Michael Haas für #kkl54 „denkbar“
Es treffen sich an diesem Ort
Idee, Gedanke und auch Wort
zu einem kleinen Stelldichein.
Ein Date soll es dann noch nicht sein,
denn hier wird stets nur deutsch gesprochen
und halt nicht Denglisch radgebrochen.
Sitzt man hier drin, kann man frei denken,
man braucht den Strom auch nicht zu lenken,
Gedanken fließen, wo sie wollen
und erstmal gar nicht, wo sie sollen.
Hier ist der Ort, es zu genießen;
dass kreuz die quer Ideen sprießen.
So ‘n Wildwuchs soll ja öko sein,
und klärt ganz sicher auch den Wein,
in dem doch Wahrheit stecken soll,
bei vierzehn Volt an Alkohol.
Wir prosten uns damit dann zu
und sind auch mit dem Feind per DU.
Man diskutiert hier, debattiert
und ist partout nicht irritiert,
wenn andre andrer Meinung sind.
Das weiß ja auch schon jedes Kind,
von Anbeginn gilt eines schlicht:
„Was ich mir denk, denkst du dir nicht.“
Die Eule ist natürlich hier
in dieser Kneipe Wappentier.
Sie hat hier stets den Überblick
und schaut mal vor und mal zurück.
Nur in die Zukunft schaut sie nicht,
denn sie hat auch nur ein Gesicht.
„Herr Spiritus“ heißt hier der Rektor.
Er ist im Nebenberuf Lektor.
Er streicht mal hier und kreuzt dort an,
wie ’s nur ein Zensor machen kann,
dem sich der Schreiber gerne beugt,
weil er so Kompetenz bezeugt.
Der Ober trägt am Pharisäer
gar heftig richtig mächtig schwer,
und sagt: „Der ist so voll von Rum,
der macht euch ganz schnell blöd und dumm.
Von dem Likör aus Curaçao
wird man recht schnell – nicht sichtbar – blau.“
Im Shaker gibt ’s von allem was,
die Vielfalt macht den meisten Spaß,
und, wem die Einfalt lieber ist,
den nennt man „Narr“, der spricht nur Mist.
Recht einsam wird so einer sein,
da ist die Welt hier echt gemein.
Weil so jemand nur Blödsinn schwallt,
ist er bereit, gar mit Gewalt
und Lüge Fans um sich zu scharen.
Das ist so typisches Gebaren.
So einen mag man hier drin nicht,
verweist ihn des Lokales schlicht.
Denn solch Verhalten, das ist Gift
für jeden, der sich hier gern trifft,
mit anderen für den Disput.
So ‘n Gift tut dabei niemand gut
und sorgt dafür, dass bald verwaist,
weil stirbt, was „Gast“ ansonsten heißt.
Schmeißt man so einen nicht raus,
ist ’s mit der Kneipe bald schon aus,
dann kann man schweigend Bier nur kaufen
und sich ganz still damit besaufen.
Sind alle Gäste damit voll,
fehlt jeder Geist dem Alkohol.
Wenn sonst die Bar schließt für die Nacht,
da werden Betten reingebracht,
und dann denkt man ganz einfach weiter,
unbewusst und manchmal heiter.
Gedanken fließen nicht, sie schäumen,
und der Mensch nennt sowas „Träumen.“
Wacht er auf am nächsten Tag,
der Gast gleich weiterdenken mag,
Doch manchmal hat er Schädelweh,
dann geht das Denken richtig zäh.
Greift er dann nach den Aspirinen,
ist gleich er wieder voll bei Sinnen.
Der Ort wie grade hier beschrieben,
ist leider gut versteckt geblieben.
Man mutmaßt in Utopia,
doch sag ich euch: Ich war schon da!
Und ich erfuhr dort eins, das war:
Die Kneipe nennt sich schlicht: DENKBAR.
Michael Haas,
1969 geboren in Tübingen,
Studium in Bayreuth und Hof,
Verwaltungsmitarbeiter,
lebt in Nürnberg,
schreibt Lyrik und Kurzgeschichten
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