiter auffallende Mann unterschied sich damit von all ihren früheren Partnern, die sie stets auf ein viel zu hohes Podest gestellt hatten – und genau das gefiel ihr an ihm. Ganze drei Dates lang fand sie keine Makel an ihm, hätte nur beanstandet, dass er ihr hin und wieder fast ein bisschen zu selbstsicher wirkte. Zwei Abendessen, ein Frühstück: Sie verbrachten einiges an gemeinsamer Zeit, wechselten dabei viele Worte über Gott und die Welt. Sie wollten sich nur nicht gegenseitig über ihre Familien ausfragen – das hatten sie sich bereits beim ersten Date versprochen, denn dieses Thema war für beide nicht gerade ein einfaches. Beim vierten Treffen flossen jedoch hier und da Geschichten aus ihrer Kindheit ein, womit sie für ihren Geschmack schon ein wenig zu viel über ihre Eltern offenbarte. Sie erzählte über die Wochenenden im noblen Penthaus ihres Bänkervaters, woraufhin sie die langweiligen Nachmittage in der Vorstadtwohnung ihrer Mutter nicht verschweigen konnte, wo sie mit ihrer damaligen besten Freundin aus der Mittelschule High-School-Musical-Kassetten ansah. Daraufhin meinte er nur, er hätte auch alle Teile einer seiner Ex-Frauen zuliebe ansehen müssen und sich dabei jede Sekunde ein bisschen mehr zu Tode gelangweilt. Ihr wurde beim Wort Ex-Frauen, Plural, direkt mulmig zumute. Sie überging die Bemerkung, denn nachfragen, wie viele es waren und wieso es nie hielt, wagte sie nicht. Nur dass es keine Kinder gab, hoffte sie inständig. Sie hielt sich zumindest an der Vorstellung fest, dass ihr jemand wie er so etwas Wichtiges nicht verschweigen würde – er erzählte normalerweise nämlich gerne über sich. Auch sonst begegnete er ihr immer offen und machte nicht den Eindruck einer von diesen Männern zu sein, die etwas zu verbergen hätten. Das alles mochte sie mindestens genauso an ihm, wie die subtil ins Gespräch eingeflochtenen Komplimente, die ihr oftmals auf eine Weise schmeichelten, die sie sich selbst nicht einmal ganz erklären konnte. Sonst mochte sie es nämlich nicht, im Mittelpunkt zu stehen. Da, wo alle hinsahen, rechnete sie schon mit einem Malheur – meist durch ihre Nervosität in solchen Momenten ausgelöst.
Die Datingphase der beiden verlief erstaunlich unkompliziert; auch das erste Mal bei ihm zu übernachten, fühlte sich überraschend ungezwungen und natürlich an. Fortan verbrachten sie nahezu jedes Wochenende in seiner Dachgeschosswohnung nahe dem Stadtzentrum, weil es dort die schönsten Sonnenuntergänge gab. Er meinte, er hätte sich für die Wohnanlage nur wegen dieser Aussicht entschieden – und bis an diesen Tag keine bessere gefunden. Ihre Wohnung besuchte er hingegen nur äußerst selten, was ihr recht war, denn dann musste sie nicht extra aufräumen. Mit Melanie, seiner „Putzfee“, die viermal wöchentlich alles auf Hochglanz brachte, konnte und wollte sie ohnehin nicht konkurrieren. Innerhalb des ersten halben Jahres der Beziehung ließ er bereits öfter ins Gespräch einfließen, sie solle doch direkt zu ihm einziehen – aus Sorge, immer wenn sie spät abends den Bus alleine nehmen musste. Erst fühlte sie sich noch nicht so weit, weil etwas in ihr der neugewonnen Ruhe noch nicht trauen wollte. Nach neun Monaten ließ sie sich jedoch überreden und packte alles in Umzugskisten, was ihr aus ihrer eigenen Wohnung noch heilig war und neben seinen Designermöbeln nicht allzu lächerlich aussah. Ihre Vorstadtwohnung vermietete sie auf unbestimmte Zeit. Die Familie, die einzog, hatte zwei Kinder und ein Meerschweinchen. Sie waren nett, fand sie. So nett, dass man sich keine Sorgen machen musste. Nachdem er ihr einen Mietvertrag aufsetzte, unterschrieb sie mit einem dunkelblauen Werbekugelschreiber und mit einem Schlag wurde ihr dabei klar, dass sie damit ihren einzigen Rückzugsort aufgegeben hatte. Doch sie versuchte den Gedanken so schnell wie möglich wieder zu vergessen, weil sie sich nicht selbst etwas mit ihren negativen Gedanken kaputt machen wollte. Keinen Tag später fiel ihr auf, wie er ihr rot-weißes Pünktchenkleid mit einem fragenden Blick musterte. Sie wollte daraufhin wissen, ob es ihm nicht gefiel. „So lange du damit nicht rausgehst, wird es keinen kümmern“, warf er ihr im Vorbeigehen an den Kopf – ohnehin schon verspätet, weil sie noch seine Krawatte bügeln musste. Statt bei der Cateringfirma zu arbeiten, schmiss sie nämlich mittlerweile seinen Haushalt für einen großzügigen Teilzeitlohn. Nur wenige Wochen später machte ihm die Arbeit Stress mit einem komplizierten Fall. Er sperrte sich tagelang in seinem Büro ein, ohne ihr auch nur eine einzige Sekunde zu widmen. Einige Zeit später kam der Fall vor Gericht, sein Klient gewann, sie kaufte ihm einen Strauß Tulpen. Am selben Abend aßen die beiden frische Gambas auf ihrer Terrasse und tranken Cuvée bis die Sonne unterging. Am nächsten Morgen war er mies gelaunt – ausgerechnet, als ihre alte Schulfreundin mit Mann und Kindern zu Besuch kam. Nicht einmal zu einem „Guten Morgen“ konnte sie ihn überreden. Dabei hatte sie gehofft, ihm auch endlich mal ihren Freundeskreis vorstellen zu können. Der Vorfall wurde zu einer tagelangen Diskussion, weil sie meinte, er würde sich nicht für ihre Freunde interessieren und er sich damit rausredete, sie wären ihm einfach zu laut gewesen. Der Streit kulminierte ein paar Abende später in dem Vorwurf, sie übertreibe und werfe ihm ständig vor, sich nicht für ihr Umfeld zu interessieren. Danach wagte sie es nicht mehr, etwas zu sagen, und er wollte es nicht mehr. Damals kam ihr zum ersten Mal der Gedanke, dass diese Beziehung nichts für sie war. Bis sie sich kurze Zeit später der Einsicht hingab, sie hatte wirklich überreagiert – nach seinem stressigen Fall hätte sie ihn nicht mit solchen Dingen bedrängen sollen. Von da an diskutierte sie nur mehr selten mit ihm, denn er bewies ihr in den folgenden Monaten mehr als nur einmal, dass sie meist falsch lag. Das sah sie auch selbst ein, denn ihr Eltern haben es bereits früh an ihr kritisiert, dass sie ein viel zu sensibles Kind gewesen war.
Nach zwei Jahren wollte er dann, wie aus dem Nichts, in eine andere Stadt ziehen, die Wohnung verkaufen und ein neues Leben mit einer eigenen Kanzlei anfangen. Sie fragte nur, ob er die Sonnenuntergänge nicht vermissen würde, woraufhin er meinte, man würde doch von überall dieselbe Sonne sehen. Sie versuchte mit ihm darüber zu diskutieren – weil sie aber in seiner Wohnung wohnte und nicht er in ihrer, blieb in diesem Punkt wenig Raum für ihre Meinung. Also packte sie ihre wenigen Habseligkeiten erneut in Kartons, um sie 200 km weit weg in einen anderen Designerschrank zu stapeln. Und weil sie so weit weggezogen sind und ihre Eltern eines Tages verstarben, plädierte er direkt nach der Totenfeier, es wäre der richtige Zeitpunkt, ihre muffige Vorstadtwohnung zu verkaufen – um alten Ballast abzuwerfen. Da alle ihre Familienmitglieder entweder verstorben oder weggezogen waren, wollte sie ohnehin nicht mehr zurück in ihre Heimatstadt; nichts hielt sie dort mehr. Deshalb willigte sie ein und er übernahm direkt den Verkauf, fuhr sogar jedes Mal die 200 km für die Besichtigungen – nach zwei Wochen war die Wohnung bereits verkauft. Nach vier Jahren wollte er ihr dann einen Ring anstecken, auf der neuen Terrasse. Vor einem Sonnenuntergang, der nie wieder auch nur annähernd so schön war wie einer der Alten. Kurz hatte sie Sorge, es wäre noch zu früh – doch er versicherte ihr, er würde alles tun, um ihr ihr Traumleben bieten zu können. Natürlich wusste er, wie er sie überzeugen konnte – er verstand inzwischen ziemlich gut, wie sie funktionierte. Sie hatte ein weißes Kleid an, war souverän, als sie zum Altar ging oder versuchte es zumindest, zu sein. Dort wartete er bereits mit seinem charmantesten Lächeln auf sie: Ein Mann der oberen Zehntausend, mit eigener Kanzlei und Penthouse. Sie liebte sein Charisma und auch wenn sie es niemals zugeben würde, die Sicherheit, die er ihr gab. Außerdem wusste er immer, was er sagen sollte. Ja, er liebte sie und noch viel mehr, wie sie ihn liebte.
Mein Name ist Eva Marktl, ich bin 21 Jahre alt und studiere Technische Mathematik und Schreibwissenschaft an der Uni Klagenfurt. In meiner Freizeit interessiere ich mich sehr für Literatur und schreibe Kurzgeschichten, Gedichte, sowie Romane.
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