Sarah Irene Hilbrand für #kkl55 „Freigeist“
Samen, die du gesetzt hast
Gerade schleppe ich mich wieder durch eine Wüste, als du in mein Leben flatterst. Quirlig und voller Hunger. Mein 30. Lebensjahr ist noch nicht erreicht, aber innerlich beginne ich bereits zu ergrauen und das Träumen zu verlernen. Beinahe ersticke ich unter den mir aufgedrückten Glaubenssätzen. Ich bin sehr brav und ecke wenig an. Ehrlich gesagt, habe ich dich nicht kommen sehen, doch deine Wohnung wird bald zu einem meiner Lieblingsorte. Ein fester Ankerplatz. In deinen Bücherregalen türmen sich Weisheitsgeschichten aus aller Welt, in denen du mit Buntstiften arbeitest, und auf einer Postkarte in deiner Küche lese ich den Spruch: Komm, lass uns Sterne trinken! Ja, lass uns Sterne trinken. Ganz viele davon. Nach und nach wirst du mir ein Vorbild, und du bist so frei, mich in deine zahlreichen Zaubertöpfe gucken zu lassen. Bis dahin wusste ich gar nicht, wie farbenfroh das Leben sein kann. Du hinterlässt einen warmen Fingerabdruck auf meinem Herzen, und durch dich beginne ich neue Gedanken zu denken. Frisch und nackt. Ich erlebe dich als Tausendsassa, als eingefleischten Freigeist. Erstaunlich, was ich von dir lernen kann. Unglaublich, was du schon alles erlebt hast. Zum Geburtstag schenkst du mir ein Buch von Anna Gavalda mit dem Titel: Ich wünsche mir, dass irgendwo jemand auf mich wartet. Das trifft mich tief. Eine ganze Weile schaue ich dich an und weiß, dass du mich verstehst. Dein Lieblingsthema? Persönliche Integrität. Eigene Gefühle und Bedürfnisse erkennen, sie benennen, sich dafür einsetzen und letztlich im eigenen Umfeld vertreten. Das ist ein Thema. Das ist eine Lebensaufgabe. Die Endlichkeit sitzt uns allerdings im Nacken. Uns allen. Ich laufe neben dir, als du deinen Grabstein nahe einer Gärtnerei entdeckst. Eine schlichte, graue Eule, kein klassisches Kreuz, kein entrückt blickender Engel. Du kaufst die Figur zu Lebzeiten, um sicher zu gehen, dass sie dein Grab eines Tages auf besondere Weise schmücken wird, und lässt sie von einem Freund nach Hause transportieren. Lange vor deinem Tod. Das ist seltsam. Das ist absonderlich, unkonventionell und vor allem sehr, sehr ungewohnt für mich. Du machst vieles anders und inspirierst mich damit. Ganz offensichtlich willst du mehr, mehr, mehr, wie der von dir heiß geliebte kleine Häwelmann aus dem gleichnamigen Märchen von Theodor Storm. Mehr Liebe. Mehr Spaß. Mehr Glück. Langeweile kennst du nicht. Sie ist dir als Kind manchmal begegnet aber danach nie mehr. Gerne würdest du wieder einmal von ihr kosten. Einmal zerschlagen wir sogar alte Teller und Tassen in einem sich noch im Rohbau befindlichen Zimmer, um mal ordentlich Dampf abzulassen. Hinterher strahlen wir uns an mit grau melierten Haaren. Mehrere Tage dauert es, bis all der entstandene Staub beseitigt ist. Aus unseren Haaren und Kleidern und sämtlichen Ritzen des Zimmers. Ein ganzes Service liegt in Trümmern. Am Ende werden jedoch auch wir zerschlagen, denn wir scheitern kläglich an unseren Gegensätzen. Du warst Vorbild und Lehrerin für mich auf Zeit. Deine Töpfe nährten und stärkten mich für die Weiterreise. Jahre bin ich dir nicht mehr begegnet, und dennoch sehe ich dich in Gedanken deinen großen Traum leben. Als Schafhirtin ziehst du mit deiner Herde durch Griechenland und grinst dabei übers ganze Gesicht. Ich selbst genieße die Momente, die ich wieder für mich habe. Fast wären wir nämlich verschmolzen. Um ein Haar wäre ich verbrannt. Manchmal trinke ich noch Sterne und denke an dich zurück. Dann streife ich schmunzelnd durch meinen Seelengarten und sichte so manche Pflanze, die da vorher nicht war. Samen, die du gesetzt hast. Nun blühen sie.
Im Sommer 1984 wurde ich, Sarah Irene Hilbrand, im westlichsten Bundesland Österreichs geboren und wuchs im Klostertal heran. Schon als Jugendliche brachte ich erste Gedichte und Gedanken zu Papier. Heute schreibe ich auch autobiografische Texte.
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