Xaver Egert für #kkl53 „souverän“
Forschung auf der Bühne
„Und damit sind wir am Ende meines Vortrags angekommen. Wenn Sie die Foliensätze erhalten möchten, so hinterlegen Sie bitte bei meinem Assisstenten ihre Mailadresse.“
Rauschender Applaus war die Folge. Wie immer, wenn der Professor einen Vortrag hielt. Kurz darauf fand sich die übliche Traube an Interessierten bei mir ein, um sich in die Mailingliste für die Foliensätze einzutragen.
Als wir am nächsten Tag beim Mittagessen saßen, zog ich die Morgenausgabe der Zeitung aus meiner Manteltasche und zeigte sie dem Professor. Da war ein Artikel über seinen gestrigen Vortrag, wie immer, wenn er einen hielt. Der Professor war zufälligerweise berühmt. Und er war ein guter Rhetoriker.
Er überflog kurz den Artikel. „Souverän“, murmelte er, offenbar den Artikel zitierend. Er zuckte mit den Achseln. „Na ja“, sagte er wegwerfend. Dann wendete er sich wieder seinen Nudeln zu, die er so langsam aß, als würde er jeder Nudel einen eigenen Vornamen geben, bevor er sie aß. „Bedächtig“, so nannte der Professor selbst sein Esstempo.
„Wie kommt es eigentlich, dass immer das Wort „souverän“ auftaucht, sobald in einem Zeitungsartikel über Sie geschrieben wird?“, fragte ich.
Der Professor schaute von seinem Essen hoch.
„Na, weil ich für mein Thema Experte bin“, sagte er.
„Und das war’s?“
„Mehr oder weniger schon. Weißt du, die Leute kommen doch mit der Erwartung in den Saal, dass ich Experte bin. Sie wollen auch glauben, dass ich Experte bin, wollen von dem überzeugt sein, was ich sage. Mit diesen Prämissen ist es mehr oder weniger ein Selbstläufer, selbstsicher, oder, schöner gesagt, souverän aufzutreten.“
„Und was würden Sie sagen: Sind Sie so souverän wie die Leute glauben?“
Der Professor lachte sein kratziges Lachen. Er war nicht mehr der Jüngste.
„Das müsstest du doch am besten wissen. Es ist der Fluch der Forschung: Alles ist nur vorläufig, alles ist falsifizierbar. Irgendwann wird auch jemand in meiner Theorie eine Lücke finden, einen Fehler oder eine Unvollständigkeit. Und dann wird man mich kritisieren, wenn man unfair ist, oder als Wegbereiter für das Darauffolgende wertschätzen, wenn man fair ist. Aber darauf habe ich keinen Einfluss. Worauf ich Einfluss habe, das ist meine Forschung. Und die versuche ich, nach bestem Wissen und Gewissen voranzubringen, unabhängig davon, ob sie gerade im Trend ist oder nicht. Es ist nett, dass meine Forschung sich gerade mit einem Thema überschneidet, das die Gesellschaft interessiert und dass deshalb so viele Leute meine Vorträge besuchen. Aber das ist Zufall. Dass ich berühmt bin ist Zufall. Und wenn alles wieder auf klein zurückfährt, ist das für mich auch völlig in Ordnung. Wissenschaft hat eine wesentlich langfristigere Perspektive als gesellschaftliche Trends.“
„Das heißt, wenn die Leute Ihre Vorträge nicht mehr besuchen, sind Sie immer noch souverän?“
„Genau so sehr wie vorher. Das heißt von außen betrachtet souverän und von innen betrachtet… nun, nicht souverän eben.“
„Wie das?“
„Souveränität, das ist doch nur eine rhetorische Luftblase. Wir kennen unsere Fehler doch selbst gut genug, als dass wir wissen, dass wir uns anderen gegenüber nicht so aufspielen sollten, als wären wir uns vollkommen sicher oder gar unfehlbar. Aber unsere Gesellschaft hat Regeln konstruiert, die genau das von uns verlangen. Also spiele ich mit, ziehe auf dem Bühnenaufgang meine Maske der Souveränität auf und lasse sie fallen, sobald ich die Bühne wieder verlasse. So einfach ist das.“
Danach wandte sich unser Gespräch unserem aktuellen Forschungsvorhaben zu. Ich habe den Professor noch auf viele weitere seiner Vorträge begleitet und viele Jahre an seiner Seite forschen dürfen. Doch seine Worte über die Maske der Souveränität habe ich nie vergessen.
Und so denke ich jedes Mal an ihn zurück, wenn ich einen Vortrag halte und die Maske der Souveränität über mein Ich stülpe. An den Professor, der jeder seiner Nudeln einen eigenen Namen gab, bevor er sie zum Mund führte.
Xaver Egert, geboren 2004, studiert Psychologie in München. Er ist interessiert an Psychologie, Literatur, Politik und Umweltschutz. Er ist Mitautor des Klimanewsletters der Gemeinde Unterhaching bei München und hofft, mal ein eigenes Buch zu veröffentlichen.
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