Jutta Engelhardt für #kkl54 „denkbar“
Mögen Sie Musik?
Sein Bein wippte auf und ab, er schlug das andere Bein darüber, nun wippte es langsamer. Er schaute auf die Uhr, noch eine Stunde bis zum vereinbarten Termin. Frank versuchte seine Gedanken auf das Bewerbungsgespräch zu lenken. Er atmete ein, hielt die Luft für einen Moment an.
Just in diesem Moment ging die Tür auf und ein Mitarbeiter kam auf ihn zu. „Sie müssen Herr Walter sein.“ Frank sprang auf, streckte diesem seine rechte Hand entgegen.
„Kommen Sie rein, nehmen Sie Platz. Mein Name ist Bertram.“
Herr Bertram kam schnell zur Sache. „Was wissen Sie über unsere Firma? Warum wollen Sie bei uns arbeiten? Erzählen Sie doch mal.“
Es war Frank recht, nicht mehr warten zu müssen, hinterfragte nicht den verfrühten Beginn. Jetzt konzentrierte er sich auf sein Bewerbungsgespräch. Er offenbarte sein detailliertes Wissen, zählte Fakten auf. Sein Gegenüber hörte geduldig zu. Frank spürte, wie seine Nervosität abflaute.
Herr Bertram strahlte Freundlichkeit aus. Er war leicht adipös und hinter dem wuchtigen Schreibtisch wirkte seine Körperstatur klein. Die gebogen mandelförmige Form seiner Augen deuteten auf asiatische Vorfahren. Immer wieder lächelte er Frank freundlich zu.
„Sehr schön, was Sie so alles erzählen Herr Walter, doch wie stehen Sie zur Gleichberechtigung von behinderten Menschen im Arbeitsleben?“ Herr Bertram stützte beide Ellbogen auf der Tischplatte ab, lehnte sich lässig nach vorn, suchte lächelnd Blickkontakt.
„Ähm.“ Frank versuchte seine Gedanken zu ordnen, seine Unsicherheit zu überspielen. Auf dieses Thema hatte er sich nicht vorbereitet.
Herr Bertram ließ Frank unerwünscht viel Zeit zum Antworten. Während Frank betonte, dass selbstverständlich die Wirtschaftlichkeit plus eine gewisse Außenwirkung wichtige Elemente seien, legte Herr Bertram seinen Kopf auf dem Schreibtisch ab und betrachtete Frank aus dieser Perspektive.
Frank versuchte seine Irritation zu unterdrücken. Er redete langsam weiter und beugte sich auch zur Seite, um den Augenkontakt nicht zu verlieren.
„Hmmm,“ Herr Bertram nickte zustimmend, stand auf, öffnete die Schranktür und nahm eine Trommel heraus.
„Mögen Sie Musik?“ Herr Bertram setzte sich auf die vordere Kante des Schreibtischstuhls, klemmte die Konga zwischen die Knie und begann zu spielen.
War es eine neue psychologische Methode, ein neuer perfider Bewerbungstest, ging es Frank durch den Kopf.
Er starrte Herrn Bertram an. Dessen Handballen wechselten sich gekonnt mit seinen Fingerspitzen ab. Virtuos landeten sie mal in der Mitte, mal am Rand der Konga.
„Na los, was ist denn, das macht Spaß“, rief ihm Herr Bertram zu und vertiefte sich sogleich wieder in den Rhythmus des Trommelns.
Frank schlug den Takt dezent auf seinen Oberschenkeln mit. Herr Bertram stand auf und holte ein weiteres Musikinstrument hervor. „Percussion, box drum“, sagte er „eins zum Draufsitzen. Für dich.“ Und stellte es vor Frank auf den Boden. „Kannst du spielen?“
Herr Bertram begann zu singen. Er mochte die Beatles offensichtlich gern, schlug den Takt auf der Membran, den Kopf rhythmisch mitschwingend.
Okay, er ist der Chef, dachte Frank, ich will den Job und ein unverschämt hohes Gehalt. Wenn er es so haben will, dann bitte. Frank setzte sich auf die Holzbox und schlug nicht nur den Takt, sondern sang auch den Text dazu. „ and we lived beneath the waves in our yellow submarine…. Ihm wurde warm, er zog sein Jackett aus, warf es hinter sich auf den Boden.
Herr Bertram lachte über das ganze Gesicht. Seine Wangen waren gerötet und er setzte ein: „We all live in a yellow submarine…“
„Und jetzt,“ Herr Bertram strahlte Frank an „Led Zeppelin!“ Frank schlug mit den Drummer sticks vier Takte an, sein Kopf nickte im gleichen Rhythmus. „Whole Lotta Love, whole Lotta Love, whole Lotta love….“
Frank löste seine Krawatte, öffnete die oberen Knöpfe seines Hemdes. Der Körpereinsatz nun temperamentvoller, Headbanging gemischt mit Improvisationstalent.
Frank wurde es so warm, dass er sich kurzerhand entschloss, sich seines Hemdes zu entledigen. Er schwang es über den Kopf und warf es nach hinten.
„Berti!“ Frank und Herr Bertram hatten nicht bemerkt, dass ein Mann den Raum betreten hatte. „Berti!“ sagte er erneut, während er sich des Hemdes von Frank entledigte.
Herr Bertram schaute hoch, hörte auf zu spielen. Frank schaute verunsichert zwischen beiden hin und her. Er hob sein Hemd vom Boden auf. Der Mann blickte Herrn Bertram ernst an. „Berti, du hast es schon wieder getan.“
Frank beeilte sich, in sein Hemd zu schlüpfen, stopfte es in den Hosenbund.
„Bertie, geh jetzt bitte an deinen Arbeitsplatz.“
„Ich finde ihn gut, Chef. Er passt ins Team.“
„Wir sprechen später darüber.“
Herr Bertram nickte Frank zu, der die letzten Knöpfe seines Hemdes schloss.
„Sie müssen entschuldigen“, sagte der Mann „Sie wurden zu früh hereingebeten.“
Frank schaute von einem zum anderen, versuchte seine Haare mit den Fingerspitzen zu richten, räusperte sich. „Entschuldigung, ich wusste ni….
„Bitte setzen Sie sich doch.“ Der Mann machte eine einladende Geste zum Stuhl. Dann reichte er ihm ein Glas Wasser.
„Wir praktizieren hier gelebte Integration. Wir legen Wert auf ein gutes Miteinander und…“ er machte eine kleine Pause „wir unterstützen kreative und unkonventionelle Lösungsansätze. Doch dazu später.“
Er hob das Jackett vom Boden auf und hielt es Frank mit einem Schmunzeln hin.
„Sind Sie bereit für Ihr Bewerbungsgespräch?“
Jutta Engelhardt lebt, arbeitet und wohnt gemeinsam mit ihrem Ehemann im Sauerland. Schreiben, Lesen und die Malerei sind wichtige Inhalte ihres Lebens.
Sie nutzt kreative Ausdrucksformen für eine stetige persönliche Auseinandersetzung mit den Facetten des Lebens, für eine andere Sichtweise, eine veränderte Perspektive.
jueng-kunst@jimdofree.com
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