Zuhause (vom Hörensagen)           

Christian Schwetz für #kkl53 „souverän“




Zuhause (vom Hörensagen)                               

Hinter der Donau fließt Wein den Berg herunter.

Bis ich am Berg bin, bin ich zuhause.

Hin hausen, ab hausen, auf hausen, zu hausen.

Ich will nichts sehen, ich will nichts hören.

In Jedlers Dorf ist jedler am Hausen.

Ich bin nicht da, ich bin nicht du.

Am Spitz sitzt einer am Steine,

hat Beine über Beine,

macht gute Minne zum bösen Stil.

Alkoholverbot, Alkoholverbot,

der Wein rinnt vom Bisamberg,

aber darf nicht bis zum Spitz.

Aussagen, Absagen, Zusagen,

Vorhersagen, üble Nachsagen,

In Jedlersdorf hat jedler ein Haus,

und wenn das Haus so klein ist wie ein Klo,

wohn ich in Mamas Kopf.

Ich bin nicht da, ich bin nicht du.


Es ist ein schönes Dorf,

von andren schönen Dörfern

schön umrundet, das Jedlersdorf

in Floridsdorf bei Wien.

Und edle Menschen leben hier,

die dürfen hier noch weitersaufen,

weil nur am Spitz ein neuer Praterstern verglüht.

Abhören, Zuhören, Weghören, Gehören,

Auf, auf, aufhören,

ich bin nicht da, ich bin nicht du.


Und Bumm fährt die Siemensstraße

Mit wumm in die Brünnerstraße,

hat sich der Opa meiner Mama gholt

aus Brinn ein echtes Wienerin.

Wo Fuchs die Brünnerstraße gute Nacht,

wo Hase die Siemensstraße gute Nacht,

ich schreie nicht, ich singe nicht,

ich sag nichts aus, ich sag nichts ab,

ich spüre nichts,

ich bin nicht da, ich bin nicht du.


Beim Hammer Hans hat mein Papa gehammert,

der Daitsch hat unsere Elektrik verpfuscht,

die Kressel war mit meiner Mama in der Volksschule

und hat einen aus Südtirol gehabt.

Der Südtirol ist weg, mein Mama ist weg,

so weit, weit, weit ist der Wüstensand,

zwischen Wienerberg und Jedlersdorf.

Die Kressel, alt geworden, krass geworden,

aber am Anfang war die Kressel

und dann war die Kressel

und wenn die Brünnerstraße im roten Wein ertrinkt,

dann wird die Kressel sein

und wir werdn nimma sein.

Ich aber sage nichts,

ich aber höre nichts,

ich bin nicht da, ich bin nicht du.


Hinein ins Haus, das Haus ist zu.

Mein Suppenlöffel löffelt meine Suppe nicht.

Am Anfang war das Vierteltelefon,

im Fernsehen war Rotwein schwarz

und Weißwein grau,

und meine Tante weint und lacht

Guten Abend die Damen und Servas die Buam.

Anhören, Umhören, zugehören, aufhören, aufhören

Ich bin nicht da, ich bin nicht du.


Durch Stiege eins zu Stiege zwei,

die Glocke heißt wie einst die Mieterin,

weil meine Tochter das nicht ändern will.

Der kleine Aufzug trägt den kleinen ich

hinauf, hinauf, hör auf, ich bin nicht da.

Haus der Kressel, Haus der Schreier,

Haus der nächtlich Vogelhäuserbauer.

Ich bin doch nicht im dritten Stock geboren,

ich war schon sechs, als alles angefangen hat.

Aufsagen, Zusagen, Absagen,

ich sage nichts, ich bin nicht du.


Mit meiner Tochter Pizza essen.

Mit meiner Tochter Das Floridsdorfer Talent spielen.

Mit meiner Tochter das Floridsdorfer Talent kaufen.

Mit meiner Tochter Hundefutter kaufen.

Mit meinem Enkelhund die Jedlersdorfer-Gassen-Runde drehen.

Raus aus der Wohnung, alles zu hausen, ganz zu hausen.

In dieser dunklen Stinkeschule Tränen fließen lassen,

wie Wein, vom Bisamberg nach Jedlersdorf hinab.

Aus diesem Hort herausgerissen werden,

weil Mama jetzt daheim bei meiner Schwester bleibt.

Mein Opa hüpft und springt den kurzen Weg,

von Baumergass zu Brünnerstraß

und Oma darf ein Eis heut essen,

weil Opa glaubt, dass er bald sterben wird.

Das kleine Haus am Klo hat Opa zugekauft,

und meiner Mama zugedacht und übertragen.

Mein Papa war geduldet nur,

weil er ein Waldbauerngaserer vom Waldbauerngaswerk war.

Von hoch vom Norden kam er her,

vom Nordrand sogar von seiner Mutter ausgesiedelt,

die lieber nur mit dem Herrn Schwetz und Onkel Robert war.

Für so nen Papa ist selbst Jedersdorf ein Paradies,

weil doch nicht Jedermann ins Jedlersdorf gelassen.

Ich hör nicht zu, ich seh nicht hin,

mein Suppenlöffel löffelt meine Suppe nicht,

ich bin nicht da, ich bin nicht du.


Noch in die Kirche schnell,

die mitten auf der Straße steht,

weil das ihr Amt und Würde ist.

So klein das Taferl, so klein die Maria,

so klein mein Mama, Papa, Schwester, Oma,

all so klein.

So klein klein Klein-Maria-Taferl,

ach wär das Bildl damals abgebrannt,

samt Kirche, Jedlers- Fordidsdorf und Wien,

so sagt die Sage, ich sag nichts,

und denk ich nix und gspür i nix und red i nix

ich bin nicht da, ich bin nicht du

es hat mich sehr gefreut.





Christian Schwetz, geb. 30.12.1962, lebt und arbeitet in Wien.

Seit den 1980er Jahren ist er literarisch aktiv. Als Fazit seiner Diplomarbeit „Die wirtschaftliche Lage der Schriftsteller in Österreich“ beschloss er, das Schreiben nicht zum Hauptberuf zu machen und wurde Steuerberater.

Er ist Gründungs- und Vorstandsmitglied von „DAS SPRECH-Initiative für Sprach-, Sprech- und Hörkunst“.

Mit der Band „Novi Sad“ besteht seit den 1990er-Jahren eine künstlerische Zusammenarbeit.

Veröffentlichungen

2010 „Zwischen Brot und Spiel“; Kurzgeschichten; Testudoverlag

2011: „Traanbecks Ausnahmezustand“; Roman; Arovell-Verlag

2014: „Mails & Love“; Roman; Arovell-Verlag

2016: „Am Anfang war das A“; Textsammlung; Edition Libica

2021: „Wunderschönes Tier“; Textsammlung; Edition Libica

sowie in diversen Anthologien und Zeitschriften.






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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