Katharina Vasicek für #kkl55 „Freigeist“
Die Feder
Jede Nacht, wenn der Mond durchs Fenster scheint, hört sie seine Schritte. Leise und vorsichtig kommen sie immer näher.
Ein gleichmäßiges Klack-Klack, Klack-Klack. Hin und wieder unterbrochen, wenn er lauschend vor einer verschlossenen Türe verharrt.
Nur niemanden wecken, niemand darf ihn hören auf seinem nächtlichen Gang.
Sie weiß das. Darum bleibt sie still. Wartet reglos in ihrem Bett aus rotem Samt, bis seine Schritte ihre Türe erreichen. Ein letztes Verharren, ein letztes Lauschen, dann das vertraute, helle Knarren. Leise, nur leise, niemand kennt diesen Raum, niemand darf ihn entdecken.
Sie bebt. Er atmet erleichtert auf, lehnt keuchend an der Tür. Sie wartet geduldig. Regt sich nicht auf ihrem roten Kissen. Er braucht Zeit, sie weiß das. Nach einer Ewigkeit kommt er auf sie zu. Seine Hand liebkost sie zärtlich. Streicht sanft über ihren weichen Körper. Sie regt sich nicht. Noch ist ihre Zeit nicht gekommen. Sie ist geduldig.
Nun hebt er sie hoch aus ihrem samtenen Bett. Der Tanz beginnt. Doch er ist ein schlechter Tänzer. Er stockt, kommt aus dem Takt und flucht darüber. Noch einmal von vorne. Wieder das gleiche Spiel. Er kann den Rhythmus nicht halten. Seine Bewegungen werden abgehackt. Er stolpert, flucht. Sie wartet.
Das Kerzenlicht flackert. Der Dichter wird müde. Seine Augen brennen. Langsam, ganz langsam gleitet er ab ins Reich der Träume. Nun beginnt ihre Stunde. Seine Hand wird zu ihrer Stütze, sie schmiegt sich zwischen seine Finger. Zum Leben erwacht findet sie den Rhythmus, nach dem er zuvor vergeblich suchte. In jeder hellen Nacht das gleiche Spiel. Sie tanzt. Tanzt seinen Traum. Draußen leuchtet still der Mond.
Sie wiegt sich im Takt seines Herzens. Dreht Pirouetten zur Melodie seines Atems. So tanzt sie die ganze Nacht und wird erst müde, wenn der Morgen graut. Dann zieht sie sich wieder in sich zurück, wird wieder still.
Langsam wacht er wieder auf. Ganz sachte und vorsichtig legt er sie zurück in ihr weiches Bett aus rotem Samt. Liebkost sie ein letztes Mal. Dann verlässt er leise den Raum. In der Hand hält er ein Bündel Papier. Auf den weißen Blättern ihre getanzten Spuren seines Traumes.
Er wird wiederkommen. Wenn der Mond scheint, nächste Nacht.
Kein Ende in Sicht

Katharina Vasicek lebt seit 1982 mit einem Fuß in der irdischen, mit dem anderen in der magischen Dimension. Als Chemieingenieurin geht sie den Dingen auf den Grund, als Künstlerin breitet sie ihre Flügel aus und beides zusammen zeigt Alltägliches in wirklich märchenhaftem Licht.
In ihrer Wahlheimat, der wunderschönen Steiermark, erzählt Katharina von einer Welt, ganz nah an unserer. Unsichtbar für normale Augen und doch voller Schätze für jene, die bereit sind, sie zu entdecken.
Eine Auflistung ihrer Veröffentlichungen findet sich auf www.poesiedelavie.at.
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