Auf diesem Pfad

Monalishan Santhalingam für #kkl54 „denkbar“




Auf diesem Pfad


„Irgendwie ist es so unheimlich still hier. Man kann nur die Vögel hören, hier ist gar kein anderer Mensch. Überhaupt sind mir, seitdem wir den Pfad betreten haben, gar keine Menschen aufgefallen“, entgegnete Mila.


„Wir befinden uns in einem Waldgebiet und nicht im Zentrum einer Großstadt“, erinnerte Jendushen sie, der auf den Hund wartete.


„Aber ich meinte doch Wanderer. Hier gehen doch auch mal andere Spaziergänger entlang!“, sagte Mila protestierend.
„Womöglich treffen wir noch auf andere Menschen.“ Karsten deutete in einen Waldweg. „Dort entlang! Dort geht es zu den Sehenswürdigkeiten.“


Gerade als Adam sich fragen wollte, was er genau damit meinte, ertönte plötzlich ein Flattern in seinen Ohren. Da bemerkte er, dass ein Rabe auf einem Ast rechts von ihm gelandet war und ihn anstarrte. Der Rabe krächzte kurz auf und sah ihn eindringlich an. Adam blickte ihm direkt in die finsteren Augen.
Nach ein paar Metern blickte er zurück zum Raben, der allerdings nicht mehr auf dem Ast saß. Adam konnte ihn nirgendwo herumfliegen sehen. Er war fort. Adam wurde das Gefühl nicht los, dass der Rabe ihm etwas mitteilen wollte. Eine Botschaft. Eine Warnung. Oder doch nur ein Hirngespinst?
Es dauerte nicht lange, und sie kamen an einer großen Steinmauer an. Dahinter befand sich eine etwa zehn Meter hohe Pyramide, ganz aus Stein erbaut und bereits mit Moos bewachsen, die sofort die Aufmerksamkeit der Zuschauer weckte. Das Steingebäude stand etwas versteckt hinter zwei massiven Bäumen.


„Das ist ein Mausoleum, in dem ein Graf und dessen Familie begraben liegen.“ Karsten zeigte zu den Gräbern vor der Pyramide. „In den anderen Grabhügeln liegen weitere Verwandte.“ 
Mila zeigte auf das schwarze Tor aus Schmiedeeisen und fragte ihren Betreuer: „Kann man auf den Friedhof?“
Vergeblich versuchte Karsten daraufhin, das Tor zu öffnen. „Abgeschlossen.“
Jendushen zeigte zur Bank, welche direkt vor der Mauer stand. „Na ja, theoretisch könnte man auch auf die Bank steigen und drüberspringen.“
Karsten fand die Vorstellung ausgezeichnet und ging auf die Bank zu. Mila lachte laut, als sie begriff, was Karsten vorhatte. Dieser stieg auf die Holzbank und kletterte mühevoll auf die Steinwand. „Brauchst gar nicht zu lachen! Bin halt nicht der Sportlichste!“
„Was tust du denn da?“ Adam errötete.
„Ich will mir mal das Gelände ansehen! Kommt ihr mit?“
„Warum nicht?“ Mila eilte auf die Bank. Karsten half ihr hoch und sprang dann mit ihr auf das Gelände des Mausoleums. Adam, panisch, erwischt zu werden, schaute sich um. „Ist das nicht verboten? Wir können doch nicht einfach so …“
„Jetzt sei kein Schisser, Adam! Komm! Ich weiß, du willst es auch!“, meinte Mila halb lachend.
Verunsichert blickte Adam um sich. „Also gut …“ Als er sich sicher war, dass niemand sie beobachtete, kletterte er auf die Mauer. Mila lobte ihn laut, als er auf das Grundstück gesprungen war.
„Pst! Nicht, dass wir noch erwischt werden!“
„Keine Sorge, außer den Toten ist keiner da!“, flüsterte ihm Karsten mit einem hämischen Grinsen zu.
Adam, der gleich wieder über die Mauer klettern wollte, wunderte sich über deren Verhalten. „Eigentlich sollten wir nicht hier sein. Wenn es doch abgezäunt ist, darf keiner hier rein.“
„Aber sonst verpassen wir doch so viel im Leben. Wie soll man sich denn selbst finden, wenn man immer den Regeln gehorcht?“, fragte Karsten.
„Komm schon, Adam, reg dich ab!“ Mila hatte eine Hand auf seine Schulter gelegt und sah ihm nun tief in die Augen.
Er seufzte nachdenklich. „Na gut! Lasst uns uns umsehen!“


Mila und Adam betrachteten darauf den versperrten Eingang des Mausoleums, als Karsten zu ihnen trat.
„Da können wir leider nicht rein!“, äußerte der Betreuer enttäuscht.
„Karsten, du meintest doch, hier liegen dieser Graf und seine Familie, oder?“

Sein Bezugsbetreuer stimmte ihm zu. Adam drehte seinen Kopf wieder zu dem kleinen Tunnel. Mit einem Male fühlte er sich eigenartig, als würde jeden Moment eine blasse, knochige Hand daraus erscheinen. Er versuchte, in dem dunklen Raum etwas zu erkennen. Allerdings konnte er in der Grabkammer nur etwas Längliches ausmachen.
„Siehst du etwas?“, fragte Mila.
Adam linste durch die Gitterstäbe. „Ich kann ein paar Särge erkennen, die auf dem Boden stehen, sonst nichts.“
„Ich glaub‘, mehr ist da auch nicht.“
„Wahrscheinlich … hast du recht! Kannst du diese Atmosphäre auch spüren? Als ob … wir beobachtet würden.“
„Ach, hör auf! Hast du etwa Angst vor den gruseligen Toten, die wenige Meter von uns entfernt sind, hm?“
„Nein, es ist nur …“
„Wollen wir weiter?“, unterbrach ihn Karsten abrupt.
„Ja!“

Nach ein paar Schritten blickte Adam zurück auf die Pyramide. Er hatte das Gefühl, dass er daraus beobachtet wurde. Das Tor des Gitters quietschte bei den Windzügen.
Plötzlich sah er eine kurze Bewegung am dunklen Eingang der Pyramide. Adam blieb stehen und schaute genauer, doch er konnte nichts erkennen. Er wusste nicht, ob er sich die Bewegung nur eingebildet hatte, aber er spürte noch immer, dass etwas ihn beobachtete. Kein Tier, kein Mensch. Eher eine Macht, die ihn anzog und ihm ein eigenartiges Prickeln bereitete, welches seinen Körper beben ließ.


Inzwischen hatte sich die Atmosphäre verändert. Der Wind hatte sich gelegt. Wolken hatten sich am Himmel gebildet und versperrten jegliches Sonnenlicht. Adam hatte ein wenig Probleme, den dunklen Waldweg zu erkennen, den sie entlangliefen.
Adam hörte in den Wald hinein. Lauschte dem leisen Vogelgezwitscher, dem Knacken der Äste in der Ferne und … Moment. Dem Knacken der Äste? Was war das? Adam sah wild um sich. Konnte jedoch nichts im dunklen Geäst erkennen. Vereinzelt konnte er das Knacken noch hören. Waren es Schritte? Von Tieren oder von jemand anderem?
Mit einem Male fühlte er Eiseskälte. Er fror, zitterte am ganzen Leib. Das Gefühl, nicht allein zu sein, wurde immer größer. Er sah zu Merlin hinunter und merkte, wie auch der Hund sich verändert hatte. Er wirkte aufmerksamer, hatte die Ohren gespitzt und blickte konzentriert in den Wald. Vermutlich liegt es daran, dass der Himmel sich zugezogen hat, versuchte sich Adam zu trösten. Doch er ahnte, dass es nicht nur deswegen war.

Es dauerte nicht lange, bis sich etwas aus den Bäumen hervorhob. Eine Art Gebäude. Die Gruppe trat näher heran. Die Jugendlichen erkannten, dass das Gebäude ein alter Tempel war, der sich auf einem etwa einen Meter hohen Steinpodest hinter den Ästen versteckte. Durch das mangelnde Licht und seine Größe wirkte der Tempel bedrohlich. Den Jugendlichen lief ein Schauer über den Rücken.
„Was ist das hier für ein Tempel?“
„Ein alter Teetempel, erbaut nach griechischer Art.“


Adam bemerkte im Gesicht seines Betreuers einen Vorgang. Seine Miene wurde finster. Er erkannte, dass Karsten etwas ahnte. Etwas, was passieren würde. Es war denkbar, dass es noch heute geschehen würde … an diesem Ort. Doch er konnte nicht entschlüsseln, was es sein mochte. Und plötzlich hörte er wieder das Knacken der Äste im Gestrüpp. Jenes Knacken, das immer lauter wurde.



Auszug aus dem Debürtroman „Auf diesem Pfad“


Monalishan Santhalingam wurde 1999 in Frankfurt am Main als Sohn tamilischer Einwanderer geboren und lebt aktuell in Niedersachsen. Im Jahr 2024 veröffentlichte er im Selbstverlag seinen Debüt-Kriminalroman mit dem Titel „Auf diesem Pfad“, welches von dem Verschwinden einer Jugendgruppe samt Betreuer in einem Waldgebiet handelt.

Neben dem Schreiben gehören auch das Malen, das Fotografieren, das Wandern und das Reisen zu seinen Hobbies.

Seit 2022 arbeitet er als staatlich anerkannter Ergotherapeut in Niedersachsen und sucht nebenbei immer wieder nach Inspirationen für neue literarische Werke.

Es ist geplant, dass einige Kurzgeschichten und Gedichte von ihm im Sommer 2025 in Anthologien veröffentlicht werden.  Zudem ist bereits im Herbst 2025 die Veröffentlichung seines zweiten Kriminalromans geplant. www.santhalingam.de








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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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