Ein Sommer für die Schneeprinzessin

Christine Hehle für #kkl56 „Und dann kam…“




Ein Sommer für die Schneeprinzessin

Sie war ein Winterkind. Die geborene Schneeprinzessin. Wenn die Ränder der Tage sich einrollten, die Welt still wurde und die Wiese vor dem Fenster weiß, fühlte Alix sich in ihrem Element. Den Sommer ertrug sie nur schwer: das Kleben auch des leichtesten Stoffes auf der Haut. Die Gerüche in der Straßenbahn. Die gerötete, aufgedunsene Fratze, die ihr aus dem Spiegel entgegengrinste, wenn sie auch nur wenige Stunden im Freien verbracht hatte. Manchmal waren sogar ihre Augen rot, als hätte die Sonne sie unter ihrem erbarmungslosen Griff in einen erschöpften, doch immer noch bösartigen Feuerdrachen verwandelt. Badeferien im Salento, Segeln in den Kornaten oder was ihrer vom Sommer besessenen Familie sonst noch alles einfiel, waren für Alix wie eine dreiwöchige Haftstrafe. Sie feilschte um jede Minute, die sie im freundlichen Schatten einer bröckelnden Kapelle, im Dämmerlicht des Ferienhauses bei geschlossenen Fensterläden, notfalls in einer klimatisierten Bar am Strand verbringen konnte.

Sobald die Tage ein bisschen länger wurden, begann alljährlich die gefürchtete Diskussion über das Ziel für die Sommerferien, in die Alix mit dem Gefühl hineinging, sie würde wie immer verlieren. Das allgemeine Naserümpfen über die Verächterin von Wassersport und Sonnenbräune setzte schon ein, wenn sie nur sagte: „Also, ich …“

Und dann kam, unverhofft, jener Sommer, der alles veränderte. Ihr Sommer. An einem föhnigen Apriltag, der verfrüht alle kommenden Schrecken heraufzubeschwören schien, sagte jemand beim Frühstück: Nordkap. Mitternachtssonne. Wer das gesagt hatte, wusste sie später nicht mehr. Aber es war auch egal. Er oder sie war nur das Sprachrohr einer gnädigen nördlichen Fee gewesen, die es gut mit ihr meinte.

Als sie aus dem Auto ausstiegen, vor kühlem, heiterem Blau, das sich hinter schroff abfallenden Felsklippen ins Unendliche zu dehnen schien, riss ein scharfer, kalter Wind ihr fast den Atem vom Mund, wirbelte ihr das Haar um den Kopf und in die Augen. Ihre Mutter tauchte mit einem Schrei zurück ins Auto und kam mit Wollmütze und Handschuhen wieder hervor. Der Vater zog den Reißverschluss des Anoraks zu bis an die Ohrläppchen. Alix’ Bruder reckte das Kinn nach vorne und setzte sein entschlossenstes Sturmgesicht auf, während die Schwester mit ihrem Schal kämpfte, einem lächerlichen, mickrigen Baumwolltuch, das um sich schlug wie ein wild gewordenes geflügeltes Tier in Gefangenschaft.

Alix aber flog schon auf den Rand der Klippe zu, vom Wind getragen, gehalten, liebkost, und schaute in klares Blau. Hoch am Himmel lächelte eine lichte, hitzelose Sonne, tief

unten glänzte seidig die See.

Dieser Sommer stellte alles auf den Kopf. Oder auf die Füße. Zwar feilschte ihre Mutter wieder mit ihr, diesmal weil sie ins Haus kommen sollte, es sei spät und kalt und die Nacht bald vorbei. Aber was hieß da Nacht? Mit gekreuzten Beinen saß sie auf den Holzplanken der Terrasse, in ihrem Pullover aus isländischer Wolle mit eisblauem Zackenmuster, umgeben von weißem Licht. Der Felsgipfel jenseits der Bucht verschwand nicht aus ihrem Blick, nicht um Mitternacht, nicht um zwei und nicht um vier. Um vier waren längst die Farben wieder da, das Grün der Grasfelsengrate, das Morgenblau des Wassers, das dunkle Rot des Holzhauses hinter ihr.

Ein frischer, glücklicher, arktischer Tag.




Christine Hehle, Wien

Herausgeberin und Lektorin für Wissenschaft und Sachbuch (www.grammatica.at)
publiziert wissenschaftlich, schreibt gelegentlich literarische Texte ist verheiratet, hat einen Sohn und eine Tochter







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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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