Hans Castrup für #kkl53 „souverän“
Der Fliegenträger (Remix)
Ich ging, der Aufforderung Dylan Thomas’ gehorchend, unruhig in die gute Nacht,
die zu diesem Zeitpunkt noch Tag war. So lange ging ich, bis vor mir eine Reihe
von Menschen stand, vor dem Kartenschalter einer Seilbahn eine Schlange bildend.
Ein Stahlseil-Gondel-Loop.
Zur Dekoration mit einer Ton-Schleife aus rhythmischen Klicks
und Schabgeräuschen versehen, die Wortkombination Stahlseil-Gondel-Loop akustisch
in die Luft malend.
Unvermittelt aber bemerkte ich dann vor mir
den Fliegenträger.
Vor Überraschung vergaß ich um ein Haar, wo ich mich gerade befand.
Erstaunlich.
Welch faszinierende Begegnung war das, besonders wegen seines vollkommen kahlen Kopfes plus einem Accessoire: einer Fliege. Der Fliege, um genau zu sein.
Nichts blieb mir, als unverzüglich zu handeln.
Und prompt kamen mir die eröffnenden Worte in den Sinn:
Was erlauben Sie sich, mein Herr? Vermeiden Sie an diesem Ort jedweden Konsum liquider Unwahrheit!
Seit Mitternacht gilt unbedingte Helmpflicht! Das gehört sich so!
Während ich solcherart angestrengt überlegte, wie am besten zu beginnen sei,
sprach seinerseits mit sonorer Stimme und ohne sich zu mir umzuwenden der Fliegenträger: Wir wissen seit Langem kaum mehr, wogegen wir protestieren, sagte er.
So lange, bis jemand das Gegenteil des Raumes in seine geschlossenen Schranken verweist.
Das Licht aber bleibt gefangen in emsiger Geschwindigkeit. Beweisen Sie mir ein beliebiges Gegenteil.
Der Fliegenträger wandte sich zu mir um. Er schaute mir mit den seinen direkt in die Augen.
Seine Augen: Mit einem leichten Stich ins Grünliche, keine wirklichen Augen, sondern große Glasmurmeln.
Eingeschlossen in die gläsernen Körper rotierten dünne farbige Spiralen, je nach Lichteinfall schimmernd oder unsichtbar. Die senkrechten Spiralen in den Glasaugen des Fliegenträgers
leuchteten,
durch ein bemerkenswert strahlendes Orange kontrastierend mit dem Grün des sie einschließenden Glases. Zusätzlich zu der Tatsache seiner senkrechten, wimpernlosen Augenlider.
Augenblicklich bedauerte ich, die Fliege aus meinem Blick zu verlieren, traute mich aber nicht, ihren Träger zu bitten, mir statt seines Gesichts weiter den Hinterkopf zu präsentieren.
Und realisierte meine geheime Hoffnung, mit der Fliege statt mit ihm kommunizieren
zu dürfen. Der Fliegenträger überlegte. Und flüsterte:
Die verhinderte Katastrophe kehrt wieder zu ihrer ursprünglichen Absicht zurück, bedauernd, sie verfehlt zu haben. Speichern Sie sich. Das verschafft Ihnen Zugang zu permanent frischer Zell-Information, fließend aus den goldenen Hähnen der geheimen Quellen auf dem Felsen am anderen Ufer. Fahren Sie schnell hinüber, bevor sich hier alles auflöst. Es wird nicht mehr lange dauern, fügte er noch leiser an.
Er wandte sich mit diesen Worten gemächlich von mir ab.
Somit blickte ich erneut auf seinen haarlosen Hinterkopf, auf dem scheinbar ungerührt von allem Geschehen um sie herum die wundervoll glänzendgrüne Fliege
der Gattung Lucilia sericata saß. Ein Schaudern der Freude durchfloss mich. Sie war noch da.
Und nach erneutem kurzem Zögern fasste ich mir ein Herz, sie endlich persönlich anzusprechen:
ICH: Entschuldigen Sie bitte die Aufdringlichkeit, meine Schöne. Erlauben Sie mir, Ihnen ein
Quäntchen Ihrer Zeit zu rauben? Einige kurze Fragen hätte ich an Sie.
LUCILIA: An wen sonst, da Sie mich ja direkt anreden, mein Herr? Seien Sie unbesorgt. Aufdringlichkeit ist kein Begriff für mich. Ich bin eine Fliege, bin daran gewöhnt, Dingen und Wesen mit Konsequenz nahezutreten. Und als solche habe ich ebenso wenig eine Vorstellung von Abstand wie von Eigentum, das manche ja als einen Diebstahl an der Allgemeinheit betrachten, eine Haltung, die ich, frei lebendes Wesen, das ich bin, wiederum weitgehend unterstütze. Ebenso wenig habe ich eine Idee von der Zeit. Aristoteles definierte den Zeitbegriff recht nah am Fliegen-Sinne, als er sagte: „Wir messen nicht nur die Bewegung mittels der Zeit, sondern auch mittels der Bewegung die Zeit und können dies, weil sich beide wechselseitig bestimmen“. Wir Fliegen sind ein Inbegriff der Bewegung. Gottfried Wilhelm Leibniz nannte Zeit „… die Ordnung des nicht zugleich Existierenden“. Das gefällt mir sogar fast besser, berührt mich aber ebenfalls kaum tiefer, als dass es mich in Wirklichkeit überhaupt nichts angeht, weder der Begriff der Ordnung, denn der der Existenz. Sie rauben mir nichts, da mir nichts gehört. Von beidem habe ich schlussendlich keinerlei Begriff.
ICH: Sie lesen Aristoteles und Leibniz? Und Proudhon?
LUCILIA: Nein. Ich kann nicht lesen. Ich zitiere lediglich.
ICH: Das schien für mich aber anders.
LUCILIA: Sehr gut. Nun, … was wollen Sie mich denn fragen? Ich habe es nichtsdestotrotz
etwas eilig, muss ständig in Bewegung bleiben.
ICH: Mich interessiert zum einen … am Rande … Würden Sie jemanden als Ihren Herrn
anerkennen?
LUCILIA: Wer, bitte sehr, sollte das Ihrer Meinung nach sein?
ICH: Der Herr der Fliegen. Als ein Beispiel.

LUCILIA: Als Fliege, die ich bin, habe ich ebenfalls keine Vorstellung von mir selbst als Fliege.
Somit ist es mir unmöglich, jemanden als meinen Herrn anzuerkennen, da ich nicht zu sagen
vermag, wie jemand über mich herrschen könnte, der zuerst mich erkennen müsste, um diesen Anspruch zu erheben, und das, obwohl im Vorfeld ich selbst mich nicht zu erkennen vermag.
ICH: Im antiken Griechenland wurde der Satz geprägt: Erkenne dich selbst. Betrachteten Sie
diesen Satz als Aufforderung, könnten Sie …?
LUCILIA: Ich denke, Ihr Einwand an dieser Stelle ist ein wenig … flach, bezieht sich kaum
auf die Fliegen. Setzte ich mich vor einen Spiegel, ich erkannte darin ein Bild, nicht aber
mich selbst. Aber … Sie kennen Metis? Sie war eine Geliebte von Zeus, die sich in eine Fliege
verwandelte, um dessen Nachstellungen zu entkommen. Zeus fing und verschluckte sie. Metis kroch daraufhin in seinen Kopf … Lenkte sie ihn von dort aus? Es ist lange her. Eine zeitgemäße Version dieser Idee, die ich … Aber genug davon …
ICH: Von dieser Angelegenheit hörte ich kürzlich.
LUCILIA: Sie hörten davon? Erstaunlich, dass in diesen Tagen noch jemand von Obsessionen
der damaligen Weltlenker spricht. Nun, sei es drum, … welche weitere Frage haben Sie?
ICH: Keine Frage, vielmehr eine Bitte … Geben Sie mir … Ihr Wort?
LUCILIA: Mein Wort … Was beabsichtigen Sie damit anzustellen?
ICH: Ich brauche es.
LUCILIA: Wozu, wenn ich erneut fragen darf?
ICH: Ich bin Ihnen keine Antwort schuldig.
LUCILIA: Immerhin wohl Rechenschaft. Schließlich ist es mein Wort, das Sie verlangen.
ICH: Auch keine Rechenschaft. Selbst wenn dieses Wort als Ihr tatsächliches Eigentum zu
gelten vermöchte. Wobei Sie es schließlich ablehnen, solches überhaupt anzuerkennen.
LUCILIA: Gut. Soweit … Den Inhalt Ihrer Argumentation erkenne ich an. … Gäbe ich Ihnen
… mein Wort … Erhielte ich es denn zurück?
ICH: Was wollen denn Sie damit? Sie sind eine Fliege. Damit ist es das Wort einer Fliege.
LUCILIA: Und deshalb ist es weniger wert? Weil es von einer Fliege stammt? Ist es das, was Sie andeuten wollen?
ICH: Nein, nein. Nicht im Traum fiele mir ein, so etwas zu tun.
LUCILIA: Und warum würdigen Sie es ausgerechnet mir gegenüber so herab?
ICH: Verzeihen Sie bitte, ich wollte … Es war tatsächlich unhöflich von mir, Sie …
LUCILIA: Also was, bitte sehr, wollen Sie mit meinem Wort? Weshalb ausgerechnet das meine? Die Welt ist voll von Wörtern. Sie könnten …
ICH: Es ist keine Sache für die Öffentlichkeit, glauben Sie mir.
LUCILIA: Ich glaube nicht. Und selbst wenn ich versuchte, Ihnen Glauben zu schenken, …
wie sollte ich etwas verschenken, über das ich nicht verfüge? … Also gut! … Ich überlege es mir … aber … gäbe ich Ihnen mein Wort und erhielte es nicht zurück, es würde mir sicherlich fehlen.
ICH: In dieser Hinsicht können Sie nicht sicher sein, das ist richtig.
LUCILIA: Ich will sicher sein. Ich bin eine Fliege, habe unzählige Feinde. …
ICH: Es geht nicht um Ihre Sicherheit.
LUCILIA: Mir geht es absolut und ständig um meine Sicherheit! Geht es Ihnen denn nicht um
die Ihre? Haben Sie keine Angst?
ICH: Darüber bin ich Ihnen keinerlei Rechenschaft schuldig.
LUCILIA: Sie schulden mir nichts. Ich will keine Rechenschaft. Was sollte ich damit anfangen?
Die Angst wird bei Heidegger als die „Grundbefindlichkeit“ des Daseins bezeichnet. In der Angst vor dem Tode enthüllt sich die Geworfenheit in den Tod, d. h. der Tod als eigenstes, unüberholbares Seinkönnen eines jeden Daseins. Das in der Angst enthüllte Seinkönnen ermöglicht nach Heidegger ein Sichverstehen in seinem eigenen Seinkönnen und damit die Wahl als das Sichentscheiden fürein Seinkönnen aus dem eigenen Selbst.
ICH: Ich bin beeindruckt. Sie zitieren Heidegger.
LUCILIA: Ich zitiere Heidegger aus Wikipedia. Ich weiß nicht, ob das Zitat dort richtig
wiedergegeben wurde.
ICH: Verstehen Sie Heidegger?
LUCILIA: Nein. Wie gesagt, ich zitiere ganz einfach. Will man Eindruck schinden: nichts
leichter als das. Wer traute sich zu hinterfragen, ob man selbst verstehe, was man sagt?

Ich bin eine Fliege. Jegliches Verstehen liegt mir absolut fern, warum sollte ich mich damit belasten? Ich kenne nur mich, insofern bin ich absolut. Und nun zurück zum Thema meiner Sicherheit; ich bin diesbezüglich in Eile, bin gezwungen, alsbald zu anderen Orten zu wechseln, das sagte ich bereits.
ICH: Teilte ich Ihnen Näheres mit, Sie erschräken.
LUCILIA: Also gut, also gut. Ich bleibe … Für eine winzige Weile. Geben Sie mir einen
Moment, ich suche ein Wort aus.
ICH: Gut. Hier haben Sie den Moment, nehmen Sie ihn.
LUCILIA: Danke. Darf ich ihn vielleicht ein wenig dehnen?
ICH: Ja, gern. Sie haben keinen Begriff von der Zeit, insofern tun Sie mit ihr, was Ihnen beliebt.
LUCILIA: Sehr gut. Vielen Dank. Das verschafft mir ein gewisses Gefühl, von … ich gebe zu …
Sicherheit.
ICH: Bitte. Ich werde warten.
Der Fliegenträger machte plötzlich einen ruckartigen Schritt.
Ich tat es ihm nach. Die Fliege flog davon. Und ihr Träger erstarrte
Die hinter dem Fliegenträger Wartenden ignorierten ihn. Gleiches tat ich.
Ich stieg in die Gondel, die mich, die Aussicht genießend, über den Fluss trug. In der gegenüberliegenden Station hielt ich Ausschau nach den übertrieben goldenen Hähnen der ehemals geheimen Quellen, die ich dann rasch entdeckte, an denen aber mit rostigen Drahtschlaufen ein Emailleschild befestigt war, auf dem stand:
Wegen Wartungsarbeiten bis auf Weiteres ausser Betrieb
Ich schaute mich aufmerksam um und entdeckte wenig Beachtenswertes.
Lediglich eine Formation von Kranichen zog hoch über mir vorbei. Ihnen stumm zuwinkend, ging ich weiter. Und vielleicht bildete ich es mir ein, die Vögel erwiderten den Gruß mit ein paar Schlägen ihrer ansonsten in sanftem Gleitflug ausgebreiteten Flügel.
Die Fliege sah ich niemals wieder. Ihr Wort allerdings erreichte mich.
Ein geflügeltes Wort. An dieser Geste meinte ich zwischen den Buchstaben die Wichtigkeit zu lesen, die sie der Angelegenheit schlussendlich beimaß.
Hans Castrup, 1957 in Osnabrück geboren
Studium der Kunstwissenschaft an der dortigen Universität (Magister Artium).
Freischaffend auf den Gebieten Malerei, Video, Fotografie, Grafik, Musik und Text in Bramsche bei Osnabrück.
Seit 1978 Ausstellungen im In- und Ausland
Seit 1981 Veröffentlichung von Musik
Seit 2000 Klanginstallationen
Seit 2007 Veröffentlichung von Hörstücken im Radio und auf CD
Seit 2010 Ausstellung von Künstlerbüchern
Seit 2013 Veröffentlichung und Ausstellung von Videos
Seit 2016 Veröffentlichung von Lyrik
Mehr auf der Webseite: www.hans-castrup.de
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