Martin A. Völker für #kkl53 „souverän“
Den Inseln entkommen
Schaue dich um: Alles voller Leben. Aber wie ist dieses Leben organisiert? Welche Organisation bringst du hinein? Die Einteilung der Menschen in starke und schwache hältst du für natürlich? Dann wird es dir nicht schwerfallen, die Stärkung der Starken und die Schwächung der Schwächelnden gutzuheißen, dann wird das Stoßen der Strauchelnden zu deinem täglichen Geschäft. Das ist die Normalität der Begünstigten und Begüterten, die zur Natur der Dinge wird, weil du es so willst. Oder? Das hast du nicht gewollt, als du anstelle von Menschen bloß Starke und Schwache, Sieger und Verlierer gesehen hast? Was trägst du dazu bei, den Beladenen ihre Last abzunehmen, unter der sie ächzen, während du vor Kraft kaum gehen kannst? Niemand hat dir Bescheid gesagt, dass du helfen sollst? Nun, du hast Augen im Kopf und ein Herz in der Brust, das sollte genügen, um alle Missstände in der Welt wahrzunehmen, sie fühlend anzunehmen und energisch anzugehen. Das Sehen, dein Sehen, ohne etwas zu erkennen, mag einem Blick geschuldet sein, der hinausgeht über die Köpfe jener, die du für schwach hältst. Du siehst sie einfach nicht. Sollen sie doch wachsen, denkst du, sich emporrichten, souverän sollen sie werden, so wie du es geworden bist. Was meint dieses Gewordensein eigentlich? Deine Souveränität ist Überlegenheit, ist Unabhängigkeit, ein Souverän herrscht unumschränkt. Kann und soll dieses Gewordensein erstrebenswert für andere sein? Ich habe Zweifel. Natürlich, so natürlich wie deine Einteilung der Menschen in starke und schwache, kann ich deine Souveränität nicht nennen. Das überlegene Tier verhungert, weil es alle niederen Tiere gefressen hat, der völlig unabhängige Baum verdurstet, weil er keine Wurzeln besitzt. Deine Souveränität wirkt wie wertlos gewordenes Gold, wie eine pralle Geldbörse auf einer einsamen Insel. Du wirst diese Insel sein, wenn du souverän geworden bist, und du bist es. In der Ferne entdeckst du andere Inseln, aber der Weg ist weit, und die Gewässer sind tief und kalt und unsicher. Du bist nicht allein souverän, sondern das Volk ist der Souverän? Was verbessert das? Eine überfüllte Insel ist schlimmer als die einzeln bewohnte Insel, weil sie neuen Lebensraum fordert und die Einkassierung anderer Inseln erzwingt. Eine Souveränität macht also der anderen den Garaus. Das bereitest du vor, wenn du andere für klein und schwach hältst, du sie klein und schwach redest, um sie von jenen Ressourcen abzuschneiden, die eigentlich dir zustehen. Zur Souveränität gibt es keine Alternative? Die Alternativlosigkeit rollt die Kanone ans Ufer der eigenen Insel und sperrt die visionären Brückenkonstrukteure und die wettererprobten Pontonprofis ins Gefängnis. Lerne stattdessen zu regieren, ohne zu herrschen. Lerne zu teilen, ohne einzuteilen. Sei der rettende Kontinent für jene, die den Inseln entkommen, die den gefahrvollen Weg auf sich nehmen und dabei schiffbrüchig werden. Überwinde deine Souveränität. Das wird dich wahrhaft sehend machen und jene Zäune niederreißen, vor denen die anderen verhungern und verdursten. Schaue dich um: Alles soll voller Leben sein. Lass es leben, Wurzeln schlagen, sich verbinden, vervielfältigen und reichhaltig vermischen. In dieser Entwicklung hin zum Symlebendigen besteht die Alternative zur Souveränität. Schwimme mit gutem Beispiel voran.

Martin A. Völker, geb. 1972 in Berlin und lebend in Berlin, Studium der Kulturwissenschaft und Ästhetik mit Promotion, arbeitet als Dozent, Kunstfotograf (#SpiritOfStBerlin) und Schriftsteller in den Bereichen Essayistik, Kurzprosa und Lyrik, Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland. Mehr Infos via Wikipedia.
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