Das Buch

Lasse Thoms für #kkl55 „Freigeist“




Das Buch fällt Jasmin vor allem auf, weil es so alt aussieht. Es liegt auf der Werkbank hinten in der Garage, wo nicht viel Licht hinfällt. Der Einband ist dunkelbraun, möglicherweise Leder, und das Buch verfügt über drei große Metallschnallen. An der mittleren hängt doch tatsächlich ein Vorhängeschloss. Jasmin sieht sich nach ihren Eltern um, die mit den Besitzern dieser Garage, Familie Peters, über die Verkäufe des Tages plaudern.

„Ich denke immer, man verschiebt nur die Staubfänger aus der eigenen Garage in die der Nachbarn und umgekehrt“, sagt ihre Mutter. „Schrottwichteln mitten im Sommer.“

„Achwo“, sagt ihr Vater. „Des einen Schund, des and´ren Fund.“

Jasmin sieht, wie ihre Mutter die Augen verdreht und muss lächeln. Sie dreht sich zurück zu ihrem möglichen Fund. Etwas an dem Buch ist, als würde es sie rufen. Dann weiß sie, was es ist: Es sieht aus, wie die Bücher, die bei ihrem Opa zu Dutzenden in den Regalen standen und Staub fingen. Immer wenn sie ihn besuchten, schien die Staubschicht auf den Büchern dicker geworden zu sein.

Das neue Schloss an dem alten Buch weckt ihre Neugierde. Als sie zur Werkbank geht, bekommt sie eine Gänsehaut. Kein Wunder, hier hinten in der Garage ist es wahrscheinlich fünfzehn Grad kälter als draußen.

Jasmin kann keinen Buchtitel erkennen, das Buch ist so alt und äußerlich abgeschabt, dass nur das abgewetzte Leder verrät, dass es mal ein teures Buch gewesen sein muss. Denn es ist Leder. Jasmin kann den leichten Ledergeruch wahrnehmen, der gemischt mit dem charakteristischen Geruch von altem Papier gut in diese dämmrige, kühle Ecke der Garage passt. Und dann das Vorhängeschloss. Es sieht aus wie das, das bei ihnen zuhause an der Tür im Gartenzaun hängt. Ein Schlüssel steckt nicht darin, aber das steigert ihre Neugierde nur noch. Sie entscheidet sich, ihren Eltern das Buch zu zeigen. Wenn es nicht zu teuer ist, will sie es mitnehmen. Schon allein, weil es sie an Opa erinnert.

Als sie das Buch anhebt, ist sie überrascht, wie schwer es ist. Wie eine Schatztruhe. Das Leder fühlt sich kühl und wertig unter ihren Händen an. Als wäre das Buch so gebunden worden, um eine sehr lange Zeit erhalten zu bleiben. Sie nimmt es und trägt es (mit beiden Armen, es ist wirklich schwer) zu ihren Eltern hinüber.

Die beiden unterhalten sich noch mit Frau Peters. Von ihrem Mann keine Spur, obwohl er gerade noch da war. Als Jasmins Mutter das Buch in ihren Händen sieht, nimmt ihr Gesicht einen unmissverständlichen Ausdruck an. „Nein“, sagt sie, noch bevor Jasmin bei ihnen angekommen ist. Ihr Vater verkneift sich ein Grinsen, aber in den Augen von Frau Peters sieht Jasmin etwas Anderes.

„Ich hab das hinten in der Ecke gefunden und es erinnert mich total an die Bücher, die Opa hatte“, sagt Jasmin. Ihre Mutter schaut immer noch missbilligend. Jasmin reagiert nicht darauf, sondern wendet sich an Frau Peters. „Wie viel soll das kosten?“

Peters, die fast hoffnungsvoll aussieht, denkt Jasmin, sagt: „Oh, weißt du, das Buch gehörte Michaels Vater. Ich weiß nicht, wie viel es wert ist. Unter uns“, sagte sie und senkt die Stimme, „Michael will es partout nicht loswerden. Ich dafür umso mehr. Ich habe es rausgelegt und gehofft, dass jemand danach fragt. Dann kann ich es verkaufen, bevor er es merkt. Ich mag es nicht. Mir wird davon unbehaglich.“

Jasmin hört gespannt zu. Das Buch war schon durch das Schloss spannend, aber jetzt wird es immer interessanter.

„Ich würde sagen, für zehn Euro ist es deins.“

Jasmin gibt ihrer Mutter einen Hundeblick. Ihre Mutter seufzt, dann gibt sie sich geschlagen und nickt.

Jasmin grinst und hält ihrer Mutter das Buch hin, um das Geld aus ihrer Bauchtasche zu holen. Ihre Mutter macht keine Anstalten, es ihr abzunehmen. Auch ihr Vater nicht. Er grinst zwar in sich hinein, das Ganze scheint ihm einigen Spaß zu machen, aber er will wohl nicht zu Jasmins Komplizen werden. Also legt Jasmin das Buch auf den Boden und bezahlt. Als das Geld ihre Hand verlässt, spürt sie kurz einen Stich in der Magengegend – zehn Euro sind immerhin zehn Euro -, aber sie ist gespannt darauf, das Schloss zu knacken.

Kurz, nachdem Jasmin und ihre Eltern gegangen sind, kommt Michael Peters zurück nach draußen. Seit Tagen plagt ihn Durchfall und es hat gedauert, bis er getraute, die Toilette zu verlassen. Seine Frau zählt gerade die Einnahmen.

„Haben wir noch was verkauft?“ Die bisherigen Verkäufe waren mehr als mau. Seine Frau macht eine wegwerfende Handbewegung. „Nur alte Buch hinten aus der Ecke.“

Michaels Miene erstarrt. „Das von meinem Vater?“

„War es das?“, fragt seine Frau. „Dann ja. Das ist doch nicht so schlimm, oder? Es war doch nur ein Staubfänger.“

„Oh nein, nein, nein, lieber Himmel, nein“, murmelt er vor sich. „An wen?“

„Die Ahmadis.“

Ohne noch ein Wort zu sagen, lässt Michael seine Frau stehen und läuft die Straße hinunter.

Auf dem Heimweg ist Jasmins Neugier mit jedem Schritt gewachsen, während das Buch in gleichem Maße schwerer zu werden schien. Sie hat sich schon ausgemalt, was für spannende alte Texte sie finden würde. Vielleicht sogar etwas Verbotenes. Warum sonst sollte jemand ein Buch mit einem Vorhängeschloss abschließen?

Zuhause angekommen legt sie das Buch auf den Tisch im Schuppen, wo sie das Werkzeug aufbewahren. Sie rüttelt am Schloss, aber natürlich geht es nicht einfach auf. Das wäre auch langweilig. Sie greift zu der großen Zange, die an der Wand hängt. So würden sie´s in einem Film machen, denkt sie. Oder mit einem Bolzenschneider.

Zuerst rutscht sie ab, als sie versucht, das Schloss aufzubrechen. Ihre Hände zittern, aber sie weiß nicht, ob das vor Aufregung ist oder vor Kälte. Auch hier im Schuppen ist es kalt. Sehr kalt. Fast eisig. Sie konzentriert sich und setzt die Zange wieder an.

Michael läuft so schnell er kann und verflucht seine Birkenstocks, die ihm um die Füße schlackern. Zum Glück ist es nicht weit. Auf sein Sturmklingeln hin öffnet ihm Daria Ahmadi die Tür. „Michael? Was ist denn -“

„Wo ist es?“, sagt er und drängt sich an ihr vorbei. Er kann nur eine Sache meinen. „Jasmin ist damit in den Schuppen gegangen, um –“

Schon ist er an ihr vorbei. Daria dreht sich um und läuft ihm so schnell wie möglich nach.

Beim zweiten Versuch gibt es ein zufriedenstellendes Knacken und das Schloss ist kaputt. Jasmin wirft es weg und legt die Zange zur Seite. Ihre Hände zittern. Sie weiß nicht mal, warum sie so aufgeregt ist. Sie öffnet die Schnallen beinahe ehrfürchtig. Sie sind kalt und rau. Draußen kann sie schnelle Schritte hören, rennende Schritte, aber das interessiert sie im Moment nicht. Sie schlägt das Buch auf.

Im selben Augenblick weiß sie, dass sie einen bösen Fehler gemacht hat. Ein eiskalter Wind aus Staub und abgestandener Luft wallt ihr entgegen. Sie glaubt, darin Stimmen zu hören, Sprachen, die sie nicht versteht, und… Schreie.

Dann ist es vorbei und das Buch liegt offen vor ihr.

Die aufgeschlagene Seite zeigt ein großes in Rot gemaltes Bild: dunkle Landschaften, unzählige Menschen mit schmerzverzerrten Gesichtern und flehenden Augen und ein Himmel, der in Flammen zu stehen scheint. Über allem schwebt ein großer, zackiger Schatten mit brennenden Augen. Diese Augen starren sie an. Starren direkt in sie hinein.

Als Daria und Michael hereinplatzen, finden sie Jasmin über das Buch gebeugt, jeder Muskel ist angespannt und sie scheint vor Anstrengung zu beben. Daria stürzt zu ihr und zieht ihre Tochter in ihre Arme und weg von dem Buch. Michael hat nur Augen für das Buch. Er sieht das Bild darin, schrecklich und prophetisch zugleich. Das Schloss, dass er angebracht hat, liegt kaputt in der Ecke. Michaels Knie zittern. Er hat seinen Vater enttäuscht. Ihn und weiß Gott wie viele seiner Vorfahren, die vor ihm die Hüter des Buches waren und all das nur durch einen einzigen unaufmerksamen Moment. In seinem Kopf dröhnt jetzt ein einziger Gedanke:

Er ist entkommen. Oh gütiger Gott, er ist entkommen.




Lasse Thoms ist 24 Jahre alt, lebt und studiert in Hamburg. Aufgewachsen ist Lasse mit zwei Brüdern und über die Jahre mehreren Hamstern in NRW, wo Lasse in der freien Mitarbeit bei einer Lokalzeitung tätig war. Erste kurze Geschichten schrieb Lasse in der Grundschule. Seitdem haben sich zwar die Themen verändert, die Lust am Schreiben ist geblieben. Lasse Thoms hat mehrere Texte in Online-Magazinen und Anthologien veröffentlicht, darunter auch mehrere im Magazin #kkl.






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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