Gert Esterle für #kkl53 „souverän“
Der In Reimen Spricht
Sonntagmorgen. Acht Uhr fünfzehn.
Schlaftrunken tastete Dirs nach dem Kofferradio.
Ein folgenschweres Ereignis an seinem achtzehnten Geburtstag.
Du holde Kunst. Wer die Schönheit angeschaut auf Erden. Drei Jahrhunderte deutsche Dichtkunst.
Der österreichische Klassiksender.
Dirs hatte auf den falschen Knopf gedrückt.
Mit Dichtung hatte er nichts am Hut. Ein Ö3-Hörer, wie unzählige junge Menschen in unserem Land. Die nach dem Erwachen beschwingte Poprhythmen benötigen, um auf Betriebstemperatur zu kommen.
Dirs war zu müde, seinen Irrtum zu berichtigen.
Im Halbschlummer ließ er sich von Reimgedichten berieseln. Eigentümliche Poesiegestalten schwirrten in seinem Schlafzimmer umher. Fremde Wesen umtänzelten ihn mit feenhaften Gebärden. Bisher unbekannte Namen pochten an sein Ohr. Ein einziger war ihm geläufig. Den Film Fuck ju göthe hatte er im Kino gesehen. Willig lauschte Dirs auch den klassischen und romantischen Musikstücken zwischen den Gedichtrezitationen. Eine exotische Klangwelt für den passionierten Ö3-Hörer.
Die holde Kunst war zu Ende. Sie hatte Dirs verwandelt.
Der Junge hatte die Fähigkeit verloren, sich mit seinen Mitmenschen in Prosasätzen auszutauschen. Er vermochte nur mehr gereimt zu reden.
Dirs, der Mann, der in Reimen spricht.
Der hochaufgeschossene Rothaarige lebte allein in einer keinen Zweizimmerwohnung. Seit drei Jahren war er als Automechaniker in einer Ford-Werkstätte tätig. Ein geselliger Typ, der nach der Arbeit gern mit seinen Kumpels herumzog und auf Partys abhängte. Er hatte eine zwanzigjährige Freundin, lose halt, nichts Endgültiges. Eine Freizeitgespielin, langmähnig blondiert mit Hang zum Unverbindlichen. Sein Vater war vor drei Jahren verstorben. Mit seiner Mutter verstand er sich nicht sonderlich gut. Sie war es aber, die als Erste in den Genuss seiner neuen Sprachgewohnheit kam. Als sie ihm telefonisch zum Geburtstag gratulierte, bedankte er sich kurz, aber gereimt. Sie stutzte, beendete das Gespräch jedoch gleich, wie sie es immer tat, weil er wie immer ohnehin kein Interesse an seiner Mutter bekundete.
Gleich darauf bekam er Besuch von Anke. Fröhlich beglückwünschte ihn seine Freundin.
„Hey Dirs! Alles Gute zum Geburtstag! Jetzt bist du achtzehn. Endlich. Willkommen im Club der endgültig Erwachsenen!“
Dirs strahlte. Ja. Er war nun vollkommen rechtsfähig.
„Liebe Anke. Ich weiß es und ich danke.“ Anke, leicht irritiert, wollte etwas sagen, Dirs kam ihr zuvor. „Du bist schon seit zwei Jahren erwachsen und erfahren. Komm, setz dich her zu mir, trinken wir ein Frühstücksbier.“
Verwirrt schob Anke einen Sessel zum Bett. Sie nahm Platz. „Wie redest du? Was ist in dich gefahren? Bist irgendwo angrennt, Dirs?“
Der junge Erwachsene biss sich auf die Lippen. Verdammt. Er konnte nicht anders. Die Worte entströmten seinem Mund wie der Saft gekelterter Trauben dem geöffneten Weinfass. „So wundermild war mir noch nie im Reich der Zauberpoesie.“ Anke griff sich an den Kopf. Was war bloß in ihren Freund gefahren! Sie getraute sich nicht, Dirs anzufassen. Als er sie ins Bett ziehen wollte, sträubte sie sich. Er umschmeichelte sie verbal. „Komm, Anke, und sei nett, sei nett und nicht adrett. Und leg dich in mein Bett.“
Anke wich zurück. Sie griff nach ihrer Handtasche, starrte auf ihren übergeschnappten Freund. Sodann machte sie sich eilends auf und davon. Dirs rief der Flüchtenden nach. „Oh Anke, Schatz, verlass mich nicht, mein Augenstern, mein Herzgedicht!“
Und weg war sie.
Das war kein erfreulicher Geburtstagsauftakt für den jungen Mann. Seine Verwandlung hatte ihm ihre ersten bitteren Früchte beschert.
Am nächsten Tag empfing ihn sein Chef missgelaunt. Das lag nicht nur am ersten Arbeitstag der Woche. Daheim war ihm ein ganzes Läusearsenal über die Leber gelaufen. Frau weg, Tochter entlaufen, Freundin verreist.
„Dirs, setz dich. Wir müssen uns unterhalten. Letzte Woche hat es zwei Beschwerden gegeben.“
Dirs bemühte sein Gedächtnis. Vergeblich. Seine Arbeit war korrekt gewesen. „Ich bin mir keiner Schuld bewusst. Ein redlich Herz pocht in der Brust.“ Da kam er aber beim Vorgesetzten nicht gut an.
„Du hast am Mittwoch beim Explorer das Motoröl vergessen … Mensch, wie sprichst du denn mit mir?“
„Chef, ich schwöre Mark und Bein, das Motoröl, ich tat es rein.“
Der Firmeninhaber sah sich mit einer vierten Flanke konfrontiert. Das Maß war voll. Wutentbrannt sprang er auf und brüllte: „Nichts tatest du! Hinaus! Ich tu dich raus! Du bist entlassen!“
Der nun arbeitslose Dirs verfiel in tiefe Depression. Er zog sich in seine Wohnung zurück. Ihm dämmerte, dass ein Aufenthalt unter Menschen sein Los weiter verschlimmerte. Er schwänzte ein seit Langem geplantes Klassentreffen, mied öffentliche Veranstaltungen, redete beim Einkaufen im Supermarkt kein Wort, auf Fragen nickte er bloß mit dem Kopf oder schüttelte diesen. Daheim hatte er Zeit, über sein Dasein nachzudenken. Er brauchte einen Job, musste seine Miete bezahlen und sich ernähren. Er verfasste Bewerbungsschreiben, natürlich in gereimten Sätzen. Anders konnte er nicht. Eine Absage folgte auf die andere. Einen solchen Spinner wollte keine Firma als Mitarbeiter einstellen. In dieser Lage hätte ihm eine Freundin gutgetan. So trachtete er in Partnerbörsen eine solche zu finden. Vergeblich. Keine Zuschrift auf seine gereimten Texte. Niemand zeigte auch nur das geringste Interesse für diesen verrückten Jungen. Es war zum Verzweifeln. Wen sollte er um Hilfe bitten? Wer könnte ihn von seinem Leiden befreien?
Er zappte durchs Internet. Dieses Vergnügen war ihm geblieben. Siehe da: ein Hoffnungsschimmer. Möglicherweise. Eine Psychotherapeutin mit einem Inserat: Halt! Hier harrt Hilfe! Hörbare Heilung hoffnungsloser Härtefälle.
Dirs schrieb sie an. Ich kann nur in Reimen sprechen, ist ein solches ein Verbrechen? Das ist ein entsetzlich Leiden. Alle Leute muss ich meiden.
Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten.
Komm, Komplize, kranker Kunde! Kummer kann kriechen. Komm!
Dirs stutzte. Was war denn das? Er überlegte (in Reimen natürlich, auch denken konnte er nur so): Was ist das für eine Nummer? Kriechen kann der Kummer? Naja, das kann schon sein, wenn man wie ich ist so allein.
Am nächsten Tag läutete er an der Tür der psychotherapeutischen Praxis. Er wurde von einer schlanken, jungen Dame in einem grünen Hosenanzug empfangen. Ihr ausufernd feuerrotes Haar stach ihm sofort ins Auge. „Setzen Sie sich, solch samtener Sessel schadet selten. Sagen Sie, sprechen Sie!“
Dirs zögerte. Wie sprach denn diese Frau? Wie sollte er sich ihr anvertrauen?
„Ich reime alles, was ich sage. Sei es bei Nacht, sei es am Tage.“ Die Psychologin nickte. „Lustloses Leben. Langes Leid. Liebesentzug?“ Dirs starrte die Therapeutin an. Äußerlich entsprach sie seinem Frauenideal. Ein Klischee fürwahr. Schlank, wilde rote Haare, funkelnde grüne Augen. Doch ihre Redeweise! Entsetzlich. Er nahm sich ein Herz und erläuterte den Einstieg in sein schmerzhaftes Reimdasein. Ob sie ihm helfen könne, sich vom existenziellen Makel zu befreien? Dabei blickte er ihr tief ins blinkende Augengrün. E lucevan le stelle … An die Tosca dachte in diesem Augenblick nur sie. Und sie maß ihren Besucher von oben bis unten. Ihren Hoffnungsschimmer. Ihren Befreier. Den Drachentöter.
Lange währte das Schweigen. Viel zu lange für den Bittsteller. Sie ließ sich Zeit. Nur nichts überstürzen!
„Lieber Dirs, lass es mich sagen: mich berühren Ihre Plagen. Aber ich bin kein Orakel. In Reimen reden ist kein Makel.“
Den jungen Mann durchzuckte es. Sollte diese Frau ihn erlösen? Was ihr erwidern? Wie es ihr vergelten?
„Danke dir, dienstbare Dame! Deine Deklamation dünkt deutlich durchaus dem dürstenden Dränger.“
Dirs hielt inne.
Auch wir tun es.
Sie sind nicht gestorben. Solche Wesen gibt das Leben nicht her. Es wäre viel zu schade.
Gert Esterle
Geb. 1949 in Waidisch (bei Ferlach), Kärnten. Sohn eines Büchsenmachers.
Seit 2016 literarisch tätig. Vorwiegend literarische Kriminalromane, Kurzgeschichten. Minidramen
„Bauernopfer“ (BoD)
„Todestrull“ (BoD)
„Tief“ (Edition Heftiger)
„Glück“ (Edition Heftiger)
„MODUL. Eine Schwadronade“ (Eigenverlag)
„S. Kohlhaas“ (Edition Heftiger)
Lesungen in Wien, Ferlach und Zellerndorf
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