Wir sehen euch

Andreas Tebbe für #kkl54 „denkbar“




Wir sehen euch

Marc hatte früh gelernt, dass es leichter war, mit Maschinen zu sprechen als mit Menschen. Die Sprache der Codes war klar, präzise, ohne Zwischentöne. HTML, Java, später Python, Shell – alles geordnet, logisch. Die Welt der Zahlen und Anweisungen machte Sinn. Die andere Welt, die der Menschen, tat das nie.

Es war kein Zufall, dass er seinen Platz in der IT-Branche gefunden hatte. Dort gab es Bedarf für Menschen wie Marc. Für Menschen, die strukturierten, verwalteten, Protokolle schrieben und Fehler bereinigten. Die im Hintergrund blieben, zuverlässig, aber unbemerkt.

Manchmal dachte er, sein Leben gleiche einer Bühne, auf der er jeden Tag auftrat, ohne Publikum. Ein Schauspieler vor leerem Saal. Er funktionierte, gab sein Bestes, lieferte fehlerfrei ab – aber niemand klatschte. Niemand sah hin.

In jener Nacht, als alles begann, saß er wie so oft vor den flimmernden Monitoren, den Energydrink neben der Tastatur, Kopfhörer über den Ohren. Ein Routinejob: die Fehler im Update-Protokoll ausfiltern. Nachtarbeit, die keiner sehen wollte.

Zwischen den Servicelogs und Debug-Strings tauchte eine Zeile auf, die nicht dorthin gehörte:

/sys/log/6EQUJ5.active

Marc runzelte die Stirn. Er hatte schon unzählige Artefakte gesehen – verwaiste Codezeilen, Debug-Kommentare, Dead Code, der durch Migrationsprozesse überlebt hatte. Die Systeme, die er betreute, waren alt, überfrachtet, niemand hielt sie sauber.

Aber diese Zeile war anders. Zu sauber. Zu eindeutig. Kein Timestamp, keine User-ID, kein Hinweis auf einen internen Prozess. Das Präfix /sys/log/ deutete auf eine Systemebene, die tief im Betriebssystem verankert war.

Wer auch immer diese Zeile dort platziert hatte, hatte es mit Absicht getan – und wollte, dass jemand wie Marc sie fand.

Sein Blick blieb an der Zeichenfolge hängen: 6EQUJ5.

Kein toter Code.

Eher wie eine Nachricht. Marc schloss das Terminal. Aber die Zeile blieb in ihm. Wie ein Licht, das man nicht mehr loswird, wenn man einmal hineingesehen hat.

Sie klebte an seinen Gedanken wie ein Splitter unter der Haut. Er wusste, dass solche Dinge selten zufällig auftauchten. Systeme hatten keine Absichten.

Also tat er, was er immer tat, wenn etwas in ihm nagte: Er durchsuchte das Internet. Es dauerte nicht lange, bis er fündig wurde.

6EQUJ5.

Er kannte die Zeichenfolge. Sie war kein Zufall. In der Wissenschaft nicht nur bekannt – sondern ein Mysterium.

Eine rätselhafte Funksequenz, empfangen im Jahr 1977, aus dem Sternbild Schütze – 72 Sekunden lang. Eine Reihe aus Zahlen und Buchstaben: 6 E Q U J 5. Nur ein einziges, unerklärliches Aufleuchten im kosmischen Rauschen.

Man hatte es das Wow!-Signal genannt, weil ein Astronom damals am Rand des Ausdrucks „Wow!“ gekritzelt hatte. Für einen Moment glaubte man, es sei der Beweis, dass wir nicht allein sind.

Marc starrte auf die Information.

Und dann zurück auf den Dateipfad in seinem Log:

/sys/log/6EQUJ5.active

Mehr als vierzig Jahre später. Nicht als Kommentar. Nicht als Easter Egg.

Als aktiver Prozess.

Er fragte sich, warum. Er öffnete die Datei. Ein Doppelklick, der mehr bedeutete, als er ahnte. Der Editor brauchte Sekunden, um den Inhalt zu laden. Die Datei war ungewöhnlich groß für ein Protokoll. Als sie endlich sichtbar wurde, zog sich eine endlose Liste von Zahlenreihen und Koordinaten über den Bildschirm. Keine klassischen Einträge. Keine Systemmeldungen. Rohdaten. Zeitstempel. GPS-Koordinaten. Nichts davon entsprach einem bekannten Format. Doch hier fühlte er sich zuhause. Das war sein Spiel.

Er scrollte, mechanisch, versuchte Muster zu erkennen. Die Einträge wuchsen in Echtzeit. Alle paar Sekunden eine neue Zeile. Der letzte Zeitstempel zeigte exakt auf die aktuelle Minute. Irgendwo wusste er, was das bedeutete, aber sein Kopf weigerte sich noch, es zu begreifen. Dann blieb sein Blick an einer Zeile hängen.

1986-03-16 03:14:32 – sein Geburtsdatum. Seine Geburtszeit.

Marc starrte auf den Bildschirm. Er scrollte weiter, schneller jetzt, die Finger kalt auf der Maus.

1992-08-26 07:56:12 – sein erster Schultag.

2006-11-03 11:26:52 – er hielt inne. Diese Uhrzeit war tief in ihm eingebrannt. Der Tag, an dem er zufällig Zeuge wurde. Ein Autounfall, mitten am Vormittag. Er hatte die Frau kaum gekannt.

Die Datei protokollierte keine Systemfehler. Sie protokollierte sein Leben.

Je weiter er las, desto intimer wurden die Einträge. Unbedeutende Momente, die niemand hätte kennen können. Ein Einkauf um drei Uhr morgens. Ein Arztbesuch, von dem er niemandem erzählt hatte. Selbst sein erster Kuss. Die exakte Minute.

Marc lehnte sich zurück und wusste zum ersten Mal nicht, wie er das Internet nach einer Antwort auf diese Fragen durchsuchen sollte.

„Egal, sie muss weg! Das muss aufhören“, schoss es ihm durch den Kopf.

Er versuchte, die Datei zu löschen. Erst im Terminal, dann per Root-Rechten, dann direkt im Dateisystem. Jedes Mal verschwand sie für einen Moment. Und kehrte zurück. Und sie schrieb sich immer weiter fort.

Er begann die Datenströme zu überwachen. Suchte nach Paketen, die sein System verließen. Zuerst sah alles aus wie immer. Standardverkehr, Hintergrunddienste, Protokollabfragen.

Dann fielen ihm kleine, regelmäßige Pakete auf. Sie hatten keinen Absender, kein Ziel. Keine Route, die sich auflösen ließ. Er verfolgte sie, Schritt für Schritt. Die Spur führte über Backbone-Knoten, sprang durch Netzwerke auf der ganzen Welt, bis sie schließlich endete. Irgendwo im Orbit.

Ein Satelliten-Relais. Registriert auf eine stillgelegte Forschungsstation in New Mexico. Das Radioteleskop, das 1977 das Wow!-Signal empfangen hatte.

Die Pakete enthielten Rohdaten.

Die Einträge aus seiner Datei.

Live.

In Echtzeit.

Er durchsuchte globale Routing-Tabellen. Und fand mehr.

Die Zeichenfolge 6EQUJ5 tauchte überall auf. Tief im Systemkern von Betriebssystemen, versteckt in öffentlichen Netzwerken, eingebettet in Router-Firmware, selbst in industriellen Anlagen. Überall das gleiche Muster, seit Jahrzehnten.

Wenn man wusste, wonach man suchen musste, war es überall.

Er verstand.

Es ging nie nur um ihn.

Erst jetzt begriff er, was das bedeutete.

Die Datei war nicht lokal. Nicht zufällig.

Sie war Teil eines Systems, das längst überall lief.

Ein globaler Stream. Ein Signal, das nicht auf Antwort wartete.

Seit jenem Tag im Jahr 1977, als jemand das Wow!-Signal registriert hatte, hatte sich etwas geöffnet. Die Datei, die er gefunden hatte, war kein Einzelfall. Sie existierte in jedem System, jeder Maschine, jeder Technik, die danach gebaut wurde. Versteckt, fragmentiert, bis man wusste, wonach man suchen musste.

Sie hatten nicht nur ihn beobachtet. Sie hatten uns alle gesehen.

Jeden Gedanken. Jede Bewegung. Jeden Moment. Seitdem.

Er saß lange da, die Hände still.

All die Jahre hatte er gedacht, niemand würde hinschauen.

Dass er spielte, funktionierte, sich abmühte – und niemand zuhörte.

Jetzt wusste er:

Der Saal war nie leer gewesen.

Jemand hatte immer hingesehen.

Immer.




Andreas Tebbe (geb. Wienpahl)
Geboren 1986, wohnhaft in Brakel (Nordrhein-Westfalen).

Beruflich in der Versicherungsbranche tätig, privat intensiv beschäftigt mit den Themen Trauma, psychische Belastung und gesellschaftliche Ausgrenzung.

Seit 20 Jahren schreibt er literarische Kurzprosa mit psychologischem und existenziellem Schwerpunkt. Die Anthologie Wo das Licht nicht reicht – Was in uns wohnt, wenn die Welt still ist ist sein erstes zusammenhängendes Werk. Teile der Anthologie sind inspiriert von eigenen Erfahrungen als Vater eines behinderten Kindes und reflektieren den Umgang mit familiären Herausforderungen, Verlust und Selbstvergebung.

Publikationen:
• „Verlust“ in der Anthologie Eintauchen, Abtauchen, Auftauchen (ViaTerra Verlag, 2011)
• „3 Stunden“ in der Anthologie Lichtlos: Düstere Geschichten und lyrische Gedanken (Balthasar Verlag, 2010)
• „Rache“ in der Anthologie Wer ist der Mörder? (net-Verlag, 2010)
• „Zeitlos“ in der Anthologie Wo ist der Mörder? (net-Verlag, 2011)
• „Endlosschleife“ in der Anthologie Herzensangelegenheit (net-Verlag, 2011)
• „Endlosschleife“ in der Anthologie Von einer langen Heimkehr (Engelsdorfer Verlag, 2011)
• „Rache“ in der Anthologie Best of net-Verlag (net-Verlag, 2013)







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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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