Lotte Greschik für #kkl55 „Freigeist“
MIT DIR AUF PARTIES
Es gibt keinen, niemanden, der so elegant die Wände hochgeht wie du. Die Virtuosität, die Leichtigkeit, mit der du die Wand hoch und dann an die Decke gehst: Es verschlägt mir jedes Mal die Sprache.
Ich habe lange überlegt, ob ich hier von dir und den Wänden erzählen soll.
Einmal darauf aufmerksam gemacht fürchte ich den Neid der anderen.
Ich fürchte, dass andere Personen ein Auge auf dich werfen, versuchen könnten, dich mir auszuspannen.
All das mag ich mir gar nicht vorstellen. Ich mag gar nicht daran denken.
Dennoch. Ich möchte eine Idee davon geben, eine Vision formulieren, wie sich Wut transformieren lässt in stille Eleganz und einen Moment zauberhafter Schönheit.
Es fängt damit an, dass dein Blick sich verdüstert. Ein Schatten huscht über deine Stirn, deine Augenbrauen ziehen sich zusammen. Du verdrehst die Augen gen Himmel. Du hebst die Hand an die Brust, und dann sackst du dort, wo du eben stehst, zusammen.
Das erste Mal gesehen habe ich es auf Majas Taufe. Damals waren wir zwei Monate zusammen, und ich war mir noch nicht sicher. Ob du der Richtige wärst.
Der angetrunkene Vater von Maja hatte dir Senf auf dein blütenweißes Hemd gespritzt. Das Hemd war nigelnagelneu und eben blütenweiß, monatelang hattest du gespart, um dieses Hemd zu kaufen, es sollte ein Hemd sein für besondere Anlässe. Und jetzt prangte darauf ein gelber Fleck. Du hast die Augen gen Himmel verdreht, dir ans Herz gegriffen und bist du dort, wo du standest, in der Mitte des Raumes auf die Knie gesunken.
Wir gehen viel auf Parties seitdem, und um ehrlich zu sein: Ich warte nur darauf.
Meist stehe ich ein paar Meter entfernt, ein Getränk in der Hand. Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie jemand auf dich zu kommt, sich dir nähert, und insgeheim hoffe ich, dass diese Person etwas Bestimmtes zu Dir sagt, etwas Böses, etwas das dich triggert. Etwas, das dich auf den Boden sinken und dann die Wand hochgehen lässt.
Sobald du dann am Boden liegst: Die Leute denken, dir sei schlecht. Oder dass du zu viel Wein getrunken hättest. Dass du einen schlechten Tag hast, auf etwas allergisch reagierst, unter einer chronischen Krankheit leidest. Sie blicken auf dich herab, sie tuscheln. Sie bringen dir ein Glas Wasser, suchen sich Hilfe suchend um nach einer angehörigen Person, die die Lage klärt.
Diese angehörige Person, das bin ich. Und das hier ist mein Einsatz.
Was die Leute jetzt denken, das ist alles falsch. Denn wenn ich eben gesagt habe, du wirst still: Schwach wirst du nicht. Im Gegenteil, du fährst jetzt, in diesem Moment, zu voller Stärke auf.
Ich ziehe die Leute beiseite, versichere ihnen, dass alles okay sei. Dass du einen Moment für dich brauchst, da unten am Boden. Dass das – nun ja – ab und zu vorkomme, dass sie einfach zugucken sollen.
Denn so geht es weiter.
Du rutschst auf die Knie und ziehst dich zusammen, wirst ein zum Zerreißen gespannter Ball. Die Rückenwirbel treten unter deinem Hemd hervor, sie pressen gegen den Stoff. Jeden Moment droht dein Oberteil zu zerreißen, die Knochen aus dem Stoff heraus zu springen und durch den Raum zu knallen.
Doch weder zerreißt es dich, noch platzt du.
Aus dem Ball wird gleich eine Linie. Du nimmst ein paar tiefe Atemzüge, streckst die Arme aus, machst die Arme auf dem Boden lang, so lang es geht, dann ziehst du Beine und Füße hinterher, um dich erneut zu einem Ball zusammen zu krümmen. Nach diesem Prinzip, Ball, Linie, Ball, Linie rutschst du gen Wand, Meter für Meter.
Meistens gehst du ja in Gesellschaft die Wände hoch und an die Decke, auf Parties oder bei Empfängen, wenn dieser oder jener andere Gast etwas Bestimmtes zu dir gesagt hat.
Das letzte Mal passiert ist es auf Peers fünfzigstem Geburtstag. Es war eine Bemerkung von Peers Vater. Er kam an und fragte dich nach deinem Job aus, in einer Art, die mir das Blut in den Adern gerinnen ließ. Peers Vater wartete die Antwort ab, er grinste, machte eben diese Bemerkung und eine abfällige Bewegung mit der Hand. Ich stand neben dir, wurde stocksteif. Es gelang mir nur mit Mühe, ein Bein vor das andere zu setzen, aus dem Raum zu staksen und draußen tief Luft zu holen.
Als ich zurück kam, ein frisches Glas Wein in der Hand, war Peers Vater verschwunden. Und du wiederum, du warst du schon zum Ball geworden und gerade im Begriff, dich zu einer Linie auszustrecken. Ich merkte sofort, dass du die rechte Wand, Richtung Terrasse und Garten im Visier hattest, und ich beeilte mich mein Glas abzustellen.
Ich muss mich jetzt um die Leute kümmern.
Noch haben sie nicht begriffen, worum es geht, von welcher Szene sie hier gerade Zeuginnen und Zeugen werden. Sie stehen im Weg, sind lästig, und du kannst dich nicht, einfach so, zu voller Länge ausstrecken und wieder zum Ball zusammenziehen. Noch immer gibt es gebückte Menschen, Menschen am Boden, die versuchen, dir zu helfen und dir damit letztlich nur im Weg stehen.
Ich bemühe mich, dir freie Bahn zu verschaffen, den Weg zur Wand hinzuebnen. Ich ziehe die Leute beiseite, verwickle sie in ein Gespräch. Ich frage sie nach der Toilette oder ihren neusten Urlaubsphotos, nach ihren Jobs, ihren Kindern.
Das funktioniert eigentlich immer: Jobs und Kinder. Ich tue so, als würde mich das eine wie das andere tatsächlich interessieren. Wir beugen uns über Handies. Ich nicke und gucke erstaunt.
Derweil schiele ich aus den Augenwinkeln auf den Boden, zu dir hinunter und danach wie weit du schon bist, wie weit der Weg zur Wand noch ist.
Ist der Weg frei, rutschst du wie beschrieben, Ball wird zu Linie, Linie wird zu Ball, näher und näher an die Wand.
Neulich, bei dieser Feier von Peer, musste ich schon ein bisschen schlucken.
Du bist auf den Anzughosen gerutscht, die ich dir gerade geschenkt hatte. Ich hatte dir den Anzug eigentlich geschenkt, damit du ihn bei uns zuhause trägst. Zum Frühstück, zum Abwaschen, oder abends, beim Fernsehen. Du siehst umwerfend aus, wie du in diesem Anzug die Wäsche aufhängst. Es ist der Wahnsinn, wenn du in diesem Anzug staubsaugst.
Auf Parties, denke ich, solltest du lieber Kleidung tragen, in der du dich gut krümmen, dehnen und strecken kannst. Für diese Anlässe eignen sich Jogginghosen, Shorts oder Leggings. Deine gelben Leggings zum Beispiel heben sich deutlich, viel deutlicher als das Grau des Anzugs, von einer weißen Wand ab. Es wäre genau dieses Gelb, das deine Bewegungen so richtig rauskehren, zum Leuchten bringen würde.
Aber auch im mausgrauen Anzug…wie du über den Boden robbst: Ich möchte in diesem Moment auf einen Stuhl steigen, an ein Glas schlagen und laut rufen.
Das!
Das da unten, am Boden!
Das ist MEIN FREUND!
Doch wie gesagt. Ich habe irgendwie auch Angst.
Dass jemand spätestens jetzt ein Auge auf dich werfen könnte. Sich in dich vergucken, sich in dich verknallen, seine oder ihre Krallen nach dir ausfahren könnte. Dass sich Herzen an dich verlieren und sich dir zu Füßen legen, sich für dich entflammen könnten, bis über beide Ohren verliebt. Bis in alle Ewigkeit, bis über den Tod hinaus: ich sehe es schon auf Grabsteinen eingraviert.
Du kommst an der Kante an, am Übergang von Boden zu Wand. Du rollst dich an der Scheuerleiste zusammen. Es sind die letzten Sekunden, die du am Erdboden verbringst. Wenn du noch etwas zu essen brauchst, ist das der Moment.
Ich schaue mich nach etwas zu essen um, schnappe ein Canapé, einen Clubsandwich, irgendeinen Happen von einem Tablett. Die Nahrung darf nicht zu hart sein, du kannst in dieser Stellung schwer kauen. Also kaue ich dir den Happen vor, beuge mich über dich, ich breite meinen Rock zu einem Sichtschutz aus, gleich einem Paravent. Dahinter schiebe ich dir den vorgekauten Ballen zwischen die Zähne. Ich drücke dir einen vorerst letzten Kuss auf die Lippen.
Denn es kann dauern, bis wir wieder beieinander sind.
Jetzt geht es die Wand hoch. Du robbst ähnlich wie auf dem Boden, nur berührst du jetzt mit dem Rücken die Wand. Es hat viel mit Überstreckung des Kopfes zu tun, die Bewegung die Wand hoch geht insgesamt vom Kopf aus, und du hast diese Überstreckung lange geübt, tagelang, wochenlang.
Du hast es morgens beim Rasieren geübt, und du kamst immer einen Zentimeter, dann noch einen weiter. Ich bin viele Wochen lang morgens mit ins Bad gekommen, aus Angst, du würdest dir in einem unaufmerksamen Moment die Kehle durchschneiden.
Irgendwann, ich weiß es noch, es war letztes Jahr zwei Tage vor Weihnachten, da hattest du es. Du konntest den Kopf so weit nach hinten strecken, dass dein Hinterkopf umgekehrt zwischen deinen Schultern auf der Wirbelsäule zu liegen kam.
Ich stand hinter dir, und du hast mich angesehen mit diesem umgedrehten Blick…Er war so voller Stolz und Zuversicht. Und beiden standen Tränen in den Augen, deine kullerten oben aus den Augen heraus, rannen dir über die Stirn, verloren sich im Haaransatz. Meine in die entgegengesetzte Richtung, sie sammelten sich am Kinn.
Auf der Party ziehe ich mich nun zurück, weit, weit in die gegenüber liegende Ecke des Raumes. Spätestens jetzt sind aller Augen auf dich gerichtet. Die Leute begreifen, was sich hier gerade abspielt. Sie starren mit offenen Mündern Richtung Wand, es herrscht Totenstille.
Ich lasse dich gehen.
Allerdings: Jetzt kann es gut sein, es ist schon oft vorgekommen (und ich kann nichts dafür!), dass mir ein Schrei entfährt, wenn du jetzt vom Boden abhebst und die Wand hoch gehst.
Ich wurde oft gefragt, wie ich das mache: so schreien.
Es klingt angeblich unmenschlich. Wie nicht von dieser Welt.
Der Schrei fliegt mir in dem Moment einfach so zu, und ich kann nur so schreien, weil du gerade die Wände hochgehst.
Alles dreht sich nach mir um. Ich sehe Herzen in die Hosen rutschen, Körper, die der Schlag trifft, die vom Donner gerührt werden. Manch eine Person verliebt sich in diesem Moment zu Tode.
Lotte Greschik
Geboren 1978 in Berlin, lebt und arbeitet in Berlin. Studierte Musik, Rhythmik und Musikpädagogik und war 2013 Mitbegründerin des Berliner Musiktheaterkollektivs FrauVonDa.
Schreibt seit ungefähr zehn Jahren, vor allem Kurzgeschichten. Großes Interesse am Phantastischen und an der Frage, was als real akzeptiert wird und was nicht. Veröffentlichungen in der Erostepost (2022&2024), in &radieschen (2023), im Dichtungsring (2024) und in FLUCH´T´RAUM (2024).
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