Luna Day für #kkl55 „Freigeist“
Schiffbruch
Liara war nicht begeistert von dem, was ihr gerade mitgeteilt wurde. Sie sollte zu ihrer Tante auf Übersee reisen.
»Mutter«, sagte Liara und lief der Frau hinterher. »Mutter, hört doch.«
»Schweig! Es ist zu eurem Besten.«
›Mein Bestes? Bestimmt nicht‹, dachte Liara und konnte nur auf den Boden sehen. »Wie Ihr wünscht.« Mit geschlossen Lidern versuchte sie die aufkommenden Tränen zurückzuhalten. Erst als ihre Mutter in die Wohnstube ging, eilte sie in ihr Zimmer und warf sich weinend auf das Bett. Sie war nicht wie ihre Schwestern oder Brüder, die schon immer zur See wollten oder die Welt erkunden. Liara wollte zu Hause bleiben, dort, wo sie alles kannte. Ein gutes Buch, auf der Wiese vor dem Haus und dabei Tee. Was brauchte sie mehr? Nichts und niemand verstand es, dass sie diese Reiselust nicht hatte. Oder wie ihre Schwester Marian immer sagte: »Den Ruf der Freiheit.«
Und doch musste sie nun das tun, was sie niemals wollte: das, was sie kannte, verlassen. Und das schon in wenigen Tagen.
Liara konnte das Salz riechen, was vom Meer mit dem Wind hergetragen wurde. Diesen Geruch hatte sie noch nie gemocht. Sie war immer froh, wenn die Zeit vorbei war, wenn die Familie wieder nach Hause fuhr. Aber jetzt wusste sie, dass sie die nächsten Wochen nicht davor fliehen konnte. Je näher die Kutsche dem Hafen kam, umso mehr wehte es zu ihr herüber.
Die Stadt sah aus wie jede andere. Häuser in verschiedensten Größen, mal mit und mal ohne Vorgarten. Bis auf den Hafen hätte sie in jeder beliebigen Stadt sein können. Als die Kutsche hielt, konnte Liara den Pier sehen, wo die Schiffe zu Anker lagen. Ihre Mutter stieg aus, nachdem die Tür geöffnet wurde. Tief atmete Liara durch und folgte ihr. Von der Straße zum Steg zu einer Holzplanke, wo Männer standen. Auf den Ältesten ging ihre Mutter zu und redete mit ihm. Als Liara zu ihnen aufschloss, sah er sie mit einem traurigen Blick an. Doch dass konnte sie nun auch nicht mehr aufmuntern. Ihre Diener schleppten ihre Koffer an ihr vorbei über die Planke auf das Schiff.
»Das ist Kapitän Rick, auf ihn wirst du hören«, sagte ihre Mutter zu ihr.
Liara konnte nur nicken, sonst würde sie anfangen zu weinen.
Kurz wurde ihre Schulter gedrückt und sie wusste, dass sie ihre Mutter nicht so schnell wiedersehen würde.
Männer liefen über Deck. Lara stand am Heck und sah zur Straße. Ihr war klar, dass ihre Mutter nicht mehr da war, aber dennoch hatte sie die Hoffnung, dass sie ihr nachtrauern würde.
»Bis bald«, rief eine weibliche Stimme hinter ihr. Und am Steg stand ein kleiner Junge mit einer älteren Frau, die winkten. Liara schloss ihre Lider und unterdrückte die Tränen. Niemand war da, der sie verabschiedete, bis das Schiff aus dem Hafen war. Abgelegt kam sie sich vor, wie ein Spielzeug, was man nicht mehr wollte. Aber mehr machte sie die Tatsache traurig, dass sie tief in ihrem Inneren wusste, dass sie ihre geliebte Heimat nie wieder sehen würd.
»Ladys, Aaron, bringt euch zu euren Kabinen.«
Liara drehte sich um. Es war der Mann, mit dem ihre Mutter gesprochen hatte, der Kapitän. Neben ihm stand ein schmaler Mann.
»Sehr gerne«, kam süß von der Frau neben ihr. Eine Hand wurde an ihrer Seite zu ihm ausgestreckt, die der Mann annahm. Als sie an ihr vorbeiging, bemerkte Liara, dass diese junge Frau nicht viel älter als sie sein müsste. Kurz nickte sie dem Kapitän zu, dann folgte sie den beiden unter Deck.
»Das sind unsere besten Kabinen auf dem Schiff.« So wie das roch wollte Liara nicht wissen, wie es sonst aussah. Ein Bett, ein Tisch und ein Schrank, mehr befand sich nicht hinter der Tür, die dieser Aaron öffnete.
»Miss Elisabeth, das ist Ihre Kabine.« Er öffnete gegenüber eine Tür. »Miss Liara, hier schlafen Sie.« Er zeigte den Gang weiter hinter. »Dort schläft der Kapitän, also sind Sie hier am sichersten.«
»Danke«, sagte Liara leise und ging in den kleinen Raum. Dort standen schon ein Teil ihrer Koffer. Schluchzend sank sie zu Boden.
Keiner beachtete Liara, als wenn sie ein Geist wäre, im Gegensatz zu Elisabeth, diese kokettierte aber auch mit jedem. Manche Abende wünsche sich Liara nicht mit ihr Speisen zu müssen. So richtig still war sie eigentlich nur, wenn die beiden jungen Frauen mit dem Kapitän aßen.
Am liebsten nahm Liara ihre Mahlzeit ein, wenn Elisabeth mit den Schiffsleuten beschäftigt war und sie niemand beachtete.
Es war keine Seltenheit, dass einer von fernen Ländern erzählte. Sie hört gern zu, aber der Gedanke, dass sie ein Abenteuer bei ihrer Tante erleben würde, machte ihr Angst. Am liebsten lauschte sie Maurice. Er war der jüngste an Bord und hatte einiges erlebt. Es war, als wenn er sie allein damit schon in eine andere Welt entführte.
Sie stand eines Abends an der Rehling. Seit Tagen war nur Wasser zu sehen.
»Ihr sollt doch nicht hier draußen stehen«, hörte sie Maurice hinter sich.
»Hier ist gerade eine Ruhe, die ich genießen will.« Liara drehte sich zu ihm.
Er kam auf sie zu, lehnte sich auf das Holz und atmete tief durch. »Stimmt.«
»Aber Sie können mir gern etwas von Ihren Abenteuern erzählen.«
Er hob einen Mundwinkel. »Ich kann verstehen, warum Sie nicht auf die Freiheit der Welt stehen.«
»Weil ich kein Freigeist bin?«
»Nein.« Sein Blick war voller Schabernack, als er zu ihr blickte. »Weil Sie ein kleines junges Fräulein sind.«
Sie schnaubte und schmunzelte dabei. »Euere Komplimente sollten Ihr besser formulieren.«
Kurz zuckte er mit den Schultern. »Wissen Sie, wie ich zu Kapitän Rick kam?«
Liara schüttelte ihren Kopf.
»Mein Vater nahm mich meiner Mutter weg, und das Schiff, auf dem wir waren, kam in Seenot. Ich war gestrandet. Wenn in diesem Moment nicht das Schiff des Kapitäns notangelegt hätte, wäre ich verhungert.« Er blickte zu ihr. »Nein, Miss Liara, Sie sind kein Freigeist, aber Sie lieben die Abenteuer, die sich andere Ausdenken oder erlebt haben. Sie gehen auf Nummer sicher und das ist auch gut.«
Tief atmete ich durch. Sie hatte das Gefühl verstanden zu werden. »Erzählt mir mehr.«
»Heute nicht mehr, es ist schon spät und es wird bald regnen.«
»Ich fühle mich hier gefangen …«, flüsterte sie.
»Ich sehe es.« Er legte seine Hand auf ihre. »Aber glauben Sie mir, in Amerika wird es Ihnen viel besser gehen.« Kurz drückte er zu. »Dort ist die Freiheit.«
Liara lächelte. Vielleicht hatte er Recht, sie wusste es nicht. Ihr war nur eines in diesem Moment klar geworden: Diesen jungen Mann, der ihr anscheinend in die Seele sehen konnte, würde Sie nie vergessen.
Luna Day wurde 1982 in Wertingen geboren und wuchs in Augsburg auf, wo sie immer noch mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern lebt. Ihre Liebe zum Schreiben entdeckte sie durch Harry Potter und Roll-Play-Games-Fanfiction in Foren. Sie verfasst Kindergeschichten, aber auch Fantasy- und Liebesgeschichten. Trotz ihrer Lese-Rechtschreib-Schwäche hat sie bereits einige Geschichten in Anthologien unterbringen können. Ihre erste Novelle erschien im März 2021.Ausschreibungen.
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