Die blutrote Rose

Domi Caella für #kkl56 „Und dann kam…“




Die blutrote Rose

Lena packt ihre Jacke. »Kommst du auch mit in den Pub, um auf die Premiere anzustoßen?«

Mia steckt die Nähmaschine aus und legt den reparierten Rock zu den anderen Kostümen. »Nein, ich bin zu müde zum Feiern.“

Lena zuckt mit den Schultern. »Wie du willst.« Als sie schon fast aus der Theatertür raus ist, dreht sie sich noch einmal um. »Übrigens, irgendjemand hat in der Garderobe eine Rose für dich hingelegt.«

Mia erstarrt.

Die Tür fällt hinter Lena ins Schloss. Das Klicken des Schlosses hallt durch den leeren Raum wie ein Fallbeil, das auf die Richtbank fällt. Das Echo dröhnt in Mias Ohren. Ihre Hände zittern. Ihr Herz rast. Schweiß tropft von ihrer Stirn, rinnt über ihre Wangen. Rinnsale, eiskalt wie der Tod.

Sie rennt zur Garderobe.

Vor der Türe bleibt sie stehen. Nimmt einen tiefen Atemzug. Ihre Hand greift nach der Klinke. Das Metall ist kalt. Ein Schauer läuft ihr den Rücken hinunter. Sie zögert. Zieht ihre Hand zurück. Knabbert an ihrem Daumennagel.

Ich muss es wissen.

Mia öffnet die Tür und starrt in den schwarzen Schlund, der sich vor ihr auftut. Eine Mischung aus Schweiß und dem Geruch von Make-up weht ihr entgegen.

Sie schaltet das Licht ein.

Requisiten stapeln sich auf den Regalen. Die von Mia geschneiderten Kostüme hängen auf Kleiderstangen. Eine Kiste mit Perücken steht auf dem Boden. Und auf dem Schminktisch liegt eine Rose. Eine einzelne, blutrote Rose.

Ein schwarzes Seidenband ist am Stiel befestigt. An der Schleife hängt eine Karte. Schneeweiß. Keine Schrift.

Mia lauscht. Totenstille. Sie geht in die Hocke, lässt ihren Blick durch den Raum gleiten. Keine Füße hinter den Kostümen zu sehen.

Sie richtet sich wieder auf. Ihre Beine schlottern mit jedem Schritt, den sie auf die Rose zugeht. Sie hebt die Karte hoch, dreht sie um. Keine Nachricht. Nur ihr Name in roter Druckschrift.

Ihr Magen zieht sich zusammen. Die Karte entgleitet ihren Fingern und baumelt vom Tisch wie eine Leiche am Galgen.

Er hat mich gefunden!

Erinnerungen stürzen über sie herein wie eine Lawine. Reißen sie mit in ein Leben, das sie glaubt, hinter sich gelassen zu haben. Ein Leben voller Furcht und Terror. Ihr Hals schnürt sich zusammen. Sie zittert am ganzen Körper. Das Atmen fällt ihr schwer. Alles dreht sich. Sie stützt sich am Tisch ab.

Eine Zeit lang steht sie einfach da. Ihr Atem geht flach. Die Finger sind um die Tischkante gekrallt. Das Keuchen ihres Atems dröhnt in ihren Ohren. Ihre Finger schmerzen. Sie lässt die Tischkante los. Atmet tief und langsam durch. Schüttelt den Kopf.

Nein! Neues Land, neue Identität, keine Fotos. Es ist unmöglich, dass er …

»Es ist nur ein Zufall«, sagt sie mit fester Stimme, als würde die bloße Aussprache die Worte wahrmachen. »Irgendein Verehrer, der sich nichts dabei gedacht hat.«

Mia hebt die Rose hoch. Sie reißt die Karte von der Pflanze und wirft beides in den Mülleimer. Das Blutrot der Blüten sticht aus dem weißen Papiermüll hervor. Mia schiebt den Eimer unter den Tisch.

Es ist nur eine verdammte Rose.

Sie zieht ihr Handy aus der Hosentasche und bestellt ein Taxi. Ihre Jacke hängt am Garderobenständer. Sie greift in die Tasche, um ihre Geldbörse hervorzuholen. Leer.

Sie reißt die Jacke herunter, durchwühlt alle Taschen. Keine Geldbörse. Dafür ein abgerissenes Kinoticket für einen Film, den sie nie gesehen hat.

Lena. Sie hat dieselbe Jacke.

Mia wählt die Nummer ihrer Kollegin, aber löscht sie wieder. Lena würde nur darauf bestehen, dass Mia für den Tausch zum Pub kommt. Sie tippt eine Nachricht: »Hey, ich glaube, wir haben unsere Jacken vertauscht. Können wir uns morgen treffen?«

Und jetzt? Eine Freundin bitten, sie abzuholen? Erklären, warum sie wegen einer Blume so durchdreht? Schon wieder?

Sie schüttelt die Idee ab und schließt die Garderobentür hinter sich.

Es ist nur eine harmlose Rose.

Sie storniert das Taxi und verlässt das Theater durch eine Seitentür.

*

Mit schnellen Schritten geht Mia die Straße entlang. Der Wind bläst durch ihre Haare. Sie wickelt den Schal enger um ihren Hals. Das Klackern ihrer Stiefel auf dem Asphalt hallt durch die Gasse. Der Geruch von Regen liegt in der Luft. In der Ferne ertönt das Heulen einer Sirene.

Die Straßenbeleuchtung über Mia flackert. Kurz setzt sie aus, bevor sie die Straße wieder in ein trübes Licht taucht. Weißer Nebel umhüllt Mia wie ein Leichentuch.

Mia geht schneller, ihr Handy fest umklammert. Am Display leuchtet die Nummer des Notrufs. Ihr Daumen schwebt über dem Symbol.

Sie hebt das Handy an ihr Ohr. Tut so, als würde sie mit einer Freundin telefonieren.

»Ja, ich bin gleich zu Hause. Nein, keine Sorge. Alles in Ordnung.« Ihre Stimme klingt fremd in ihren Ohren. Hoch. Schrill. Sie wirft einen Blick über die Schulter. Die Straße hinter ihr ist leer. Kein Auto, kein Mensch weit und breit.

Der Weg nach Hause scheint endlos. Sie zwingt sich, ruhig zu bleiben.

Nur noch ein paar Straßen…

Plötzlich wird das Klackern ihrer Absätze durch ein anderes Geräusch durchbrochen. Schritte, die nicht ihre sind.

Ein Schauer läuft ihr den Rücken hinunter. Ihre Finger klammern sich fester um das Handy. Ihr Herz schlägt gegen ihren Brustkorb wie ein lebendig Begrabener gegen den Sargdeckel. Sie wirft einen Blick über die Schulter.

Das milchige Weiß der Laternen flackert durch die Nebelwand. Die Gebäude sind nicht mehr als dunkle Schatten, die sich wie Ungeheuer hinter ihr auftürmen. Doch dort, in der Ferne, bewegt sich etwas. Ein Schatten. Eine Gestalt, schemenhaft, folgt ihr. Mias Puls rast.

Nur ein Zufall. Natürlich sind auch andere Menschen nachts unterwegs.

Sie nimmt einen tiefen Atemzug. Bläst den Atem durch ihre leicht zusammengepressten Lippen hinaus. Ihr Herz weigert sich, langsamer zu schlagen. Es donnert gegen ihren Brustkorb, als hinge ihr Leben davon ab.

Die Schritte hinter ihr werden lauter. Sie geht schneller. Auch die Schritte werden schneller.

Mias Herz setzt aus. Übelkeit überkommt sie. Sie drückt auf »Anrufen« und rennt los.

»Entschuldigen Sie. Ich wollte Sie nicht erschrecken!« Die Worte klingen hektisch, unsicher.

Mia stoppt. Ihr Atem geht stoßweise. Sie dreht sich um. Stützt ihre Hände auf den Oberschenkeln ab, während sie nach Atem ringt. Ein Mann kommt auf sie zu. Seine offenen Handflächen erhoben. Von seinem linken Daumen baumelt etwas herab.

»Gehört das Ihnen?« Er hält ihr ein ledernes Schlüsseltäschchen entgegen.

Sie greift in die Hosentasche, in der sie ihren Schlüssel immer in einem ledernen Täschchen sorgsam aufbewahrt. Leer.

»Oh, ja, danke«, stammelt Mia und bricht den Notruf ab. »Es tut mir leid, ich dachte …«

Der Mann wirkt verlegen. »Es tut mir leid. Ich wollte Sie wirklich nicht erschrecken.«

Mia bringt ein schwaches Lächeln zustande und nimmt den Schlüssel entgegen. Ihre Finger zittern, aber sie versucht, es zu verbergen. Der Mann erwidert ihr Lächeln und zieht sich in die Nacht zurück.

*

Zuhause angekommen, wirft Mia einen letzten Blick über die Schulter. Die Straße ist leer.

Mia betritt ihre Wohnung. Schließt die Tür hinter sich, atmet tief durch. Für einen Moment bleibt sie in der Dunkelheit stehen. Sie lehnt sich gegen die Tür, lässt die Anspannung der letzten halben Stunde von sich abfallen. Ihr Atem wird ruhiger. Ihr Herzschlag verlangsamt sich.

Sie schaltet das Licht ein, geht ins Wohnzimmer, lässt sich auf das Sofa fallen und schließt die Augen. Die Stille ihrer Wohnung umfängt sie. Sie atmet tief ein, genießt das Gefühl der Geborgenheit. Der Duft des Diffusers liegt in der Luft. Lavendel. Die Stille wird nur durch das Ticken der Wanduhr unterbrochen.

Sie streckt sich und öffnet die Augen. Ihr Blick fällt auf den Wohnzimmertisch. Und das Blut gefriert in ihren Adern.

Auf dem Tisch steht ein Strauß blutroter Rosen.




Schon als Kind liebte Domi Caella, geb. 1984, das Schreiben. Doch das Erwachsenwerden brachte andere Prioritäten mit sich. Erst viele Jahre später, als die Erkrankung ME/CFS sie aus dem Berufsleben riss und in ein stilles, dunkles Zimmer zwang, kehrte das Erzählen zurück. Aus der Not wurde Zuflucht, aus Fantasie ein Raum zum Atmen. Heute, da sich ihr Zustand gebessert hat, schreibt sie wieder.

Instagram: @domi.caella_schreibt

Blog: untot.subset42.com






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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