Doreen Pitzler für #kkl54 „denkbar“
Das Haus in Essex
Schon von außen sah das Haus beeindruckend aus. Es war alt, aber wunderschön und in einem guten Zustand, dafür, dass es schon seit Jahren leer stand. Über dieses Haus gab es unzählige Gerüchte. Von seltsam bis paranormal war alles dabei. War es wirklich denkbar, dass es Geister gab?
Tomas grinste, als er seinen Koffer abstellte. Das war also das berühmte Borley Rectory, erbaut im Jahre des Herren 1862. Es diente unter anderem als Wohnhaus des Gemeindepfarrers.
Das Pfarrhaus war ein imposantes und seltsames Gebäude mit einer spitzen Ostfassade und einem großen Innenhof. Auch jetzt noch verzauberte es die Leute.
Geschichten über dieses Gebäude gab es viele. Von Nonnen und Mönchen und einem angeblichen Kloster. Leider gab es keine Beweise für dessen Existenz, dennoch war Tomas gespannt, was ihn und seinen Partner Marcus erwartete.
„Ah, da bist du ja. Das Haus ist ein Traum, oder? Das habe ich auch noch nie gesehen. Dieses ganze Anwesen mit dem dazugehörigen Land ist wunderbar“, schwärmte Marcus. Er war einige Jahre älter als sein Partner und genau wie Tomas von Geistergeschichten besessen.
Aus diesem Grund waren sie auch hier. Denn in Borley Rectory, in der kleinen Gemeinde von Essex, sollte es spuken. Vor fast 100 Jahren war der parapsychologische Ermittler und Geisterjäger Harry Price vor Ort gewesen und verfasste eine Studie über das Haus.
„Ich bin froh, dass wir hier sein dürfen und übernachten können“, gab Tomas zurück.
Das Haus stand leer und das seit Jahren, dennoch war es sauber und gepflegt.
Wie es schien, kümmerte sich das Haus um sich selbst. Wie das funktionierte, konnte niemand erklären. „Lass uns hineingehen“, meinte Marcus.
Er klimperte mit dem Schlüssel und sie machten sich auf den Weg zum Eingang. Ein Rosenspalier war direkt neben der Tür angebracht. Die Rosen blühten in Rot und Rosa und verströmten einen wunderschönen Duft.
Kaum hatte Marcus die Tür aufgeschlossen, war es, als würde Stille einkehren. Im Inneren des alten Hauses war kein Geräusch zu hören. Das Sonnenlicht flackerte durch die Fenster und warf Schatten an die Wände.
Tomas zückte seine Kamera und folgte ihm, wenn auch langsamer. Er war kein Medium und auch nicht dazu veranlagt, Geister zu sehen, aber dennoch spürte er etwas. Etwas Seltsames, das von allen Seiten zu kommen schien. Es war nichts weiter als ein Gefühl, seine Nackenhaare stellten sich auf, als wenn jemand ihn beobachten würde. Eine Gänsehaut kroch über seinen Körper und er rieb sich unbewusst über den Arm.
„Fühlst du es?“, hauchte er.
Marcus, der seine Tasche im Wohnzimmer abgestellt hatte, blickte ihn fragend an. „Dieses drückende, seltsame Gefühl. Ich kann es ja nicht einmal richtig beschreiben. Wie eine dunkle Wolke, die hier im Haus über uns liegt“, versuchte er zu erklären.
„Meinst du? Vielleicht sind da auch schon die Geister? Wer weiß. Ich finde es kalt hier im Haus.“
Das war Tomas auch schon aufgefallen. Die Kälte schien aus den Wänden zu kommen. Langsam ging er zu einer Wand neben der Tür zum Wohnzimmer und legte seine Hand darauf. Die Tapete war dünn und wellte sich an einigen Ecken, zudem gab es dunkle Flecke. Das Mauerwerk darunter fühlte sich kalt an. Schnell zog Tomas seine Hand zurück.
Es fühlte sich eigenartig an. Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen, hierherzukommen. Tief atmete er durch. „Du hast doch nicht etwas Angst, oder? Ach komm schon, Tomas. Wenn es Geister gibt, werden wir es herausfinden“, sagte Marcus.
„Na gut. Dann sollten wir die Geräte aufbauen.“
Gemeinsam machten sie sich an die Arbeit, und schon bald standen mehrere Geräte auf dem Boden des Wohnzimmers.
Sie hatten unter anderem Videokameras, Fotoapparate, Audiorekorder und andere diverse Messgeräte wie ein EMF-Messgerät Magnetometer und Thermometer dabei.
Es dauerte nicht lange, und der Laptop stand auf dem Tisch und nahm die ersten Bilder auf. Das Wohnzimmer war groß und noch recht hell, da es auf der Sonnenseite lag. Der große Kamin war alt und der Sims aus Marmor. Er war ein echtes Prachtstück und sicher einiges Wert. Tomas ging zu ihm und strich mit dem Finger darüber. Er machte Bilder, um später nach den Stuckarbeiten zu sehen.
Nirgendwo in dem Haus gab es auch nur einen Krümel Staub. Alles war sauber, bis auf die Flecken in der Tapete. Selbst der Fußboden schien eben erst geschrubbt worden zu sein. Da das Haus aber leer stand, war die Frage, warum und wer hier putzte.
„Sollen wir uns oben umsehen? Ich nehme die Kamera mit“, schlug Marcus vor.
Sein Partner schnappte sich das EMF-Messgerät und das Thermometer und hielt beides für die erste Messung bereit. Damit stiegen sie in die obere Etage.
Diese war ein langer Korridor mit mehreren Türen. Hier lagen mehrere Schlafzimmer und Bäder. Es sollte auch ein Büro geben, welches nicht genutzt wurde.
Der Boden war im Gegensatz zu dem Erdgeschoss nicht mit Teppich ausgelegt. Das Holz der Dielen war ebenfalls sauber.
Im Haus war es still, zu still für so ein altes Haus, nichts regte sich. Es gab weder Spinnen noch Mäuse, was Tomas sehr wunderte. Er erschauerte, als er das Thermometer an die Wand hielt. Dieser fühlte sich völlig falsch an.
Er seufzte ergeben, als er Marcus folgte. Er vertraute dem anderen Mann blind und wusste, dass nichts passieren konnte, so hoffte er es zumindest.
Im oberen Stockwerk war es dunkel und es fühlte sich kälter an. Die Luft schien rauer zu sein.
„Wo hat man eigentlich den ersten Geist gesehen?“, fragte Tomas.
Sicher kannte er die Antwort auf diese Frage, aber er brauchte eine kleine Ablenkung. „Die ersten Anzeichen für einen Spuk wurden noch beim Bau gemeldet. Dann sahen später mehrere Kinder eine Nonne. Die Legende spricht von einer Nonne und einem Mönch, die eine Affäre hatten. Beide mussten dafür leiden. Man sah die Nonne im Garten und auch in einem Fenster hier im oberen Stockwerk. Der Mönch ging draußen im Garten auf und ab.“ Marcus schwieg einen Moment und hob die Kamera ein Stück an. Da huschte etwas durch das Bild. Es war kaum zu erkennen. Mehr ein undeutlicher Schatten.
„Mach ein paar Messungen“, wies er Tomas an.
Dieser zückte das Thermometer und hielte es Richtung Wand. Die Temperatur sank sofort ab. Um sie herum wurde es spürbar kühler.
Tomas hielt das EMF-Messgerät fest in der Hand, als er die Wände abging; vielleicht hätte er doch den Audiorekorder mitnehmen sollen. „Ist hier eine Präsenz, die mit ins Sprechen möchte? Wir kommen in Frieden und wir glauben an Geister.“ Manchmal half es, ein wenig Mut zu machen.
Das EMF-Messgerät piepte schrill, was auf ein elektromagnetisches Feld hindeutete. Tomas hielt den Atem an und wartete. Da erklang ein gedämpftes Geräusch, welches auf sie zukam. „Schritte“, hauchte Marcus. Er drehte sich mit der Kamera in der Hand um die eigene Achse und ärgerte sich, dass er nicht schon alles verkabelt hatte.
Die Schritte kamen näher. Eine Bodendiele knarrte und Tomas hielt die Luft an. War noch jemand hier? Sollten sie nicht die einzigen Besucher von Borley Rectory sein?
Erneut knarrte es – zu sehen war niemand.
„Wer ist da? Bist du ein Geist?“, fragte Marcus. Statt einer Antwort ertönte ein leises Kichern und etwas kratzte über die Wände. Der Putz bekam Risse und rieselte zu Bode.
„Was zum Teufel?“ Tomas machte mehrere Schritte zurück. Seine Geräte piepten wie verrückt, und das Thermometer sank unter null. Kleine weiße Atemwolken erscheinen vor ihren Gesichtern. Wieder war da dieses Lachen. „Die, die glauben, werden es büßen und die, die nicht glauben, werden es ebenfalls“, sagte eine weibliche Stimme.
Tomas stieß einen leisen Schrei aus und stürmte nach vorn. Marcus wollte ihn aufhalten, aber er konnte sich nicht rühren.
Er hörte Tomas schreien und dann stand er mit ihm zusammen mitten im Garten. Mehrfach blinzelte er verwundert und sank im Gras nieder.
Ihre Geräte waren verschwunden. Als er zum Haus blickte, stand eine Nonne an einem der Fenster und sah sie an. Ihr Gesicht war bleich und ihre Augen kalt.
„Wir sollten gehen, sofort!“, drängte Tomas. Er zitterte immer noch, und das nicht vor Kälte.
Das Anwesen Borley Rectory war für seine seltsamen und geisterhaften Aktivitäten bekannt und es duldete keine Fremden.
Dennoch schwor sich Marcus, eines Tages wiederzukommen, um das Geheimnis zu ergründen. Immerhin hatte er damit einen Beweis, es gab Geister und damit war alles denkbare möglich.
Doreen wurde 1986 in Sachsen-Anhalt geboren, wo sie auch aufgewachsen ist. Schon früh entwickelte sie eine Vorliebe für gute Geschichten und inspirierende Welten. Zu Schulzeiten verband sie diese Vorliebe mit ihrer eigenen blühenden Fantasie und begann mit den Schreiben eigener Geschichten. Heutzutage ist das Schreiben ein willkommener Ausgleich zu ihrer Bürotätigkeit.
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