Christa Blenk für #kkl53 „souverän“
Der Staat bin ich.
Der Sonnenkönig Ludwig XIV. (1638-1715) wurde mit vier Jahren zum König von Frankreich gekrönt. Bis zu seiner Volljährigkeit kümmerten sich seine Mutter, Anna von Österreich, und der Kardinal Mazarin um die Regierungsgeschäfte und orientierten sich dabei an Ideen des mächtigen Kardinal Richelieu. Zusammen legten sie den Grundstein für den Absolutismus und zementierten den Katholizismus in Frankreich. Konzentration der Verwaltung und der Geldmittel sowie Entmachtung des Adels waren Folgen davon. Ludwig XIV. war ein Perfektionist, der sein Leben lang an der Verbesserung der Inszenierung seiner Macht arbeitete; die Kunst hierbei war eines seiner Werkzeuge. Der Umbau des kleinen Jagdschlosses von Versailles in eines der prächtigsten Schlösser Europas war Teil seiner Selbst-Inszenierung. Eines der aussagekräftigsten Bilder in diesem Sinne ist ein Auftragswerk des Königs an seinen Hofmaler Hyacinthe Rigaud (1659-1743). Das Gemälde Ludwig XIV. im Krönungsornatwird zum Modell in Europa und der Welt. Es zeigt den 63-jährigen Souverän in einer beeindruckend theatralen Inszenierung:
Das Porträt ist mathematisch aufgebaut, jedes Detail kalkuliert und enthält alle Informationen, die der König und sein umfangreicher Stab von Propagandaexperten über ihn verbreiten wollen.

„Der nicht mehr ganz junge Herrscher trägt Spitze, Samt, Seide und Pelz. Die Culotte ist nur angedeutet. Sein alterndes Gesicht unter der dunklen, langhaarigen Perücke ist weiß geschminkt. Die Mode dieser Zeit verlangt lange, toupierte Haare. Da dies die meisten Männer ab einem gewissen Alter nicht mehr bieten könnten, mutiert die Perücke zu einem Haupt-Accessoire. Rigaud lässt den Herrscher das überlebensgroße Bild beinahe ausfüllen, obwohl der Monarch nur mit Hilfe von “High Heels” stattlich daherkommt. Auf dem Porträt sind die zierlichen, femininen Schuhe mit rotem Absatz und kecken Schleifen sehr gut zu sehen und heben seine weißbestrumpften Beine hervor. Er ist der Staat, die Macht in Person! Dementsprechend von oben blickt er auf seine Welt herab. Das Zepter in dem ausgestreckten rechten Arm landet direkt neben der Krone auf einer Truhe rechts von ihm. Es bildet mit seinem Arm und seiner Haltung ein V für „Victoire“ (Sieg). Genau in diesem V-Eck, am Sockel einer Säule, sitzt hell Justizia mit ihren Attributen Waage und Schwert. Hinter der Krone liegt ein zweiter Stab, der in einer Hand mit ausgestreckten Fingern endet. Diese zeigen auf etwas außerhalb des Gemäldes und evozieren die unendliche und allumfassende Macht von Ludwig. Der linke, angewinkelte Arm ist unter dem um ihn drapierten, aufwendigen Hermelinmantel nicht zu sehen. Das Schwert darunter umso mehr. Thron, Kissen und Mantel sind mit den Königslilien verziert. Über dieser Theaterszene bauscht sich ein roter, luxuriöser Samtvorhang, der halb die Säule umspielt. Links daneben Fragmente eines Tempels, nur leicht angedeutet. Denn der „Roi Soleil“, der Sonnenkönig, ist noch nicht soweit, er wird noch zehn Jahre regieren, bis er wie Herkules in den Götterhimmel aufsteigen darf. Dies wurde ihm sozusagen in die Wiege gelegt. Nachdem seine religiöse, österreichische Mutter nach vielen Fehlgeburten endlich Louis de Borbon zu Welt brachte, ein Gottesgeschenk, verlieh man ihm den Beinamen Dieudonné (der Gottgegebene). So hat ihn der Künstler in weiser Voraussicht in der Position des Herkules dargestellt. Seit der Entdeckung im 16. Jahrhundert des Herkules Farnese wird die römische antike Skulptur gerne als Vorbild für Königsporträts zitiert.“
Selbstgefällig liebt es Ludwig XIV. den Eindruck zu vermitteln, in seiner Person die Lebensfreude der Borbonen, die Kunstliebe der Medici und das würdevolle, strenge Zeremoniell der Habsburger sowie den Mut von Herkules zu vereinen. Seine gesellschaftliche Stellung ist unantastbar, die Choreografie, an die sich auch der am Hof lebende Adel zu halten hat, ist perfekt, das Hofzeremoniell streng und minutiös durchgetaktet. Aber auch der König übt sich in Disziplin, arbeitet viel und wird nie müde, und wenn, dann zeigt er es nicht. Verbote und Pflichten stehen an erster Stelle. Er zelebriert seinen Alltag in aller Öffentlichkeit vom Aufstehen bis zum Schlafengehen. Seine Untergebenen werden permanent über seine Taten auf dem Laufenden gehalten. Rigaud benutzt für sein Werk kräftige Farben, setzt meisterhaft Hell-Dunkel-Kontraste ein und modelliert geradezu den Luxus der Stoffe. Dass über allem ein Geruch schwebt, den nur viel Parfüm überdecken kann, sieht man im Gemälde nicht.
Ludwig war charmant, klug, höflich, besaß eine großartige Menschenkenntnis und einen scharfen Verstand. Er war ein Egozentriker, liebte die Frauen, die Kunst und den Tanz und war mit Moliere und Lully befreundet. Die sechs Überlebenden seiner elf unehelichen Kinder hat er allesamt anerkannt und standesgemäß verheiratet.
Das Gehabe um Ludwig XIV., die Ausschlachtung von allem, was er tat und sagte, wird heutzutage von renommierten Werbeagenturen übernommen. Der Katalog des Machbaren ist unendlich. Vieles davon kommt uns bekannt vor.
Ludwig XIV. im Krönungsornat von Hyacinthe Rigaud (1659-1743)
Bildquelle: Wikipedia
Christa Blenk lebt in Niederbayern und am französischen Atlantik. Seit ein paar Jahren veröffentlicht sie regelmäßig Kurzgeschichten/Erzählungen in Anthologien und Literaturzeitschriften und schreibt für ein Berliner Online Magazin Artikel über Reisen, Literatur, Musik und Kunst, darunter auch ihre Kolumne (https://kultura-extra.de/kunst/werkbetrachtungen.php).
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