Denkbar ungünstige Prognose

Monika Schlößer für #kkl54 „denkbar“




Denkbar ungünstige Prognose

„Hallo Anke, hast du die Haare ein Stück kürzer?“, grüßte Eva eine frühere Schulfreundin, die zufällig auch über den Wochenmarkt schlenderte.

„Und sonst so?“, gab Anke betont missmutig von sich.

„Grippe“, schniefte Inge. „Komme gerade aus der Apotheke.“

Das Grün in Ankes Augen leuchtete unverkennbar auf: „Im Oberdorf etwa?“

„Hm, komischer Typ, der Inhaber.“

Anke strich mit leichter Hand das tizianrote Haar aus der Stirn: „Stimmt!“

„Einen kleinen Blumenkohl und Brokkoli ebenso!“, rief Eva der Marktfrau zu.

„Den könnte ich mir in jedem Krimi vorstellen. Zwar nicht unbedingt als Täter… Aber ansonsten durchaus denkbar.“

„Als Opfer?“, fragte Eva sichtlich irritiert. „Ich meinte meine Bekannte“, erklärte sie der auf weitere Bestellungen hoffenden Händlerin.

„Nein“, überlegte Anke derweil laut. „Oder vielleicht doch? Nun, irgendwie dazwischen, beides gleichzeitig und beides garantiert gar nicht.“

„Du redest diffuses Zeug.“ Eva schnäuzte herzhaft in ihr neuerworbenes Tempo-Tuch.

„Weißt Du, manchmal gehe ich nur in den Laden, um ihn auf mich wirken zu lassen – einfach nur so“, gestand Anke der Freundin aus Grundschulzeiten und unbewusst allen Kunden, die notgedrungen zuhören mussten.

Eva reichte der Gemüsehändlerin einen 5-Euroschein und versenkte ihren Kauf im Hackenporsche. „So toll sieht er nun wirklich nicht aus. Nein, nicht der Kohlkopf – der Mann!“

„Bewahre – nein, unheimlich, unergründlich… Aber ich komme einfach nicht dahinter.“ Mit zusammengezogenen Brauen schien Anke weiterhin zu grübeln.

Eva zog ihre Mütze behände über beide Ohren, die glühend roten Wangen hingegen waren nicht zu übersehen. „Du spinnst! Gehst einfach hin, starrst ihn an wie eine Irre und sagst nichts?“

„Quatsch, ich kaufe Pfefferminzbonbons oder Salbeidrops“, maulte Anke.

„Und dann?“

„Habe ich mein Gruselfeeling gehabt und er 3 Euro fünfzig mehr in der Kasse.“

„Schwarzgeld“, konterte Eva sarkastisch.

Wie ein beleidigtes Kleinkind stampfte Anke mit dem Fuß auf: „Mensch, mit dir kann man überhaupt keine hypothetischen Gedankenknoten knüpfen.“

„Du ahnst ja nicht, wie anstrengend es ist, deinen unausgegorenen Gedanken-Vorentwürfen zu folgen. Du weißt anscheinend selber nicht, was du zu denken gedenkst.“

„Okay, lassen wir’s.“ Grußlos stapfte Anke zum Käsestand weiter.

Anke hatte dieses Gespräch längst vergessen, als sie drei Tage später abends unverhofft auf einen Mann mit spärlichem Haaransatz und blassem Teint zulief. Die beiden kamen zwangsläufig ins Gespräch – wie so üblich hatte ihr Hund den Kontakt aufgenommen. Er stellte sich einfach quer vor den Rollstuhl, den der Mann schob, und schnüffelte neugierig an der Hand des Jungen, die schlaff an der Seite herabhing.

„Entschuldigen Sie bitte“, sagte sie rasch und wollte den Hund fortziehen.

„Ach, lassen Sie nur“, lächelte der Mann freundlich. „Sven hat Tiere gerne. Er fürchtet sich nicht.“ Liebevoll streichelte er dem Jungen, der vielleicht fünf oder sechs Jahre alt sein mochte, über den Kopf.

„Ja schau Sven, so ein schöner Hund. Was ist das für eine Rasse“, fragte er, nun wieder der Hundebesitzerin zugewandt.

„Ein Glatthaar-Foxterrier“, antwortete Anke mechanisch. „Er beißt nicht. Wenn Sie möchten, darf der Junge ihn streicheln.“

„Das ist lieb von Ihnen. Aber es geht leider nicht“, entgegnete der Mann.

‚Die Stimme!‘, schoss es Anke durch den Kopf.

„Mein Sohn kann Bewegungsabläufe nicht gut koordinieren. Doch heute hat er zum ersten Mal ganz alleine aus der Schnabeltasse getrunken. Ich bin so froh über diesen Fortschritt.“ Stolz strahlte der Mann übers ganze Gesicht.

‚Zweifellos der Apotheker!‘ Diese Erkenntnis verwirrte Anke zusehends. Ihre Knie begannen zu zittern. „Ist Ihr Sohn den ganzen Tag zuhause?“, frug sie merklich verstört.

„Ja, natürlich. Morgens schläft er gerne lange, aber dann sind wir ganz für ihn da. In der Mittagspause eile ich rasch nach Hause, zum Füttern. Dann freue ich mich wieder auf den Abend mit meinem Jungen. Wissen Sie, wenn man diese kleinen Fortschritte erleben kann, das macht so glücklich.“

Mit einem Mal war er nicht mehr der mysteriöse Unbekannte, bei dem Anke hin und wieder Salbeidrops gekauft hatte.

Der Hund hatte entschieden, Vater und Sohn noch ein Stück weit zu begleiteten. Anke nutzte gerne die Gelegenheit, das Gespräch fortzuführen: „Haben Sie denn niemanden, der Ihnen hilft?“

„Meine Frau ist ebenfalls äußerst fürsorglich, und natürlich haben wir Helfer, klar. Morgens kommt ein ganz vernünftiger Zivi. Da bin ich sehr froh drüber. Aber ich bin doch der Vater, wissen Sie. Ich fühle mich zuständig für meinen Sohn.“

Anke nicke: „Ich kann Sie gut verstehen. Aber dieses Verantwortungsbewusstsein, ist es für Sie eher belastend?“

„Ich will es mal so vergleichen: Wenn ich Buchhändler wäre, würde ich meine Bücher abends wahrscheinlich zuklappen und ins Regal einräumen. Aber meinen Sohn kann und will ich nicht zuklappen und wegräumen. Er ist ein offenes Buch, in dem ich Tag und Nacht lese. Ich blättere darin, fange wieder von vorne an zu lesen. Manche Kapitel stimmen mich sehr traurig, andere machen mich jedoch ausgesprochen fröhlich. Nun ja, anstrengend ist es allemal.“

Das Kind brabbelte still vor sich hin. „Ja Sven, wir gehen jetzt wieder nach Hause. Die Mama wartet schon auf uns.“ Wieder streichelte er dem Jungen zärtlich übers Gesicht. „Ich war bei seiner Geburt dabei, …ich kann nicht anders“, gestand er, als wolle er sich für sein Verhalten entschuldigen.

An der nächsten Wegkreuzung verabschiedete er sich gut gelaunt: „Wünsche noch einen schönen Abend!“ Doch unverzüglich kam er einen Schritt zurück: „Sagen Sie, kennen wir uns nicht? Ich meine – aus dem Laden?“

„Mag sein. Ich glaube, ich hab’ schon mal Hustenbonbons oder so was bei Ihnen gekauft“, gab Anke kleinlaut zu. „Auch Ihnen beiden einen angenehmen Abend“, stammelte sie. Und das war aufrichtig gemeint, obwohl Anke vor Verlegenheit mit feuchten Fingern an ihren Haaren nestelte.

„Nächste Woche sind übrigens die Veilchenpastillen im Sonderangebot!“, rief der Apotheker ihr noch zu.




Monika Schlößer
Geboren 1949, lebt mit ihrem Mann in Bad Münstereifel, 2 Töchter, mehrere Enkel. Im Laufe der Jahre über 100 Veröffentlichungen von Lyrik, Kurzkrimis, Kurzprosa und Märchen in Anthologien, Kunst-Kalendern (éditions trèves), Jahrbüchern, (Literatur)-Zeitschriften, Schaufenstern, auf einer Lyriksäule und bei online-Magazinen wie kunstkulturliteratur.com







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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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