Ich bin keine Katze

Peter Baeumle-Courth für #kkl54 „denkbar“




Ich bin keine Katze

Guten Morgen, ich bin Bernhard. Diesen Namen haben mir meine Menschen gegeben. Ich finde, er klingt gemütlich. Mit dem kann ich gut leben. Ob der Name etwas mit dem Schriftsteller Thomas Bernhard zu tun hat, das weiß ich nicht. Vielleicht schon denke ich manchmal, weil ich Dinge auch so langsam mache. Aber Hektik ist eben nichts für mich.

Meine Menschen haben mir eine gemütliche Ecke im Wohnzimmer eingerichtet, direkt neben dem Sofa. Gegenüber vom Fernseher. Wenn ich gerade nichts zu tun habe, dann kann ich die neuesten Nachrichten anschauen. Oder eine Literatursendung. Manchmal auch gemeinsam mit meinen Menschen.

Meine Menschen, das sind Patrizia und Sebastian, die sich oft Patti und Basti nennen, wenn sie unter sich sind. Wobei ich offenbar nicht mitgerechnet werde. Beide arbeiten in Büros, am Abend sitzen sie oft auf dem Sofa und erzählen sich von ihrem jeweiligen Tag. Wenn sie nicht gerade Fernsehen schauen. Oder auf ihre Handys.

Das Getue mit den Spitznamen finde ich ein bisschen albern, ich würde nicht Berndi genannt werden wollen. Aber schon gut, jedem Tier sein Plaisir. Das sagte mein früherer Besitzer immer wieder. Völlig altmodisch, dieser Achtzigjährige. Aber mittlerweile ist er gestorben. Darum bin ich seit einigen Monaten bei meiner neuen Familie, in der zwei Kinder herumrennen. Der kleine Max und die etwas ältere Vanessa.

Wenn Max Langeweile hat, dann kommt er zu mir. Legt sich vor oder neben mich, schaut mich mit seinen braunen Augen an, die er ganz eindeutig von seiner Mutter geerbt hat. Sagt man das so? Sie lebt ja noch. Egal, ist sicher klar, was ich damit ausdrücken möchte.

Max jedenfalls liegt bisweilen einfach nur so da, sagt nichts. Einfach so tagsüber im Wohnzimmer.

Vanessa dagegen ist mir gegenüber eher abweisend. Oft scheint sie mich überhaupt nicht wahrzunehmen. Ist schon in Ordnung, ich weiß nur nicht so genau, weshalb. Manchmal drehe ich mich dann weg von ihr, während sie sich an den Tisch setzt und ihre Hausaufgaben macht. Manchmal fällt ein Stift oder eine Büroklammer zu Boden. So ein Stift ist mir allerdings zu groß.

Neulich war ich in einer Ecke im Schlafzimmer, habe etwas vor mich hingedöst. Da kamen Patrizia und Sebastian herein, nur so halb bekleidet, wie wenn sie sich gerade erst anziehen würden. Mich haben sie überhaupt nicht bemerkt. Vielleicht bin ich manchmal doch etwas zu ruhig. Ich sollte daran arbeiten, mich mehr bemerkbar zu machen, denke ich.

Jedenfalls warfen sich die beiden schwungvoll auf das breite Bett und kicherten laut. Das fand ich ziemlich ungemütlich. Wo ich doch die Ruhe so mag. Ich bin dann unauffällig in Richtung Flur abgedackelt. Meine Menschen haben die Tür zum Glück offen gelassen. Ich denke, sie wissen bis heute nicht, dass ich da mit ihnen im Schlafzimmer gewesen bin.

An einem Samstag haben Patrizia und Sebastian Besuch von einem befreundeten Paar bekommen, Andrea und Michael. Mit deren Kindern, die sofort zu Vanessa und Max geflüchtet sind.

Die Erwachsenen haben sich dann an den Tisch im Wohnzimmer gesetzt, Wein getrunken und über allerlei Themen gesprochen. Auch über mich. Nach einem kurzen Blick auf mich fragte Michael, ob sie denn mit mir zufrieden seien. Patrizia lächelte, Sebastian ergriff das Wort und erklärte ausführlich meine gesamten Vorzüge. Dass alles ziemlich sauber wäre. Und dass ich noch nie ausgefallen sei.

Ich habe natürlich nichts dazu gesagt, das erwartet auch niemand. Ich dachte nur: Na super, „ziemlich sauber“ und „nicht ausgefallen“. Ist das mein Leben?

Die beiden Männer haben das Thema, also das Gespräch über mich, dann noch weiter vertieft, während die Frauen von den Oliven und dem krümelnden Weißbrot genommen haben.

Sebastian zückte eine Bedienungsanleitung, reichte sie Michael über den Tisch und nannte ein paar Zahlen. Wie stark ich sei, wie ausdauernd. Er lobte meine Laufzeit. Und wie leise ich sei. Das behagte mir sehr. Ich hätte beinahe angefangen zu schnurren, aber ich bin schließlich keine Katze.

Sebastian und Michael standen auf und kamen näher zu mir. Prüfende Blicke, durchaus wohlwollend. „Und das ist die Turbo Executive Version?“, fragte Michael. Sebastian bestätigte das, nannte eine große Zahl, die er mit „Watt“ beschrieb. (Und das sollte sicher kein Ruhrpott-Dialekt sein.)

Sebastian ergänzte mit weicher Stimme: „Nur die Beutel, die müssen wir noch von Hand wechseln.“

Fehlte jetzt nur noch, dass Michael mir über den Rücken streicht, aber dieser Kelch ging zum Glück an mir vorbei.

Die beiden haben sich dann noch über den günstigen Preis unterhalten, zu dem Patrizia und Sebastian mich bekommen haben. Ein toller Preis selbst für einen Gebrauchten. Ich zuckte etwas zusammen. Ich gehörte vorher dem Herrn Strittmatter, der mich nicht immer so toll behandelt hatte.

Nachdem Andrea und Michael irgendwann gegangen waren, standen auf dem Tisch einige leere Weinflaschen, auf dem Boden lagen viele Krümel. Patrizia und Sebastian sahen sich müde an und traten den Weg ins Schlafzimmer an. Zuvor hat mich Michael allerdings noch einmal genommen und an die Arbeit geschickt.

„Komm, Bernhard, jetzt darfst Du wieder loslegen!“

Er schaltete mich in den dritten Reinigungsgang und ließ mich losrollen. Die LED leuchtete grün, ich begann mit meiner Arbeit: Als Erstes waren die Krümel unter dem Tisch an der Reihe.

Ich erinnere mich noch sehr gut an jenen Abend, ich sehe ihn direkt vor mir. Nach der Küche rolle ich in den Flur und sauge weiter, auch wenn dort gar nicht viel zu tun ist.

Als ich im Gästezimmer ankomme, spüre ich, dass ich ziemlich hungrig werde. Das heißt, mein Saft geht zur Neige. Mein Display warnt mit einem Dauerblinken in einem eigentlich ganz gemütlichen Orange. Nur nicht einlullen lassen. Ich sollte dringend wieder zurück zur Ladestation!

Ich rolle langsam, sehr langsam, in Richtung Wohnzimmer. Jede Spinne krabbelt schneller.

Plötzlich blinkt meine Warnleuchte hektisch in einem sehr ungemütlichen Rot-Ton. Und aus meinem Lautsprecher kommen unangenehme Töne. Ich fühle mich gar nicht mehr wohl.

Immerhin bin ich jetzt bereits auf dem Flur. Die Türen stehen zum Glück offen.

Wer hat hier denn diesen Kabelsalat auf dem Boden liegen lassen? Darüber kann ich nicht einfach rollen, ich muss ausweichen. Doch rechts steht der kleine Schuhschrank, links der Stuhl, auf dem meine Menschen manchmal ihre Einkäufe ablegen, wenn sie nach Hause kommen. Hier führt mein Weg nicht weiter.

Zum Glück habe ich die gesamte Wohnung in meinem Geo-Cache gespeichert. Ich sollte es durch die Küche schaffen können.

Ich drehe um, geräuschvoll und mit rotem Blinken. Rolle zur Tür in die Küche. Auch offen zum Glück. Der Boden ist frei. Jedenfalls weitgehend. Vorbei an der Pfütze, die sich unter der Spüle gebildet hat. Kurz um den Mülleimer herum. In Richtung Esszimmer. Auch diese Tür steht halb offen. Da komme ich durch.

Im Esszimmer ist nicht aufgeräumt! Immer langsamer rolle ich an achtlos auf den Boden geworfenen Schachteln vorbei, auch an einem Handfeger. Wozu ist der denn im Haus? Mache ich meine Arbeit nicht gründlich genug? Wenn ich wieder mehr Energie habe, muss ich ein ernstes Wörtchen mit meinen Menschen reden.

Ich bin auf der Schwelle zum Wohnzimmer angekommen. Da hinten das Sofa. Daneben mein kleines Zuhause. Mit 220-Volt-Anschluss. Ich kann ihn gut erkennen, meine Kamera-Augen funktionieren auch mit wenig Strom noch. Nur noch zwei Meter. Eine Spielfigur von Max liegt vor mir. Ich muss ausweichen.

Auf dem gemütlichen Teppich vor dem Sofa, etwa anderthalb Meter noch, erlischt mein rotes Licht. Stille. Ich werde ohnmächtig.




Peter Baeumle-Courth, geb. 1960.

Von 1988 bis September 2023 habe ich in Bergisch Gladbach als Dozent für Mathematik und Informatik gearbeitet, u.a. an der privaten Fachhochschule der Wirtschaft.

Seit Oktober 2023 befinde ich mich in meinem Ruhestand und habe neben meinem Engagement als ehrenamtlicher Schiedsmann auch ein wenig Zeit für meine Hobbys wie das Schreiben von kleinen Geschichten.

Ich wohne in dem kleinen Ort Ockenfels bei Linz am nördlichen Mittelrhein.








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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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