Doreen Pitzler für #kkl55 „Freigeist“
In den Wäldern von Germanien
Die Sonne ging eben erst zwischen den Bäumen auf und, als Livia Drusilla, die Frau des Kaisers Gaius Octavius, aus dem Zelt trat. Goldene Lichtstrahlen fielen zwischen den Zweigen auf den Boden. Sie schlang sich ihre blaue Stola über die Schultern und holte tief Luft. Es war kalt, viel kälter, als sie es aus Rom gewohnt war. Sie war ein Kind der Stadt und hatte in ihrem Leben wenig Zeit auf dem Land verbracht.
In ihrem Zelt schlief ihr Mann noch tief und fest. Ein kleines Lächeln huschte über ihre Züge, als sie an die letzte zärtliche Nacht mit Gaius dachte.
Die Welt war noch in Nebel getaucht und sie hörte die ersten Vögel im Wald singen. Noch träumte die Welt – zumindest ein kleiner Teil davon.
Einige Soldaten und Sklaven waren dabei, Feuer zu machen und das Frühstück vorzubereiten.
Mit Genugtuung sah Livia der jungen blonden Germanin Cornelia nach. Sicher, das Mädchen war jung und hübsch, aber eben auch dumm. Den Namen Cornelia hatten sie ihr gegeben, da ihr Geburtsname unaussprechlich für die Römer war.
Sie hatte sich mit ihr, Livia Drusilla, angelegt. Dafür würde sie büßen und das auf grausamste Weise. Immerhin waren sie in Germanien, jene unerforschten Lande jenseits des
Rheins, in denen Cornelia geboren worden war. Angeblich war sie die Tochter eines Königs – Eleganz und gutes Benehmen besaß sie jedoch nicht.
Dennoch hatte sie es geschafft, erst Drusus und dann Gaius zu verführen, nun war es vorbei und Gaius überließ ihr, Livia, die Bestrafung.
Es war nicht so sehr die Tatsache, dass Gaius sie betrogen hatte, sondern eher, dass er nichts gesagt hatte.
Der Morgen war kalt und die Frostgötter nicht mehr weit, dabei war es erst September. In Rom war es viel wärmer als hier in Germanien.
Wieder musste sie lächeln – nicht jede römische Frau würde ihren Ehemann begleiten. Dabei war dies nicht mal ein Feldzug, sondern eher ein Treffen mit zwei angeblichen Königen dieses Landes.
Sicher, es mochte recht schön sein von der Landschaft her, aber leider waren die Menschen nicht einmal ansatzweise so weit entwickelt wie die Römer, so zumindest ihre Meinung.
Die Häuser waren eher Hütten und primitiv. Von einer Toilette oder einer heißen Quelle ganz zu schweigen.
„Ist dir nicht kalt, mein Schatz?“ Unmerklich zuckte Livia zusammen, als Gaius hinter sie trat und ihr eine Decke über die Schultern legte. Sie war so sehr in ihren Gedanken versunken gewesen, dass sie ihn gar nicht bemerkt hatte. Ein Fehler, der ihr auch das Leben kosten konnte. Gaius liebte sie und sie war ihm nützlich, dennoch war es gefährlich, mit ihm zu leben. Oder auch mit ihr, je nach Sichtweise.
Sie seufzte und lehnte sich an ihn. Er schlang einen Arm um seine Frau und zog sie an sich. „Jetzt nicht mehr“, gab sie leise zurück.
Das stimmte tatsächlich. Die Wärme von Gaius drang durch die Decke hindurch direkt auf ihrer Haut, vertraut und sicher.
Eine Weile blieben sie stehen. Waren einfach nur eine Frau und ein Mann und nicht Kaiser und Gattin.
Für einen kleinen Augenblick wollte sie diesen Frieden nutzen. Aus eigener Erfahrung wusste sie, dass es nicht ewig so bleiben würde.
Für eine Frau war sie außergewöhnlich clever und weitsichtig. Nicht umsonst, sagte Gaius, bräuchte er mehr Senatoren wie sie. Noch war Livia nützlich für Gaius, denn sie wollte ihn zum Gott machen. Sie würde dafür sorgen, dass sein Name in die Geschichte eingehen, nein, sich dort einbrennen würde. Noch in tausend Jahren würde die Welt sich ehrfürchtig erzählen, wie Kaiser Gaius Julius Caesar Octavianus Augustus die unzivilisierten Lande Germaniens für Rom erobert hatte. War es Liebe? Das war schwer zu sagen, sie mochte ihn und war mit seinem Namen sicher. Andere Frauen hatten nicht dieses Glück. Sollte Gaius sie jedoch verstoßen, dann sah es anders aus. Aber Livia wäre nicht Livia, wenn sie nicht auch dafür einen Plan hätte.
Ihr Vater Marcus Livius Drusus Claudianus war ein gebürtiger Claudier und stammte aus dem alten patrizischen Geburtsadel. Schon von Kindesbeinen an war ihr Verstand gefüttert worden und war nun schärfer als der vieler Männer. Ein Grund mehr, warum Gaius sie schätzte und auch ihren Rat suchte. Frauen hatten in Rom kein Mitspracherecht, und wenn Gaius sich trennen würde, dann bliebe ihr nichts anderes als ihr Geburtsname.
Jetzt in diesem Moment genoss sie die Nähe zu ihrem Mann, denn die Umarmung tat gut und sie erfreute sich an der Wärme. „Machen wir einen kleinen Spaziergang?“, fragte sie nach einer Weile.
„Gerne. Ich brauche deine Gedanken zu unserem bevorstehenden Besuch“, gab Gaius zurück.
Sie waren auf dem Weg zu König Vibilius von den Hermunduren. Der Stamm gehörte zu den Sueben und war ein Verbündeter Roms, was jedoch nicht hieß, dass sie wirklich in Frieden lebten. Schon seit Monaten kam es zu Aufständen der Chatten, und das konnte Rom nicht gebrauchen. Diese Kämpfe sorgten für Störungen bei den Tributzahlungen.
„Wenn sie den Krieg gegen die Chatten weiterführen, werden sie ihre Abgaben nicht erbringen können, und das bedeutet weniger Steuern für Rom“, fasste Livia zusammen. Sie kannte den Fall – es blieb nur die Frage, was Gaius tun würde. Wenn die Völker gegen einander Krieg führten, arbeitete zudem niemand auf den Feldern. Rom war auf die Lebensmittel und das Gold als Tribut angewiesen.
„Das ist es ja gerade. Wenn wir eingreifen, dann verliere ich Soldaten, und das ist inakzeptabel. Die Hermunduren sind ein großer Stamm und wir brauchen das Geld. Was denkst du darüber?“
Die Frage überraschte sie nicht. Nicht einmal mit seiner Schwester sprach er über solche Dinge. Dafür war Oktavia zu sehr Frau und interessierte sich wenig für Politik. Livia dagegen war anders. Sie kannte sich mit den Intrigen des Senates gut genug aus.
„Die Hermunduren wollen, dass wir ihnen helfen. Ich kenne den Brief von Vibilius und seine Bitte, dass wir das mächtige Rom, die Chatten besiegen sollen. Die Chatten gehören nicht zu Rom. Besiegen wir sie, bekommen wir noch mehr Tributzahlungen von ihnen, denn dann gehören sie zu uns. Darüber hinaus können wir vom Volk des Vibilius mehr als nur Dank verlangen.“
Rom brauchte dieses Geld dringend. Die letzten Ernten waren schlecht ausgefallen. Das Volk in Rom hungerte, da kaum noch Schiffe aus Ägypten in Ostia anlegten.
„Die Chatten sind ein großer Stamm und haben sich immer gegen uns gewehrt.“ Nachdenklich blieb Gaius stehen und sah hinüber zu einer alten Eiche. Der Beginn des Herbstes färbte die ersten Blätter bereits bunt.
„Uns kostet ein Krieg viel Geld, aber besiegen wir die Chatten, festigen wir auch unsere Macht in diesem Land“, hielt Livia dagegen.
Diese Worte entsprachen der Wahrheit und das war beiden klar. „Lass die Hermunduren mit dir kämpfen. Sie kennen die Gegend und brauchen uns und unsere Hilfe.“
Gaius sah sie eine Weile an. „Meine Generäle würde mir gegen einen Krieg raten. Aber wir zwingen die Hermunduren mitzukämpfen und erhöhen den Tribut. Was würde ich nur ohne dich tun? Danke Livia.“
Seine Frau sah ihn überrascht an und dann lächelte sie. „Ist das deine Wiedergutmachung für Cornelia?“, fragte sie spitz.
„Denkst du das wirklich? Dann solltest du mich besser kennen, Liebste. Du bist die einzig Wahre und meine Augusta. Das wirst du auch immer sein.“
Er legte ihr eine Hand auf die Wange. „Ich liebe deinen wachen Verstand. Das Mädchen wollte immer nur Schmuck und Geschenke.“ Beide lachten über diese Worte. Was sollte man auch sonst von einem germanischen jungen Ding wie ihr erwarten? „Wie gut, dass ich anders bin“, gab Livia zurück.
Sie waren sich in gewisser Weise ebenbürtig und Gaius akzeptierte dies.
Zusammen wanderten sie noch ein Stück durch den Wald und dann zurück zum Lager.
Doreen wurde 1986 in Sachsen-Anhalt geboren, wo sie auch aufgewachsen ist. Schon früh entwickelte sie eine Vorliebe für gute Geschichten und inspirierende Welten. Zu Schulzeiten verband sie diese Vorliebe mit ihrer eigenen blühenden Fantasie und begann mit den Schreiben eigener Geschichten. Heutzutage ist das Schreiben ein willkommener Ausgleich zu ihrer Bürotätigkeit.
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