Ulrich Kaufmann für #kkl55 „Freigeist“
Löffelstiel (Hendrik 3)
Restaurant Löffelstiel. Vor einer Woche neu eröffnet.
-Hier werden Sie teuflisch gut bekocht-
Steht in auffällig roten Lettern über der Eingangstür, direkt unter dem Schriftzug Löffelstiel in großen Buchstaben.
Hendrik ist wie vom Blitz getroffen. Zur Salzsäule erstarrt. Bis Lisa ihn mehr oder weniger in Richtung des Eingangs zerrt. Wie in Trance geht er weiter. Sie betreten das Lokal.
Sie stehen im Eingangsbereich. Keine Gäste. Fahles Licht. Milchige Fenster, die keinen klaren Blick nach außen zulassen. Trotz der vielen freien Tische setzen sie sich nicht. Wieder gehen? Beide überlegen. Denn beiden umschleicht ein mulmiges Gefühl.
Eine Stimme aus dem Halbdunkel. „Guten Abend, die Dame. Herzlich Willkommen im Löffelstiel. Schön, dass Sie den Weg in mein bescheidenes Etablissement gefunden haben.“
Auf einmal stand er vor ihnen. Eleganter, dunkler Anzug, Schwarze Fliege, schlanke Gestalt, schmales Gesicht, ein an den Enden gezwirbelter Schnauzbart, um die 50 Jahre alt. Die weißen Lackschuhe stechen hervor.
„Und auch Sie, lieber Hendrik, heiße ich herzlich willkommen. Ich wusste, dass wir uns wiedersehen werden.“
Hendrik geht einen Schritt nach hinten. Er kennt dieses Gesicht, diese Gestalt. Und sein Gegenüber kennt seinen Namen. Er ist nicht in der Lage, irgendetwas zu sagen. Schaut ihn nur mit großen Augen an. Lisa ging den Schritt mit nach hinten, ist erstaunt, dass die beiden sich zu kennen scheinen, aber auch angetan wegen der Höflichkeit dieses Mannes.
„Ihr kennt euch?“ Lisa sieht Hendrik überrascht an.
„Nicht wirklich. Wir sind uns einmal kurz begegnet. Vor nicht allzu langer Zeit.“ Hendrik lässt den anderen nicht aus den Augen.
„Vor ungefähr zwei Wochen war das. Liram, larum…und so weiter. Aber wir wollen das nicht weiter vertiefen. Haben Sie einen schönen und leckeren Abend und kommen Sie erst mal rein“, sagt sein Gegenüber. „Es ist noch alles frei. Freie Platzwahl. Vor dem großen Ansturm, der hoffentlich noch kommt.“
„Ich weiß nicht recht. Lass uns verschwinden.“ Hendrik wartet nicht auf Lisas Reaktion, dreht sich, um durch die Eingangstür das Weite zu suchen und prallt gegen die Gestalt, die gerade noch auf der anderen Seite stand. Dieses Mal ist es nicht so, dass er einfach durch den anderen gehen kann, als wäre er Luft.
Hendrik steht hilflos, fast ängstlich ihm und fixiert seine Augen. „Das ist der Teufel, von dem ich dir erzählt habe.“
„Ganz ruhig, Kleiner.“ Ein überhebliches, spöttisches Lächeln umspielt seine Mundwinkel, als er Lisa ins Visier nimmt, ohne sich von der Selle zu rühren.
„Ich bin ein Freigeist. Gewöhnungsbedürftig, immer für Überraschungen gut, aber am Ende kommt man mit mir klar. Der Teufel. Ja, das stimmt. Aber nicht bösartig. Die paar Kriege, die ganzen Verbrechen, das Blutvergießen. Habt ihr euch alles selbst zuzuschreiben. Ich bringe lediglich etwas Stimmung in die Bude. Und mache die Welt bunter.“
Jetzt reicht es Hendrik langsam. „Freigeist. Pah. Das ich nicht lache.“ Die Angst weicht einer gehörigen Portion Verärgerung. „Ich bin ein freier Bürger. Und gehe jetzt. Kommst du bitte, Lisa.“
Lisa schaut dem Ganzen ungläubig zu. Was geht hier vor? Warum ist Hendrik auf einmal so außer sich?
Der Teufel macht auf einmal Platz, tritt zur Seite. Die Gelegenheit möchte Hendrik nutzen. Er peilt sofort schnellen Schrittes die Ausgangstür an und stößt mit voller Wucht dagegen. Sie lässt sich nicht öffnen. In Hendriks Kopf toben die Elemente. Er sieht alle Farben, Sternchen in vielfältigen Formen, ihm wird schwindelig und er droht zu fallen. Kann sich kaum noch halten. Lisa reagiert sofort und hält ihn mit beiden Armen fest. „Noch mal gut gegangen“, sagt sie mehr zu sich selber.
Im selben Moment fängt der Boden an zu vibrieren, wie bei einem Erdbeben. Jetzt halten sich beide aneinander fest. Was passiert hier gerade? Sie schauen verwirrt und ängstlich umher, dann gegenseitig fragend in die Augen. Der Teufel steht mit verschränkten Armen, erst lächelnd, dann laut lachend neben ihnen und ruft in die Unruhe hinein : „Lirum, larum Löffelstiel. Hab mein` Spaß. Und das mit Stil.“ Und lacht voller Häme weiter.
Nach dem ersten Schreck fängt sich Hendrik wieder und versucht erneut, die Tür nach draußen zu öffnen. Es klappt. Er verlässt Lisa an der Hand hinter sich her ziehend fluchtartig den Raum. Nur den einen Gedanken. Nix wie weg hier.
„Grüß Gott, wenn ihr euch mal wieder begegnet“, hört er noch , bevor die beiden dann auch schon den Weg durch die Tür nach außen gefunden haben.
„Mir ist der Appetit jetzt aber gehörig vergangen“, sagt Hendrik nach Atem ringend, als sie das Löffelstiel in einiger Entfernung hinter sich gelassen haben. Sie halten erst mal an. Lisa umklammert immer noch seine Hand.
„Mir auch.“ Lisa schnappt auch nach Luft.
Beide schauen mit leerem Blick nach vorne, setzen sich wieder in Bewegung und haben nur ein Ziel. Seine Wohnung.
Sie sitzen auf dem Sofa. Wortlos. Bis Lisa das Schweigen bricht. „Komisch, draußen hat die Erde wohl nicht gebebt. Es deutet jedenfalls nichts darauf hin.“ Ihr wird immer mehr die Absurdität der Situation klar.
„Dieses Mal war ich nicht so souverän. Dieser sogenannte Freigeist“, Hendrik betont das letzte Wort mit einem ironischen Unterton,“ hat´s echt drauf. Sorry.“
Lisa schmiegt sich an Hendrik, legt ihren Kopf an seine Schulter. „Nicht schlimm. Großer. Hast alles richtig gemacht.“ Hendrik nimmt sie fest in den Arm und drückt sie an sich. Dennoch fragt er sich, ob´s das war oder weiter geht. Und wenn ja, wie? Ist alles ein bisschen verrückt.
Mein Name ist Ulrich Kaufmann. Am 14.03.1965 habe ich in Neuss das Licht der Welt erblickt. Ich bin ausgebildeter Erzieher, habe jedoch nie als solcher gearbeitet, sondern war nach meiner zweiten Ausbildung als Krankenpfleger tätig. Dem gehe ich auch aktuell noch nach.
Aus meiner ersten Ehe habe ich drei inzwischen erwachsene Söhne. Seit 2018 bin ich das zweite Mal verheiratet.
Seit 2016 lebe ich in Brandenburg an der Havel. Bis dahin war mein Wohn-und Lebensmittelpunkt der linke Niederrhein. Aufgewachsen bin ich in Düsseldorf.
Bisher habe ich noch keine Texte veröffentlicht, außer 2017 beim Bubenreuther Literaturwettbewerb. Dort allerdings keinen Siegertext gehabt.
Kleinere Texte, auch Lyrik verfasse ich schon mein halbes Leben.
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