Dreiundfünfzig Tage

Leah Paulke für #kkl55 „Freigeist“




Dreiundfünfzig Tage

Tag Eins. Irgendeine Lösung findet sich immer. Nichts muss permanent sein, nichts von Bestand. Die Dinge laufen bergab, und gehen wieder bergauf. Man muss sich das nur immer wieder ins Gedächtnis rufen, dann ist alles gar nicht mehr so schlimm.

Tag Zwei. Die Nacht war kühl. Wenn das der Sommer ist, wie ist es im Winter? Nein, unwichtig. Im Winter wird die Straße Vergangenheit sein, nur ein kleiner Fleck im Laken. Im Winter wird man über alles lachen.

Tag Drei. Drei Nächte sind zwei zu viel. Und dennoch: Ruhig bleiben. Immer ruhig bleiben. Es sollte einen Ausweg geben, es wird einen Ausweg geben. Nur ein kleiner Zwischenfall, bald läuft alles wieder nach Kurs. Ganz sicher.

Tag Vier. Der Kurs ist schwer zu finden. Wo fängt man an, wenn da gar nichts mehr ist? Man improvisiert, man orientiert sich. Die Toiletten in der Bibliothek sind bis spät abends geöffnet, der Bankautomat spuckt noch. Man lebt weiter. Einfach weiter, wenn auch planlos. Nur nicht stehen bleiben.

Tag Fünf. Der Bankautomat spuckt nicht mehr, dafür tut es der Himmel. Dicke Tropfen durchweichen Stadt und Kleidung. Doch bis ins Bahnhofsgebäude folgen die Pfützen nicht.

Tag Sechs. Der Regen hat aufgehört. Hinter dem Bahnhof liegt eine überdachte Straßenecke. Hier gibt es keine Kameras, kein Sicherheitspersonal. Sie muss kein Ort von Dauer sein – doch für ein paar Stunden ist es gut hier.

Tag Sieben. Es gibt Anlaufstellen. Nicht weit vom Bahnhof liegt eine Unterkunft. Der Weg dorthin ist erniedrigend, doch garantiert Erniedrigung allein noch längst keinen Erfolg. Die Einrichtung ist überlaufen, und wer zuerst kommt, mahlt zuerst.

Tag Acht. Multiorganversagen. Kaum Bargeld, kein Ausweis, auch die Medikamente gehen zur Neige. Zwei Tabletten täglich scheinen kaum noch machbar, und selbst das Rationieren lässt sich nicht ewig strecken. Schon jetzt steigt die Erschöpfung an, und ein paar weitere Stunden an der Straßenecke scheinen unvermeidlich.

Tag Neun. Tag Zehn. Die Stunden haben sich gezogen. Wohin soll man auch gehen?

Tag Elf. Es ist Dienstag, ein Tag wie jeder andere – und doch nicht ganz. Eine Frau steigt die Treppe der U-Bahn hinauf, ihr Blick trifft. Sie lächelt. Es ist das erste Lächeln seit Jahrhunderten.

Tag Zwölf. Die Frau von gestern ist im Gedächtnis geblieben. Flammendes Haar, ein eleganter Anzug, ein Kaffeebecher in der Hand. Alles an ihr strahlt Wärme aus, an der Frau vom Dienstag.

Tag Dreizehn. Ein Kaffeebecher steht nun auch an der Straßenecke. Doch dieser bleibt leer.

Tag Vierzehn. Es ist nur eine Frage. Nur eine Frage. Es muss sein. Menschen tun tagtäglich Dinge, die sie nicht tun wollen. Menschen stellen tagtäglich Fragen. Nur ein wenig Kleingeld, vielleicht ein halbes Brötchen, ein kleines bisschen Existenz. Es fordert Mut, sich den Blicken der Masse auszusetzen. Doch die Masse sieht nicht hin.

Tag Fünfzehn. Gesenkte Köpfe sind alles, was man sieht. Passanten gehen ganz nah vorbei, und doch sind sie Welten entfernt. Eine verschwommene Wand. Manche von ihnen blicken stoisch geradeaus, manche künsteln Gespräche, andere beschleunigen ihren Schritt. Man kann sie fast danach abzählen, ein Walzer aus Amateurschauspielern – eins zwei drei, eins zwei drei.

Tag Sechzehn. Erneut der Weg zur Unterkunft. Diesmal nur die Sicht von außen. Wieder ist der Andrang groß, und in der Not werden Menschen brutal.

Tag Siebzehn.

Tag Achtzehn. Es ist wieder Dienstag, die Zeiger der Bahnhofsuhr stehen auf neun. Gleich wird sie den U-Bahnhof verlassen. Flammendes Haar, ein freundliches Lächeln, vielleicht sogar ein paar Cent für ein Frühstück. Da ist sie schon. Sie ist nicht allein, ein Mann begleitet sie – ein Kollege? Sie geht vorbei. Sie geht vorbei. Sie geht vorbei, die Straße hinunter, wird immer kleiner, verschwindet, verschwindet – verschwimmt.

Tag Neunzehn. Tag Zwanzig. Tag Einundzwanzig.

Tag Zweiundzwanzig. Ein Straßenmusiker steht an der Ecke. Der Klang eines Liedes ist schon ganz fremd geworden. Ein beschwingter Rhythmus, eine fröhliche Melodie. Doch auch auf der Straße gibt es Klassen, und sein Blick spricht Bände über das versaute Panorama.

Tag Dreiundzwanzig. Tag Vierundzwanzig.

Tag Fünfundzwanzig. Dienstag. Nichts. Nur eine leere Schachtel Tabletten.

Tag Sechsundzwanzig. Das Betteln fällt leichter. Man hält sich, zwar nicht über Wasser, doch zumindest nur knapp darunter. Man könnte Hoffnung schöpfen, wäre da nicht die Müdigkeit. Der Schmerz, die Übelkeit, die gnadenlose Erschöpfung.

Tag Siebenundzwanzig. Tag Achtundzwanzig.

Tag Neunundzwanzig. Nur noch ein Umriss menschlicher Gestalt, ein Gespenst sitzt an der Straßenecke. Niemandes Freund, niemandes Kind. Ein Schatten, den man meidet.

Tag Einunddreißig. Tag Zweiunddreißig.

Tag Dreiunddreißig. Oben am Gleis der Regionalbahn hält ein Zug. Menschen steigen aus, Menschen steigen ein. Der Zug setzt sich in Bewegung, und in Gedanken fährt man mit, ganz egal, wohin.

Tag Vierunddreißig. Tag Fünfunddreißig. Tag Sechsunddreißig.

Tag Siebenunddreißig. Bloß nicht wie diese Verrückten werden: Die Durchgeknallten, die alle paar Nächte die Bahnhofshalle zusammenkreischen, um dann von Männern in Uniform abgeführt zu werden. Bloß Haltung bewahren, ein bisschen Würde, was immer das ist. Und doch will alles am liebsten schreien.

Tag Achtunddreißig. Tag Neununddreißig. Tag Wieviel? Tag Sechsundvierzig.

Tag Siebenundvierzig. So viele Tage, alle verschlafen. Schlafen ist das neue Leben. Im Träumen liegt Freiheit, und ist der Schlaf doch traumlos, so ist er zumindest auch ohne Hunger.

Tag Achtundvierzig. Tag Neunundvierzig. Tag Fünfzig. Tag Einundfünfzig.

Tag Zweiundfünfzig. Ohne Münzen keine Pillen, ohne Pillen keine Hoffnung. Warum nicht einfach aufgeben? Was hat man zu gewinnen, wenn man nichts zu verlieren hat? Mit geschlossenen Augen ist alles erträglicher. Wenn man doch ewig die Augen verschließen könnte.

Tag Dreiundfünfzig. Die Augen öffnen sich. Plötzlich ist alles ganz klar: Was hat man zu verlieren, wenn man nichts gewinnen kann? Der einst so müde Körper tut schon gar nicht mehr so weh. Ein Blick nach oben, aufs Gleis der Regionalbahn. Hält einen nichts, ist es Zeit für den Aufbruch.

Tag Vierundfünfzig. Räder auf Schienen. Vor dem Fenster verschwimmen keine Passanten, sondern Landschaften. Plötzlich ein Klopfen an der Toilettentür: zwei Sicherheitsbeauftragte, breitschultrige Männer in grellen Uniformen. Immerhin irgendjemand, der spricht. Im Grunde ist es gar nicht so schlimm: Wird man aus dem Zug geworfen, nimmt man eben den nächsten.

Tag Fünfundfünfzig. Ist der neue Tag schon angebrochen? Die Zeit ist unbekannt, der Ort ebenso, doch nicht der Weg. Zum ersten Mal leere Straßen, angenehme Ruhe. Zum ersten Mal die Freiheit, nicht nach links und rechts zu sehen, nur zu gehen, ganz leicht, immer der Nase nach. Vom Bahnhof abwärts über gepflasterte Straßen. Dort in der Dunkelheit liegt eine Kirche, schwere Backsteinmauern umschließen einen Friedhof. Tatsächlich: Etwas Friedlicheres scheint es nicht zu geben. Hinter dem Städtchen ragen Kiefern in den sternenklaren Nachthimmel. Es ist die Art von Bild, die in Wintergärten hängt.

Tag Sechsundfünfzig. Abseits der kleinen Häuser liegt eine Wiese. Das Moos ist feucht vom Morgentau, doch weich. Es hat nichts gemein mit Gehwegen und Parkbänken, nichts hier ähnelt der verhassten Straßenecke. Freiheit? Definitionssache. Ungebundenheit trifft es eher. Völliges Losgelöstsein am besten. Was auch immer, es ist hundertmal schöner als die Großstadt, als das einsame Getümmel, als der betonierte Präsentierteller. Es heißt, grün wirke beruhigend – das tut es. Das Moos ist weich, das Gras ist hoch, und durch die Zweige alter Bäume schimmert das Blau eines wolkenlosen Himmels.

Tag Dreiundfünfzig. Dienstag. An der Straßenecke flackert Blaulicht. Zwei grelle Uniformen bergen einen mageren Körper. Einen Mann? Eine Frau? Ein Kind? Vielleicht alles davon. Vielleicht sind es hunderte von ihnen, vielleicht braucht es hunderte Rettungswagen. Doch an der Straßenecke am Bahnhof setzt sich nur der eine in Bewegung. Passanten drehen die Köpfe nach ihm, unterbrechen ihren Walzer, eins zwei stopp, während er zwischen Frauen mit flammendem Haar und ihren Kollegen verschwimmt: Jetzt sehen sie ihn alle.




Leah Paulke, geboren 2005, studiert Geschichte in Berlin. Sie schreibt seit vielen Jahren.







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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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