Warum ist der Himmel nicht lila?

Roswitha Böhm für #kkl55 „Freigeist“




Warum ist der Himmel nicht lila?

Noah war neun. Und ein halbes.
Das war ihm wichtig – denn jedes halbe Jahr bedeutete mehr Fragen im Kopf. Und in Noahs Kopf war immer Bewegung. Dort liefen Gedanken umher wie Murmeln in einer Schachtel, polternd, knallend, manchmal klirrend gegen die Wände. Und manchmal war eine dabei, die alles andere in Bewegung setzte.

„Warum ist der Himmel eigentlich nicht lila?“
„Wieso darf man im Unterricht nicht singen, wenn man gerade glücklich ist?“
„Und wer hat eigentlich entschieden, dass Stillsein was Gutes ist? Vielleicht ist Lautsein ja auch wichtig.“

Wenn Noah fragte, runzelte Herr Beckert die Stirn. Die Stirnrunzeln hatten schon ein Eigenleben. Sie krochen über sein Gesicht wie Faltenraupen und warfen Schatten auf sein sowieso schon müdes Gesicht.
„Noah, bitte. Nicht wieder anfangen.“

„Ich frag ja nur“, sagte Noah.

Seine Mutter nannte ihn liebevoll Gedankenknirps. Sein Vater dagegen sagte Dinge wie: „Noah, du kannst nicht alles hinterfragen. Manche Dinge sind einfach so.“
Noah schaute ihn dann immer lange an, mit diesem Blick, der in den Erwachsenenlöchern bohrt.
„Aber was, wenn sie gar nicht so sind? Sondern nur so scheinen? Und alle das einfach glauben, weil es mal jemand gesagt hat. Und der sich vielleicht geirrt hat?“
Dann wurde es oft still am Frühstückstisch.

Manchmal wurde Noah wütend auf diese Stille. Weil sie sich anfühlte wie ein festgeschraubter Deckel auf einem brodelnden Topf. Warum wollten die Erwachsenen nicht wissen, was da drunter kochte?

In der Schule war es nicht besser.
„Warum dürfen Lehrer aufs Klo, wann sie wollen – wir aber nicht?“
„Wieso ist Kunst weniger wichtig als Mathe? Ist Denken nicht auch eine Kunst?“
„Warum ist Schreien auf dem Pausenhof verboten? Vielleicht brauchen manche Kinder das, damit sie sich spüren.“

Die Antworten waren immer gleich: „Weil es so ist.“
Oder schlimmer noch: „Weil das schon immer so war.“

Dann kam Julian.

Julian hatte Locken wie ein explodierter Kaktus, Sommersprossen auf den Wimpern und zwei verschiedenfarbige Socken. Er trug ein Notizbuch, das nach Wald roch, und sagte in der Vorstellungsrunde:
„Ich sammle Wörter, die nach Pfefferminz riechen.“
Alle lachten. Nur Noah nicht. Er verstand sofort.

Am nächsten Tag saßen sie nebeneinander. Sie gründeten die Freigeist-Front – inoffiziell. Es war weniger eine Organisation als eine stille Bewegung. Sie hinterließen Gedanken-Zettel im Schulgebäude:

„Wer sagt, dass ’normal‘ richtig ist?“
„Wenn du einen Stuhl nicht hinterfragst – woher weißt du, dass er echt ist?“
„Gibt es auch leise Revolutionen?“

Einer landete im Lehrerzimmer. Einer auf Frau Martens’ Stuhl. Einer in der Jackentasche von Noahs Mutter.

An einem Nachmittag stand Noah am Fenster. Draußen fegte der Wind durch die kahlen Bäume. Seine Mutter kam herein, hielt den Zettel in der Hand.
„Warum nimmst du das so hin? Nur weil dir das mal jemand gesagt hat? Und wenn der sich geirrt hat?“

Sie las es laut vor. Dann sah sie Noah an. Lange. Ohne Worte.
„Hast du das geschrieben?“
Noah zuckte mit den Schultern.
„Ich weiß nicht … vielleicht. Oder jemand anderes. Ist ja eigentlich egal, oder?“
Seine Mutter setzte sich.
Zum ersten Mal fragte sie:

„Was denkst du – was wäre, wenn wir Erwachsene auch wieder anfangen würden zu fragen?“
Noah grinste.
„Dann wär die Welt vielleicht nicht klüger. Aber lebendiger.“

Es blieb nicht bei diesem einen Moment.

Einige Lehrer verdrehten weiter die Augen, wenn sie Zettel fanden. Andere sammelten sie heimlich – und steckten sie zwischen die Seiten ihrer Bücher. Frau Martens legte eines Tages ein Glas auf ihr Pult mit einem Schild: „Gedanken willkommen.“

Nicht alle mochten das.
„Diese Kinder denken zu viel!“, schimpfte Herr Beckert.
Aber in den Pausen wurde plötzlich mehr geredet als gestritten. Die Fragen blieben. Und neue kamen hinzu.

Zwei Wochen später gründete die neunte Klasse einen Debattierclub.
„Nicht zum Streiten“, sagte die Klassensprecherin. „Sondern um besser zuzuhören.“
Das Schulplakat trug den Titel: „Freigeist erlaubt.“

Einige Schüler kamen. Manche Lehrer. Und sogar ein Hausmeister, der sonst nie irgendwo auftauchte, sagte:
„Ich glaub, ich hab auch noch ’ne Meinung. Die war nur eingestaubt.“

Natürlich gab es auch Kinder, die nichts wissen wollten von alledem.
Die lieber Fußball spielten oder schweigend Gummibärchen sortierten. Und das war okay. Denn keiner zwang irgendwen.

Aber manchmal – ganz manchmal – fand Noah einen neuen Zettel auf seinem Platz. Mit einer Frage, die nicht von ihm war.




Roswitha Böhm ist Autorin, Künstlerin und ein Stück kreative Weltverbesserin. Unter dem Namen Gedankenteiler verbindet sie Fantasie mit Tiefgang, Humor mit Haltung – in ihren Geschichten ebenso wie in handgemachten Unikaten. 2025 wurde sie für ihre Kurzgeschichte „Ewig verbunden“ mit dem 2. Platz beim Marburg-Award ausgezeichnet.
Mehr unter http://www.gedankenteiler.de und im Shop: www.gedankenteiler/kasuwa.de






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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