Marion Leuther für #kkl54 „denkbar“
Der Feind bin ich
A: Ich weiß, es ist schlecht. Aber ich kann an nichts anderes mehr denken. Ich will Chips essen. Sofort! Bloß habe ich keine im Haus.
B: Kauf dir halt eine Tüte.
A: Aber der Film ist grad so spannend!
B: Geh in der Werbepause.
A: Außerdem sitze ich schon im Schlampen-Outfit auf der Couch.
B: Dann gehst du eben so raus, wie du bist.
A: Nein, unmöglich! Das ist der Anfang vom Ende. Verlasse niemals ungeschminkt und in schlabbriger Jogginghose die Wohnung.
B: Du bist doch nicht Marilyn Monroe!
A: Weiß ich. Aber das ist jetzt nicht der Punkt.
B: Dann zieh dich um. Geht doch ruckzuck. Der Supermarkt ist gleich um die Ecke.
A: Aber ich hab ein schlechtes Gewissen. Ich werde immer fetter …
B: Na und? Wer guckt dich schon noch an?
A: Jetzt gehst du zu weit!
B: Aber heute Abend ist es doch wohl nicht wichtig, toll auszusehen, oder?
A: Ich weiß, ich weiß … Aber meine Klamotten passen mir nicht mehr.
B: Dann kauf dir neue.
A: Ich hab kein Geld!
B: Du wirst sicher noch reich und berühmt.
A: Wer weiß …
B: Jetzt aber hopp, hopp, hopp! Der Supermarkt schließt in einer halben Stunde.
A: Wenn ich jetzt gehe, verpasse ich das Ende des Films.
B: Das kennst du eh schon. Und um viertel nach zehn kommt noch ein spannender Thriller.
A: Meinst du wirklich, ich sollte …?
B: Ja, ja, ja! Stell dir vor, wie lecker die Chips schmecken werden …
A: Ich bin so undiszipliniert. Sollte mich mehr am Riemen reißen. Ich esse zu viel!
B: Denk daran: Der wahre Feind einer Frau ist nicht ihr Gewicht, sondern das Alter. Und bei dir ist es schon gelaufen. Du bist alt, Baby. So sieht’s doch aus.
A: Aber ich platze aus allen Nähten! Bald beginnt die Bikini-Saison.
B: Du trägst einen Badeanzug.
A: In dem ich aussehe wie ein adipöses Streifenhörnchen!
B: Ach was. Andere Frauen in deinem Alter sehen viel schlimmer aus.
A: Aber ich hasse diese Schwäche an mir … Und ich weiß jetzt schon: sobald ich die Chips gegessen habe, fühle ich mich wieder schlecht.
B: Papperlapapp! Komm endlich in die Puschen! Dieses Hin und Her fängt an, mich zu nerven.
A: Meinst du echt, ich sollte jetzt …?
B: Ja, friss dich glücklich! Vergiss deine Hüften. Denk nur ans Jetzt. Mhmm … das Knistern der Tüte zwischen deinen Fingern, das Geräusch, wenn du die Verpackung aufreißt. Du greifst hinein, ziehst den ersten Chips raus – der erste ist immer der beste! – und steckst ihn dir in den Mund. Wie
der knackt beim Draufbeißen, wie er sich auf deine Zunge legt, sich an den Gaumen schmiegt, der Geschmack von Paprika, scharf und gut, wie er sich in deiner ganzen Mundhöhle ausbreitet, ein Glücksgefühl durchströmt dich. Fast besser als ein erster Kuss.
A: Du bist ein Schwein.
B: Ich weiß.
Marion Leuther, 1965 in Köln geboren, wo sie heute noch lebt. War viele Jahre als PR-Journalistin tätig. Seit 2011 veröffentlichte Kurzgeschichten und Romane. Schreibt gerne über Liebe, ist aber auch dem historischen Genre verfallen.
Veröffentlichungen (Auswahl):
- Kurzgeschichte: „Eine Frau namens Evie“, Anthologie „Gegenwind“, Verband Katholischer Schriftstellerinnen und Schriftsteller Österreichs, Wien, 2025
- Kurzgeschichte „Die Trommel“, Anthologie „namenlos“, neolith#9, Magazin für neue Literatur an der Bergischen Universität Wuppertal, 2024
- Erzählung „Schneesöhne“, AKRES Publishing, Wuppertal, (Taschenbuch und E-Book), März/April 2024
- Kurzgeschichte „Wir warten“, Anthologie „Gesund schreiben“, Ausschreibung der Ärztekammer für Wien, Braumüller Verlag, Wien, September 2020 (Longlist)
- Roman „Krötenregen“, Spatzenschwarmverlag, Bremen (Taschenbuch), August 2019
- Roman „Vier Jahre und ein Tag“, Storyhouse Verlag, Stuttgart (Taschenbuch und E-Book), November 2014
- Kurzgeschichte „Pina Colada“, Anthologie „Zwei“, Verlag am Schloss, Berlin, Februar 2012
(Schreibwettbewerb des „Autorenforums Berlin“, 9. Platz)
Über #kkl HIER
