Christa Blenk für #kkl55 „Freigeist“
Die perfekte Sauce!
Angelika blickt auf den hoch gewachsenen, dunkelhaarigen Mann neben ihr, er auf das Gemälde, auf dem sich drei junge Frauen kriegerisch mustern.
„Couragiert“, sagt er.
„Würden Sie das auch sagen, wenn es ein Mann gemalt hätte?“
„Natürlich! Ihre Frage enttäuscht mich. Sie passt nicht zu ihrem sonst furchtlosen Umgang mit Konventionen. Aber, wenn ich das bemerken darf, überschreitet Ihr Talent bei weitem das von so manchem Mann.“
„Sie dürfen! Notwendig ist es jedoch nicht. Ich weiß es ohnehin.“
Angelika hat ihn schon öfters auf Veranstaltungen gesehen. Sie sind sich jedoch nie offiziell vorgestellt worden und während sie noch abwägt, ihn direkt nach seinem Namen zu fragen, fährt er fort:
„Sie kokettieren in diesem Gemälde mit dem Betrachter, verwirren ihn, geben der rot gekleideten Musikallegorie gar keine Chance, bremsen sie aus, während die energische, ganz in blau gewandete Kunstvertreterin mit Pinsel, Palette und flatterndem Schal in der Barockdiagonale bereits den Sieg davonträgt, obwohl sie Ihnen nicht ähnlichsieht. Sie vermitteln hier einen Zweifel, den die Hauptprotagonistin, also Sie selbst, schon nicht mehr hegt. Allerdings, und hier bitte ich vorneweg um Pardon, steht Ihnen die zarte, weiße Unschuld überhaupt nicht zu Gesichte, obwohl mich der Vergleich mit dem jungen Herakles amüsiert. Haben Sie sich seinerzeit wirklich so schwer mit der Entscheidung zwischen Musik und Malerei getan, dass Sie das jetzt aufarbeiten müssen? Singen Sie mir doch einfach etwas vor und ich sage Ihnen, ob Sie richtig entschieden haben, sich der Malerei zu verschreiben.“
„Für einen Venezianer sind Sie ganz schön ungehobelt.“
„Woher wissen Sie, dass ich Venezianer bin?“
„Zu groß für einen Süditaliener, zu elegant für einen Römer. Letztere sind nicht mehr als gierige, primitive Bauern, die vom Bildungsreisezwang der europäischen Intelligenz profitieren. Das, was die Anreisenden hier suchen, bringen sie eigentlich schon mit. Bis auf die Ruinen und Winckelmann, wohlgemerkt!“
„Hört, hört, welch‘ gewichtige Worte. Lassen Sie das mal nicht die Farneses, Ruspolis oder Borgheses hören.“
„Sie werden mich doch nicht verraten, Signore? Jetzt muss ich aber los.“
Angelika rafft energisch ihre Röcke und stöckelt auf hohen Absätzen davon. Sie verflucht zum wiederholten Male ihr Korsett und schwört sich, es demnächst in den Müll zu werfen.
Der Venezianer erheischt einen Blick auf die blitzenden Schnallen ihrer modischen Schuhe und auf ihre farbigen Seidenstrümpfe und ruft ihr lachend hinterher: „Aussehen tun Sie jedenfalls nicht wie ein Mann!“
Angelika ist auf dem Weg zu einer Verabredung mit ihrem glühendsten Verehrer, Nathaniel, einem Engländer. Sie lässt ihn gern ein wenig schmoren. Nathaniel wirbt hartnäckig um sie, langweilt sie aber schnell und nach dieser spritzigen Unterhaltung mit dem Mann aus dem Veneto, purzeln Nathaniels Chancen komplett in den Keller. Angelika weiß es, er ist ihr ebenbürtig, der Fremde aus der Lagunenstadt. Er es aufrichtig, witzig, elegant, attraktiv und kultiviert dürfte er auch sein, sonst hätte er ihr Gemälde nicht so trefflich analysiert. Sie lächelt vor sich hin, als sie auf Nathaniel zugeht, was dieser falsch auffasst und ihr direkt einen Heiratsantrag macht.
Ein paar Tage später ist Angelika mit Nathaniel in der Villa Borghese unterwegs. Sie liebt diesen herzförmigen Park und will Aeskulap einen Besuch abstatten. Die Büste des Gottes der Gesundheit steht vor einem Tempel auf einer kleinen Insel mitten im Park. Deshalb müssen sie und Nathaniel mit einem Kahn über einen Teich rudern. Aeskulap soll in einem ihrer nächsten Gemälde eine Hauptrolle bekommen.
Nach dem Anlegen streckt sich ihr eine Hand entgegen.
„Die Götter meinen es gut mit mir! Sie erlauben, cara Signora“, ruft der Venezianer fröhlich aus und ignoriert geflissentlich den Engländer. Angelika streckt ihm erfreut ihre Hand entgegen, lässt sich beim Aussteigen helfen und hält sich etwas länger als nötig an seinem Arm fest.
„Wollen Sie mir den Kavalier nicht vorstellen, verehrte Angelika“, fragt Nathaniel, während er umständlich aus dem schaukelnden Kahn klettert und sicher ins Wasser gefallen wäre, hätte die Hand des Norditalieners nicht ein zweites Mal eingegriffen. Kaum wieder festen Boden unter den Füßen, vergisst Nathaniel die Rettungsaktion und streitet sich mit dem Venezianer um Angelikas Arm, was Nathaniel einen bösen Blick von ihr einbringt. Sie sagt nichts, schüttelt beide Arme ab und geht allein weg. Nathaniel hastet hinter ihr her. Als sie sich dann doch noch einmal umdreht, sieht sie, dass der Venezianer ihr schmunzelnd nachblickt. Sie lächelt zurück, während der Brite schnell an ihre Seite tritt. Sie schenkt ihm allerdings keine Beachtung mehr und fängt an, eifrig Skizzen zu machen. Sie spürt Nathaniels Blick und sagt streng:
„Es gibt darüber nichts zu sagen, Nathaniel und ich verbiete Ihnen, das Thema Heirat heute anzusprechen. Verstanden?“
Ein paar Tage später, beim Nachhausekommen, hört Angelika fröhliches Geplänkel aus der Küche. Ihre Gedanken sind immer noch in der Villa Farnesina, bei den imponierenden Fresken von Amor und Psyche. Eigentlich sollte Nathaniel sie begleiten. Aber sie hatte ihm kurzerhand abgesagt. Seine permanente Liebeswerbung ermüdet sie, behindert ihre Konzentration und beeinträchtigt ihre Kreativität. Deshalb hat sie kurzerhand Goethe gebeten, sie zu begleiten. Wenn sie allein mit ihrer Cousine zu Mittag isst, was in diesem belebten Haus an der Spanischen Treppe selten vorkommt, speisen sie und Loretta direkt an dem wuchtigen, geschrubbten Holztisch auf einfachem Steingutgeschirr. Eine Stimme gehört ihrer Cousine, die andere kommt ihr bekannt vor. Sie nähert sich der Küche und bleibt an der Tür stehen. Er dreht ihr den Rücken zu. Seine Jacke hat er abgelegt und die Ärmel seines cremefarbenen Rüschenhemdes ein wenig zurückgeschoben. Er trägt eine von Lorettas altmodischen Küchenschürzen. Angelika kennt mittlerweile seinen Namen. Goethe hat ihn ihr verraten, ohne dass sie fragen musste. Es ergab sich einfach so. Antonio ist Maler und Architekt. Gerade allerdings gibt er der andächtig zuhörenden Loretta Tipps für eine perfekte Sauce und singt ein Loblied auf die vollkommene Fusion zweier Ingredienzen, auf die Ausgewogenheit von zerkochten Zwiebeln und Kräutern. Die sonst sehr eigensinnige Loretta himmelt ihn an. Angelika spürt einen leichten Eifersuchtsstachel. Als Antonio sein Weinglas zur Hand nimmt, seine lockigen, schwarzen Haare zurückwirft und eine Halbdrehung macht, fällt sein Blick auf Angelika und ihrer direkt auf sein Veilchen um das linke Auge.
„EccoLa, da ist sie ja endlich.“
Er öffnet schnell eine Küchenschublade, nimmt einen Holzlöffel heraus, fährt damit geschickt in die Sauce, hebt den nun mit Flüssigkeit gefüllten Löffel und geht vorsichtig auf Angelika zu, die immer noch im Türrahmen lehnt. Bevor er ihr den Löffel mit der heißen Flüssigkeit vor den Mund hält, bläst er kurz darauf. Angelika öffnet verdutzt ihre leicht zitternden Lippen und lässt die Sauce in ihren Mund fließen. Erwartungsvoll blickt er sie an und fragt mit einem leicht ironischen Unterton: „Und, was meinen Sie, fehlt eventuell noch ein wenig Pfeffer, Thymian, Salbei?“
„Haben Sie sich geprügelt, Signore?“
„Ja, wegen Ihnen. Ihr Engländer! Ich fürchte, er kam nicht so glimpflich dabei weg. Aber er hat angefangen. Hat er mir doch tatsächlich an der Piazza di Spagna aufgelauert, mit seinen windigen Fäusten herumgefuchtelt und mir befohlen, Sie in Ruhe zu lassen. Dann gab eine Faust die andere. Woher er es wohl weiß, das mit uns? Unangenehmer Inselbewohner! Ich bin dann direkt hierhergekommen, um mir meine Wunden lecken zu lassen. Nur waren Sie leider nicht zuhause. Aber nun, die Sauce, ich warte auf Ihr Verdikt!“
„Zimtaroma, Estragon! Ja, in der Tat, sie ist gut, perfekt vielleicht sogar, von einem Mann zubereitet, obendrein, wer hätte das gedacht. Was gibt es dazu und wann können wir essen? Ich sterbe vor Hunger. Goethe und ich sind stundenlang durch die Villa Farnesina geschlendert. Auf dem Rückweg wollte er dann noch unbedingt in die Kirche Santa Maria della Vittoria, um Berninis Ekstase der Heiligen Theresia einen Besuch abzustatten. Anschließend sind wir zu Fuß nach Hause gegangen. Unermüdlich, dieser Mann. Ich muss auf der Stelle meine Schuhe ausziehen.“
Loretta wird zuerst rot, dann blass und blickt entsetzt auf ihre unkonventionelle Cousine.
„Es ist praktisch angerichtet, ich muss nur noch die Polenta aufstreichen.“ Antonio macht sich an die Arbeit und fährt fort: „So, so, Sie betrügen mich also mit alten Männern, während ich hier Prügel einstecke und für Ihr leibliches Wohl sorge. Das ist nicht sehr nett. Goethe, dieser Lüstling! Was fällt ihm ein, diese eindeutig unanständige, ja geradezu erotische Skulptur mit Ihnen zu besichtigen. Ich hoffe, er hat wenigstens geschwiegen dabei!“
„Er kann also kochen!“, sagt Angelika zu Loretta und fährt seine Bemerkung ignorierend fort: „Na ja, zwischen Malen und Kochen ist auch kein enormer Unterschied. Beides lebt von der Fusion bestimmter Substanzen.“
„Also, ich hoffe doch sehr, dass mein Gericht ein wenig besser schmeckt als eine Leinwand, auch wenn das Gemalte vielleicht ein appetitliches Stillleben von Sanchez Coello ist.“ Lorettas Blicke huschen bei diesem scherzhaften Schlagabtausch hin und her.
„Und schlagfertig ist er auch! Aussehen tut er ebenfalls nicht schlecht. Mut und Fäuste hat er obendrein. Wie steht es denn mit der Bildung?“
„Mit welch grossmütiger Freigebigkeit der Himmel bisweilen über einen einzigen Menschen den ganzen Reichtum seiner Schätze, alle Talente und hervorragenden Fähigkeiten ausschüttet, die er sonst im Lauf eines langen Zeitraums auf viele zu verteilen pflegt“ …..
“zeigt sich deutlich an Raffael Sanzio von Urbino, der sich nicht minder durch sein einzigartiges Genie als durch seltene persönliche Liebenswürdigkeit auszeichnete“, bringt Angelika den Satz zu Ende.
„Oha, und den Vasari kennt er auch.“
„Das nächste Mal nehmen Sie mich doch mit. Mein Lieblingsplatz ist die Loggia der Psyche“. Angelika blickt weiterhin ihre Cousine an und fügt dann zu deren Entsetzen hinzu.
„Er ist perfekt für einen Mann. Ich sollte ihn heiraten.“
„Darüber können wir gerne reden, verehrte Angelika, aber zuerst müssen wir essen, damit dieses wunderbare Gericht nicht kalt wird.“
Antonio schaut ihr in die Augen, nimmt ihren Arm, führt sie zum Tisch, rückt einen Stuhl für sie zurecht, drückt ihr ein Glas hellgelben Frascati in die Hand, berührt kurz ihre gerötete Wange und meint:
„Von mir aus können Sie gerne Ihre hinreißenden Folterinstrumente und ihr Korsett ausziehen.“
Angelikas Turbo-Vergleich mit Goethe oder Nathaniel gewinnt er haushoch.
„Sie sollten ihr Auge kühlen, sonst sieht es morgen wie ein Regenbogen aus.“
„Reden wir nicht mehr davon. Sie haben sich entschieden?“
„Kommen Sie doch zu meiner Abendgesellschaft, am Freitag. Goethe wird anwesend sein sowie andere Dichter, Künstler. Kommen Sie doch schon früher und kochen etwas für uns, Carissimo.“
„Der Germane ist hoffentlich zu alt für Raufereien. Oder zieht er eventuell ein Duell vor? Erst vor kurzem hat Goethe Sie „als die kultivierteste Frau in Europa“ bezeichnet. Obwohl es diesem Sachsen meiner Meinung nach schon ein wenig an Takt mangelt, hat er doch auch gesagt, dass Sie „für ein Weib, ein wirklich ungeheures Talent haben“. Sie müssen ihn sehr verehren, um ihm das nicht um die Ohren zu hauen.“
„Wer sagt Ihnen denn, dass ich es ihm nicht um die Ohren gehauen habe.“
Antonio grinst, sucht ihren Blick und hebt sein Glas. „Auf uns, Angelika!“
Die Erzählung beschreibt sehr frei die Liebesgeschichte der deutschen, Künstlerin Angelika Kauffmann (1741-1807) und Antonio Zucchi. Das zu Textbeginn beschriebene Bild „Scheideweg zwischen Musik und Malerei“ ist ein Hauptwerk von Kauffmann.
Christa Blenk lebt in Niederbayern und am Atlantik in Frankreich. Sie schreibt Kurzgeschichten und Erzählungen, ist in unterschiedlichen Anthologien vertreten und hat drei Bände mit eigenen Kurzgeschichten herausgebracht (einer davon ist in französischer Sprache). Sie veröffentlicht regelmäßig Artikel über Kunst und Kultur in dem Berliner Online Magazin KULTURA-EXTRA.
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