Ina Rieder für #kkl53 „souverän“
Die letzte Firewall
Wenn ich eines nicht leiden kann, dann ist es Stress. In letzter Zeit nimmt die Spannung aber immer mehr Überhand. Ähnlich wie die eines überlasteten Stromkreises, der ständig steigt und droht, die Sicherungen durchbrennen zu lassen. Meine rechte Hand fährt wie hypnotisiert an den Griff der obersten Schublade, zieht sie auf, greift wahllos nach irgendwelchem Trash Food, das nach einem „Schlaganfall“ schreit, meinem Organismus aber eine gewisse kurzweilige Befriedigung vorgaukelt. Meine Augen starren konzentriert auf den Bildschirm. Sie checken die Ergebnisse zur Überprüfung unserer Systeme nach Schwachstellen.
Schon seit längerer Zeit quält mich ein schwer zu beschreibendes Gefühl. Als würde etwas mir Unbekanntes in einer dunklen Ecke lauern. Eines, das nur darauf wartet mich bei der kleinsten Unachtsamkeit anzuspringen. Dunkle Augenringe verraten meine Schlaflosigkeit und ich frage mich, wann ich das letzte Mal eine nahrhafte Mahlzeit zu mir genommen habe.
Ein gewohntes Klicken, gefolgt von einem sanften Quietschen der Scharniere, reißt mich aus meinen Gedanken. Das vertraute, leise Rascheln, das von der Türe, die den Teppichboden streift, stammt, lässt mich kurz Aufsehen. Ava betritt mit ihrem Laptop, der mit Stickern der letzten Tech-Konferenzen verziert ist, den Raum. Ihr blumiger Duft nach Veilchen beginnt das Büro zu erfüllen und ihre erfrischende Energie schwappt einmal mehr zu mir über.
„Hi, Adam! Alles klar?“
Sie geht an mir vorbei, stellt ihre Tasse mit dem Slogan „Ich habe keine Fehler, nur unerwartete Features“ auf ihrem Arbeitsplatz, der direkt meinem gegenüber ist, ab. Ihr Laptop rastet in die Docking Station ein und ihr Schlüsselband, das sie daneben ablegt, verursacht ein metallisches Klirren. Sie schaut auf. Unsere Blicke treffen sich.
„Nicht schon wieder!“, seufzt sie und verharrt in ihrer Bewegung. Sie kennt mich besser als mir lieb ist.
„Doch! Sieh dir das an!“
Ava, die vor fünf Jahren als Praktikant begann und blieb, tritt mit gerunzelter Stirn neben mich, um in leicht gebückter Haltung auf meinen Bildschirm zu blicken. Ihr langes Haar streift für eine Sekunde über meinen Unterarm. Ein kurzer Anflug eines Frühlingsgefühls keimt in meinem Innersten auf.
„Die Angreifer werden immer geschickter,“ sage ich. „Sie haben schon wieder versucht unsere Firewall zu umgehen.“
„Tatsächlich, aber Moment mal. Diese Art und Weise ist neu.“
„Sie nutzen eine neue Methode. Wir müssen die Sicherheitsprotokolle sofort aktualisieren und eine zusätzliche Überwachungsschicht einbauen.“
„Okay, ich versammle sofort die anderen. Im Konferenzraum?“
Ich nicke. Ava hat ein besonderes Talent dafür, immer das richtige zur richtigen Zeit zu tun. Ich könnte mir keine bessere Kollegin vorstellen und bin dankbar für ihre schnelle Auffassungsgabe und ihre Tatkraft.
Ich beobachte die verdächtigen Aktivitäten, die sich immer weiter ausbreiten. Mein Herz schlägt schneller als ein überhitzter Prozessor, der kurz davorsteht, den Notfallkühler zu aktivieren. Der Knoten in meinem Magen zieht sich weiter zusammen. Mein Verdacht,dass die Angriffe auf unsere Systeme von einer ausländischen Organisation orchestriert werden, verdichtet sich. Sorgen und Gedanken wirbeln wild durcheinander.
Soll ich meinen Chef informieren, oder mich zuerst um diesen prekären Fall kümmern? Er könnte sofort Maßnahmen ergreifen und zusätzliche Ressourcen bereitstellen, aber es könnte uns auch Zeit kosten, die wir nicht haben.
Eine Mischung aus Angst und Entschlossenheit treibt mich an, und mir ist klar, dass ich alles tun muss, um unsere Systeme zu schützen, denn das ist genau mein Job. Ich bin für die Netzwerksicherheit zuständig und muss gewährleisten, dass die sensiblen Daten, die wir verarbeiten, geschützt und sicher bleiben.
Ich mache mich auf den Weg, gehe an den leeren Büros vorbei, die links und rechts des Flurs gelegen sind und versuche meine Gedanken zu ordnen. Ansprachen vor versammelter Mannschaft liegen mir nicht besonders. Ich lege mir bereits geeignete Worte zurecht, die einerseits die Ernsthaftigkeit der Situation verdeutlichen und andererseits niemanden in Panik versetzen sollen. Bevor ich den Konferenzraum betrete, atme ich noch einmal tief durch, und blicke an mir herab. Wenn ich geahnt hätte, dass sich heute noch alle Augen auf mich richten, hätte ich mich vermutlich für die frisch gewaschenen Chinos und das helle Hemd entschieden. Jetzt muss ich damit leben, dass ich wie ein Nerd wirke, der zwei Nächte ohne Pause durchgezockt hat.
Ich stehe vor versammelter Mannschaft im Konferenzraum. Schweiß perlt von meiner Stirn, meine Brille beschlägt sich. Ich nehme sie ab, um die Gläser mit einem Zipfel meines Shirts zu trocken. Ich räuspere mich und habe die volle Aufmerksamkeit meiner Mitarbeitenden.
„Danke, dass ihr alle so schnell gekommen seid. Ich habe wichtige Informationen und verlasse mich auf eure Diskretion. Es gibt ernstzunehmende Angriffe auf unsere Systeme. Unsere Datensicherheit ist gefährdet!“
Als die anderen die Schwere meiner Worte erfassen, geht ein leises Murmeln durch den Raum.
„So wie es aussieht, will jemand unsere Systeme kontrollieren. Sprich jemand möchte die technologische Souveränität unseres Landes untergraben. Das ist die ernsthafteste Bedrohung, die ich in meiner Karriere je erlebt habe. Wir stehen vor der Herausforderung, diese Angriffe abzuwehren und unsere technologische Unabhängigkeit zu bewahren.“
Meine Ansage kommt einem Kampfruf gleich. Ich sehe, wie die Gesichter der Kollegen sich verhärten. Ihre Entschlossenheit ist deutlich spürbar und verursacht mir eine Gänsehaut.
Das sind meine Männer, denke ich. Und Frauen, höre ich Ava still meinen Gedanken ergänzen. Genau das hätte sie gesagt, wenn ich ihn laut ausgesprochen hätte. Sie ist das einzige weibliche Wesen in meinem Team. Ein kleines Lächeln huscht über mein Gesicht.
„Wir müssen jetzt zusammenarbeiten und unsere Sicherheitsprotokolle verstärken. Und alle Netzwerkexperten kommen bitte sofort zu mir ins Büro. Wir dürfen keine Zeit verlieren.“
***
Vollkommen vertieft in die Entwicklung einer neuen Firewall, die unsere Systeme vor den raffinierten Hackerangriffen schützen soll, bemerke ich meinen Vorgesetzten erst als ich seine raue, aufgebrachte Stimme höre: „Adam, was zum Teufel ist hier los? Ich habe über den Flurfunk gehört, dass wir angegriffen werden! Wann hattest du vor, mir das zu sagen?“
Das hat mir gerade noch gefehlt.
Ich richte mich auf und rücke meine Brille, die von meiner Nase zu rutschen droht, wieder an die richtige Stelle.
„Ich verstehe Ihre Besorgnis. Wir befinden uns mitten in einem Hackerangriff und sind bereits mit den Maßnahmen beschäftigt. Mein Team und ich arbeiten intensiv daran, die Bedrohung abzuwehren.“
Er funkelt mich an, doch ich halte seinem Blick stand.
„Das ist inakzeptabel! Ich sollte als Erster informiert werden!“
„Sie haben vollkommen recht. Ich entschuldige mich für die Verzögerung. Unser Hauptfokus liegt derzeit darauf, die Sicherheit unserer Systeme zu gewährleisten. Jede Sekunde zählt. Vertrauen Sie mir, ich werde Sie ab sofort über unsere Fortschritte auf dem Laufenden halten.“
„Gut, machen Sie weiter. Aber ich erwarte regelmäßige Updates.“
„Natürlich, Ava wird sie laufend informieren und wir werden das Problem schnellstmöglich in den Griff bekommen.“
Zumindest hoffe ich das.
Meine Kollegin nickt zustimmend. Während mein Chef den Raum verlässt, rollt Ava mit den Augen und zwinkert mir verschwörerisch zu. Eine stille, vertraute Verständigung, die keine Worte braucht.
Die Uhr tickt und jeder ist sich der Dringlichkeit der Situation bewusst. Die Angreifer versuchen immer wieder, in unsere Systeme einzudringen, doch wir bleiben standhaft.
Mittlerweile ist es dunkel geworden. Die Klänge der Straßen dringen gedämpft durch die Fenster in den Raum. Das Summen der Computer und das gelegentliche Klicken von Tastaturen sind die einzigen Geräusche, die die Stille durchbrechen. Die Luft ist erfüllt von Spannung und Erwartung.

„Leute, es gibt endlich einen Durchbruch! Die Firewall ist bereit.“
Ein erleichtertes Raunen erfüllt das Büro und ich kann es selbst noch nicht wirklich glauben.
„Fantastisch!“, erwidert Ava und ich höre die Erleichterung in ihrer Stimme.
Ich halte kurz inne und lass meinen Blick durch den Raum schweifen, wende mich dann wieder meinem PC zu und sage: „Ich bin bereit. Aktivierung der Firewall… jetzt!“
„Schaut mal, die Angreifer werden sofort blockiert!“, ruft einer meiner Kollegen begeistert aus.
Der Knoten in meiner Brust ist wie weggeblasen und meine Muskeln beginnen sich zu entspannen. In diesem Moment wird mir klar, dass wahre Souveränität nicht nur in der Kontrolle über Technologie liegt, sondern auch in der Fähigkeit, sich gegen Bedrohungen zu verteidigen und unabhängig zu bleiben. Es ist ein Triumph des gesamten Teams. „Ja, unglaublich, ihre Versuche, unsere Daten zu kompromittieren, scheitern komplett.“
„Ich gebe dem Chef gleich grünes Licht. Wir sollten den Erfolg feiern! Im Kühlschrank sind noch zwei Flaschen Sekt von Weihnachten“, sagt Ava, dreht sich auf dem Absatz um und ist noch bevor ich etwas erwidern kann, verschwunden.
Kurze Zeit später klirren die Gläser und die Stimmung wird immer ausgelassener. Irgendjemand hat das Radio aus der Küche geholt. Summer of 69 dröhnt durch die Lautsprecher, zwei meiner Kollegen johlen in voller Lautstärke den Refrain mit.
Wo bleibt Ava eigentlich? Sie müsste doch längst schon wieder von der Toilette zurück sein! Ich schau mal besser nach ihr.
Ich verlasse den Raum und gehe den Flur entlang. Als ich rechts abbiege, sehe ich Ava und ziehe mich sofort wieder zurück. Ich linse vorsichtig um die Ecke und beobachte sie. Sie flirtet mit einem der jüngeren Kollegen. Ihr Lachen klingt unnatürlich. Sie fährt sich immer wieder verlegen durch die Haare, während sie Tom anhimmeln zu scheint und seinen Worten gebannt lauscht. Die beiden stehen sehr nahe zusammen und ihre Körperhaltung strahlt eine Vertrautheit aus, die mir neu ist. Es sticht kurz unangenehm in meinem Herzen.
Ich bin so dein Depp! Was sollte sie auch mit einem 20 Jahre älteren Nerd wie mir anfangen?
Obwohl sich blitzartig mein Verstand eingeschaltet, nagt die Enttäuschung trotzdem an mir. Meine romantischen Träume sind geplatzt, stattdessen breitet sich ein Gefühl der Leere in mir aus. Es wird begleitet von einer bitteren Mischung aus Eifersucht und Selbstzweifeln. Ich wende den Blick ab und versuche, die aufsteigenden Emotionen zu unterdrücken. Ich gehe zurück, schnappe meine Jacke von der Garderobe und gehe, ohne mich von den anderen zu verabschieden nach Hause.
Bild: Kunst von Germana Reindl

Ina Rieder, wenn die Dunkelheit den Tag verschluckt, nutzt die Tirolerin Ina die Stille der Nacht, um zu schreiben. Ihre Prosa- und Lyrik-Texte sind in verschiedenen Anthologien und Magazinen vertreten. Einige ihrer Kurzgeschichten wurden 2024 online sowie in Print-Ausgabe beim Schreiblust-Verlag veröffentlicht.
Über #kkl HIER
