Die Glücklichmacherin und der dicke König

Elvira Fischer für #kkl55 „Freigeist“




Freigeist: denkt und handelt ungehemmt, lässt sich von einer Mehrheit nicht beeinflussen…


Die Glücklichmacherin und der dicke König

Moment, wir kennen uns doch?“

„Nee…“

„… doch! Wir haben Gespräche geführt… über das Leben gesprochen…“

„Ha, Ha, das war doch nur Tipperei…über Messenger…“

„…aber, wir haben uns auch schon in die Augen geschaut und uns ausgekundschaftet…das reicht doch?“

„Meinst du? Beim nächsten Wiedersehen würden wir uns nicht mehr erkennen. Der ganze Zauber ist dann vorbei!“

„Das Risiko besteht, na und? Dann lernen wir uns einfach wieder neu kennen!“

Es ist schwer, den Dingen zu vertrauen, ihnen immer einen neuen Anfang zu lassen…

ANFANG

Mein Leben ist nicht bestimmt. Ich bestimme es selbst und erfinde es jeden Tag neu! So komme ich nie in eine Langeweile oder Routine. Ich nehme mir die Zeit zu genießen, nachzudenken, langsam zu laufen und auch mal die Zeit, um stehen bleiben.

Denn ich habe eine Bestimmung!

ICH bin die Glücklichmacherin!

Das Ende ist schon vorgeschrieben; meist bevor es einen richtigen Anfang genommen hat.

„Warum bist du in mein Leben gekommen und welchen Raum willst du dort einnehmen?“

Die Glücklichmacherin zuckte auf meine Frage mit ihren Schultern und setzte, über ihren Brillenrand blickend, ein berührendes Lächeln hinzu.

Ich setzte meine Kaffeetasse ab. Spürte ich doch bei dieser Frage eine seltsam anfühlende Schwäche in meinen Fingern.

Rückblickend, bin ich mir gar nicht mehr sicher, ob ich ihr diese Frage wirklich gestellt habe?

„Weißt du, dicker König, das Glück liegt wie Steine auf einem Weg“, erzählte sie mir, „manche sind fest in der Erde vergraben, über manche stolpert man. Manchmal steht das Glück wie ein Fels in der Landschaft, du kannst es nur betrachten, aber es nicht mitnehmen.

Glück und Steine, können beide bunt sein, hell und dunkel, groß oder klein, kantig oder rund.“

Mit meinen Fingern fahre ich unter meinen Kinnbart. Das hilft mir beim Nachdenken.

Heute Morgen noch, stand ich in meinem winzigen Badezimmer beim Zähneputzen. Ich wechselte meine Unterwäsche, nahm den Autoschlüssel und fuhr in mein Schloss. Es sollte eigentlich ein ganz gewöhnlicher Tag werden. Von einer Glücklichmacherin wusste ich bis dahin nichts.

Angekommen in meinem Schloss, widmete ich mich meinen täglichen Aufgaben als König. Ich verbrachte Zeit beim Zuhören, setzte meine Staat in Bewegung und ließ mich um meine Meinung fragen. Dem Hausservice gab ich endlich Bescheid, dass mich der Taubenkot außen auf meinem Fensterbrett störte und er diesen bitte baldmöglichst in meiner Abwesenheit entfernt.

Meine Aufgaben als König erledigte ich immer als einen ganz gewöhnlichen Arbeitstag.

Und nach Dienstende suchte ich mir gerne etwas Unsichtbarkeit in einem Café. Denn das Leben eines Königs konnte recht anstrengend sein.

Die Glücklichmacherin setzte sich unaufgefordert an meinen Tisch, bestellte einen Kaffee und eine Brezel und wir begannen miteinander zu plaudern.

„Oder ist das Glück wie die Wolken am Himmel? Vorbeiziehend, manchmal schwer tragend und doch von Leichtigkeit? Oder aufbäumend und laut-grollend?“

„Ist Glück, wie ein dünner Schleier, über das ganze Leben hängend?“

„Einige sehen das Glück in einem Sonnenaufgang, einige sind glücklich, wenn die Sonne endlich untergeht.“

„Wenn du spazieren gehst“, fragte mich die Glücklichmacherin, „läufst du deine Strecke durch? Oder bleibst du auch mal stehen?“

„Keine Ahnung,“ antwortete ich, „Könige gehen nicht spazieren!“

Ein breites Grinsen erschien auf ihrem Gesicht und aus ihrem Mund kam ein hüpfendes gluggsen. Beides werde ich lieben und in tiefer Erinnerung behalten.

„Sag, dicker König, bist du schon einmal mit den Wolken mitgelaufen, obwohl sie nicht in deine Richtung zogen?“

Unweigerlich dachte ich an die unbewegliche, harmonisch gerundete Wolke auf meiner Wetterapp.

„So viele Fragen,“ rief ich, „ich kann nicht alle beantworten!“

„Brauchst du denn Antworten?“

Es braucht keine Worte über etwas was IST!

Ich sah den dicken König sofort.

Er saß an einem runden Tisch im Kaffeehaus, seinen Kaffee bedächtig umrührend und mit dem Daumen seiner freien Hand, am Display seines Handys scrollen.

Ich bin nicht so, dass ich Entschlüsse fasse. Es kommt aus dem Bauch heraus und ich tue es!

Denn das Glück währt immer nur eine Spur von Sternenstaub.

„Du gehst weg?“ sprach ich ihn an.

„Wohin soll ich denn gehen?“, antwortete er mir, mit einem frechen blitzen aus seinen dunklen Augen, das mir zeigte, dass es wohl ein schöner Nachmittag wird. Ich setzte mich zu ihm.

„Ich bin unglücklich“, brach es unaufgefordert aus ihm heraus, als sich die kleine, nette Servicemitarbeiterin auf den Weg zu unserem Tisch machte, um meine Bestellung aufzunehmen.

Es folgte eine lange Geschichte über sein Dasein, in der er wohl ein großer König war, aber anscheinend irgendetwas mit dieser Aufgabe verloren hatte. Ich setzte mein Zuhörerlächeln auf, schwieg und hörte kaum zu. War in Vorfreude auf Brezel und Kaffee.

Erwartungen? Die machen das Leben kompliziert und traurig… sind unnötig! Wieso? Solange man seine Zukunft im Leben nicht sieht, sind Erwartungen von dem Moment an, an den sie anfangen sich zu bilden zum Scheitern verurteilt. Erwartungen, das ist schon Vergangenheit, die kannst du nicht mehr ändern…

Die Glücklichmacherin war anscheinend eine gute Zuhörerin, denn sie hatte ein weiches Lächeln auf ihrem Gesicht, als ich von mir erzählte. Doch plötzlich stand sie auf und ging um unseren Tisch herum und legte ihren Kopf an meine Brust. Genau da, wo mein Herz gerade so schwer schlug. Dabei flüsterte sie fast lautlos die Worte: „Alles wird gut!“

Überrascht und überrumpelt schob ich sie heftig zurück!

„Ich bin König!“, rief ich energisch, „Könige berührt man nicht!“

Es sind Augenblicke, in denen sich Glück zeigt.

Taten sind etwas für Feiglinge, unauslöschlich sind die Dinge, welche Widerwillen machen.

Das Auge sieht nur das klar, was es klar erkennen kann.

Die Glücklichmacherin verließ mein Herz und setzte sich wieder auf ihren Platz. Der Tisch zwischen uns kam mir auf einmal viel kleiner vor.

„Du bist wirklich unglücklich“, gab sie mir nun recht. Dabei wollte ich gerne ihr spöttisches Zucken um ihre Augen übersehen. Nun, eine Neuigkeit war das ja nicht, hatte ich es ihr doch gerade erzählt. Ich verspürte den Drang, tief zu atmen und laut zu seufzen.

„Ja, ich bin unglücklich, irgendwie,“ wiederholte ich. Dabei versenkte ich mich auf mein inneres Bild eines dicken unglücklichen Königs.

Und die Wahrheit beginnt immer mit einer Erkenntnis, welche uns Schmerzen zufügt, aber heilsam ist.

„Ich wohne nicht mehr in meinem Schloss!“ Ab jetzt spürte ich, würde ich mit nichts mehr als mit mir Selbst reden können. „Ich habe mir ein winziges Zimmer unter dem Dach gesucht. Hier kann ich meine Welt überschauen, die Türen schließen und brauche nicht König sein. Es ist ein wenig kalt dort droben, aber es geht. Ich bin auf wilder See mit meinen Sehnsüchten gekentert und habe dafür die Krone und ein Schloss bekommen… ich bin ein mächtiger König geworden. Die Menschen suchen bei mir Rat, schenken mir ihr Inneres, verbeugen sich vor mir und stellen mir niemals persönliche Fragen.“

Die Glücklichmacherin streckte schnell ihre Hand aus und strich mir ein paar Tränen von den Wangen.

„Bevor sie in deinem Bart anfangen zu kitzeln“, sagte sie nur.

„Ich habe mein Schloss mit einer Frau geteilt. Aber ihre Lieder, welche sie auf meiner Schaukel sang, haben mich nie berührt. Ich fand aber ihre Haare schön. Ich habe mein Lachen verloren, weil man mir sagte, dass Könige niemals lachen. Denn beim Lachen besteht die Gefahr, dass die Krone wackelt und beim Herunterfallen zerbricht.“

Ein weiterer Tag, der zu den Schönen zählt, dachte die Glücklichmacherin.

Bin ich nicht leise zu dir?

Rund und seidig ist der Regen. Spürst du ihn auf deiner Haut? Wie jeder Tropfen alles zusammenhält? Aus vielen Tropfen entstehen Fluten!

Wir schwiegen und tranken unseren Kaffee.

Und dann begann die Glücklichmacherin von Gärten zu erzählen, von blauen Flüssen und alten Gassen. Und plötzlich gingen wir beide dort zusammen spazieren. Wir schauten uns gemeinsam den Mond an, suchten Sterne in der Nacht, zogen uns den Duft von Wiesen und Feldern ein, spürten Wind auf einer Höhe, sahen Erde und Horizont, ließen uns die Perlen einer Limonade auf der Zunge zergehen, hörten Kinderlachen und Glockengeläut, streichelten das Fell einer Katze…Ich spürte mein Herz wachsen. Und eine Erinnerung an ein wohliges, zutiefst herbeigesehntes Gefühl wurde in mir immer größer.

Züge warten auf uns…warten auf neue Abenteuer…man sieht sich heute oder ein andermal…auf alle Fälle   war schön…hat mich sehr gefreut und mit gutgetan. Danke dir für deinen Besuch…lerne durch dich viel…mich abzugrenzen, aber dennoch deine coolen Ideen aufzufangen…du hast wirklich coole Sachen drauf…

„Verlass mich nicht,“ bat ich die Glücklichmacherin nun jämmerlich, als ich in unsere leeren Kaffeetassen blickte und ein Ende kommen sah.

„Lieber dicker König,“ sagte die Glücklichmacherin und blickte dabei mir warm in meine Augen. Sie legte ihre Hand vorsichtig auf die meine.

„Ich bin doch immer da! Das was du mit deinem Herzen erlebst und sich verwurzeln darf, wird dort zu einer wunderbaren Erinnerung werden. Diese wird sich in dir wohl fühlen, wachsen und sich vermehren. Suche dein Glück im Sein, im Erleben und im Geben und Nehmen. Lasse dich treiben, weit weg von der Mehrheit der Regeln und Konformen. Suche dein Glück in der Welt der Liebe, des Erfolgs, finde es auch in der Niederlage und in deiner Trauer.“

Ich spürte in meiner Brust ein Kribbeln, dass versuchte sich Platz zu verschaffen.

„Weißt du, das Glück kann sich vermehren, aber du musst ihm Nahrung geben und fruchtbaren Boden. Dort wo ich in dir sein darf, gibt es Fliegen-lassen-lernen, Leichtigkeit und Herzenslachen.“ Sie lachte dabei so laut, als ob sie genau wusste, dass ich gerade das Gefühl hatte, loszufliegen.

Ich zog meine Hand langsam zurück und strich mein grünes T-Shirt über meinem Herzen glatt.

Aber von meinen vielen Reisen weiß ich, dass das auch ein gutes Gefühl ist…das Distanz sehr viel geben kann, was in der Nähe nicht zu erfahren ist.

„Und du, Glücklichmacherin, und du? In dir lebt immer ein Glück?“, fragte ich sie.

Sie lächelte. „Ja, ich bin glücklich und spüre mich auch so. Ich lebe von der Freude und der Dankbarkeit der Menschen die ich berühre. Obwohl sie überhaupt nichts von mir wissen, nehmen sie alle meine Liebe an. Das erstaunt mich immer wieder und ich ahne wie sehr ihre Seelen suchend nach Wärme sind. Ich denke oft an den Schnee, an die ersten Sonnenstrahlen, an die Stille einer Nacht und auch manchmal an einen Tod. Gerne stopfe ich mir Wörter wie Hirnholz, Leibspeisen, Verstopfungsentleerung, Ackerhelden oder Verinselung in meinen Kopf. So fahre ich niemals eingleisig in eine Dunkelheit, aus der ich nicht mehr herausfinde, sollte es dort mal regnen.“

„Reicht immer das Glück auch für dich? Hast du keine Angst, dass es sich einmal so verringert, dass es verschwindet?“ fragte ich sie.

Einen kleinen Moment schien es mir, als ob sie ihren Blick ganz tief in sich selbst richtete, aber dann setzte sie ihr unschuldigstes Lächeln auf und antwortete mit einem kräftigen: Nein!

Doch ich glaube, sie weinte manchmal leise in der Nacht.

Und dann stand die Glücklichmacherin auf und lief einfach von mir weg. Ich konnte sehen, wie sie Menschen beim vorbei gehen mit ihrem Lächeln berührte.

Ja, Glücklichmacherin, ich werde mir jeden Morgen sagen, dass ich mein König bin und mich liebe!





Elvira Fischer, Jahrgang 1963, weiblicher Erdenbewohner aus Bayern.

Seit Kindheit fühlen sich Worte bei mir wohl. Sie finden in Tagebucheinträgen, Gedichten und Kurzgeschichten ein Zuhause. Freunde und Familie belagere ich gerne mit Fragen aus der Philosophie.

Ausgezeichnet wurde ich für meine Empathie, meine Intuition und meinen ehrlichen Worten von meiner Familie, Freunden, im Beruf und in meinen Ehrenämtern.







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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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