Besitz und Besessenheit

Martin A. Völker für #kkl55 „Freigeist“




Besitz und Besessenheit

Wem gehört die Welt? Dir gehört sie nicht, mir ebenso wenig. Wie sollte es anders sein? Schaue dir den Bach an, wie er vorbeirauscht, höre, wie er gluckert und plätschert. Eine große Freude war es früher, in einen Bach zu steigen und Staustufen einzubauen, die nie lange hielten, weil das Wasser immer einen Weg findet, an den du nie gedacht hättest. Den Bach hältst du nicht auf. Mag er sich auch auf deinem Grundstück befinden, formal zu deinen Besitzungen gehören, niemals wird er dir gehören, dir nie hörig sein. Stets wird er versuchen, sich deiner Kontrolle, deinen Begradigungsversuchen und Verdrängungsplänen zu entziehen. Der Bach wirft dich auf deine Machtlosigkeit zurück. Und so ist es überall in Welt- und Naturangelegenheiten. Die Natur gehört sich selbst, was sie dir täglich vorführt. Sie funktioniert ganz ohne dein Zutun. Die Natur braucht keinen, der sie bewertet, umwertet oder nötigt. Nehme dir daran ein Beispiel, weil es nicht in deinem Interesse liegen kann, andauernd bewertet, abgewertet, benutzt zu werden. Erblicken wir lieber in unseren Nebenmenschen die Bäche, in die wir nicht steigen müssen, sondern an denen wir uns erfreuen dürfen, deren Glucksen und Gluckern uns beruhigt. Aber da gibt es jene, nämlich die Besitzenden und Besessenen, die jedes Gluckern mit einem ganzen Arsenal von Klempnerwerkzeugen niederkämpfen, nach dem Motto: „Mein Haus, meine Geräusche, mein Wasserhahn, keine Geräusche.“ Das sind solche Leute, die selten ohne Rohrzange aus dem Haus gehen, die andauernd und ausdauernd an ihren Mitmenschen herumhebeln und herumschrauben müssen. Stelle dich ihnen in den Weg und sage: „Ich bin ein Bach, dein Werkzeug wird dir bei mir keinen Nutzen bringen.“ Sie werden dich für verrückt erklären, dich als Sonderling abstempeln, weil sie dich nicht besitzen können, was sie ja nicht sollen. Und dennoch: Wem gehört die Welt? Wenn sie nicht dir oder mir gehört, werden sich andere die Welt unter den Nagel reißen. Was wird dann aus dir und mir? Wir haben denselben Anspruch auf einen gerechten Anteil, auf ein großes Stück vom Kuchen der Gesellschaft und der ganzen Welt. Wer jedoch denkt, dieser Forderung gehorchen zu müssen, der wird Ungerechtigkeit erzeugen und die Freiheit anderer bestreiten. Eine wesentliche Aufgabe im Leben besteht darin, den Glauben, dass etwas ausschließlich mir zusteht, zu bekämpfen. Die wirklich wichtigen Dinge und Personen kommen aus freien Stücken zu dir, und wenn du sie besitzen, vor anderen sicher wegschließen willst, verlieren sie ihren Wert, den sie vorher hatten. Besitzen wirst du also das Wertlose und das, was du entwertet hast. Die Schmetterlingssammlung ist ein perverses Vergnügen, ein Besitz, der von Besessenheit zeugt, eine Schönheit, die den Tod verlangt. Das Spiel der Winde und Flügelpaare, an dem du dich erfreust, ist auf jene Freiheit angewiesen, die dein Wunsch nach Besitz aufhebt. Im besten Falle gleicht dein Geist, dein innerer Sinn, diesem Spiel der Winde, diesem Tanz der Flügelpaare. Aber es ist zu wenig, wenn bloß die Gedanken frei sind. Der freie Geist benötigt einen Körper außerhalb der Knechtschaft, um wirksam werden zu können. Das klingt einfacher, als es sich in Wirklichkeit darstellt, weil viele Körper längst der Zuckerindustrie, den Fast-Food-Ketten, den Grillgutschlächtern, den Spaß-im-Glas-Vertretern, den Glimmstängelteufeln und den Schönheitschirurgen gehören. Der freie Geist fragt seinen Körper, was ihn in dieser Hinsicht befreien könnte. Der freie Geist unternimmt alles, um seinen Körper als sein Gefäß zu erhalten. Je unfreier der Körper, desto unfreier und träger der Geist. Körper und Geist ähneln dann einem ausgetrockneten Bachlauf, wo vor langer Zeit alles voller Leben war. Freigeistigkeit bedeutet allerdings nicht, keine Verantwortung zu tragen. Der freie Geist in einem freien Körper übernimmt jede Verantwortung, ohne andere besitzen und kontrollieren zu wollen. Keine leichte Sache, vielleicht sogar die Quadratur des Kreises. Aber es ist gut, frisch ans Werk zu gehen und täglich in Würde an diesem hehren Ziel zu scheitern.




Martin A. Völker, geb. 1972 in Berlin und lebend in Berlin, Studium der Kulturwissenschaft und Ästhetik mit Promotion, arbeitet als Dozent, Kunstfotograf (#SpiritOfStBerlin) und Schriftsteller in den Bereichen Essayistik, Kurzprosa und Lyrik, Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland. Mehr Infos via Wikipedia.







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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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