Der Verfolger

Florian Stöckle für #kkl56 „Und dann kam…“




Der Verfolger

Maybritt lag auf der Wiese, die Arme ausgestreckt, und genoss die frische Brise. Sie roch den Duft des Frühlings. Die Wildblumen verströmten ein starkes Aroma und der leichte Wind war genau richtig. Es war weder heiß noch kalt.

Obwohl der dichte Wolkenhimmel heute alles andere als einladend wirkte, hatte Maybritt unbedingt nach draußen gemusst. Sonst platzte ihr noch der Kopf. Die unzähligen Aufsätze und Arbeitsblätter konnten locker eine Stunde oder zwei liegen bleiben.

Was sich ihre Schüler wohl denken würden, würden sie sie hier auf der Wiese entdecken? Ist das nicht meine Lehrerin, die strenge Frau Platzinger? Nein, ganz bestimmt nicht, sie hat keine Brille auf und ist auch ganz anders angezogen. Außerdem ist Frau Platzinger nicht der Typ, der sich im Freien aufhält. Sie hat zu blasse Haut und ist zu sehr in amerikanische Klassiker vernarrt.

Maybritt musste lächeln. Sie dachte darüber nach, wann sie das letzte Mal so richtig entspannt hatte, und ihr wurde bewusst, dass das bestimmt schon vier Wochen her war.

Ihre Gedanken wanderten zur nächsten Urlaubsreise, die sie schon gebucht hatte. Fuerteventura. Ein reiner Strandurlaub. Das würde herrlich werden. Faul mit Sigmund am Strand liegen, während die Kinder sich wie üblich mit sich selbst beschäftigen würden.

Maybritt schloss die Augen. Es war schön, für einige Momente einfach nur zu leben. Bloß da zu liegen. An nichts zu denken.

Irgendwo im nahen Wald zwitscherten Vögel.

Die Zeit verstrich so langsam wie beim Lesen von Charles Dickens, Ernest Hemingway, Harper Lee, George Orwell, Edgar Allan Poe, William Shakespeare oder Mark Twain für die Schule.

Plötzlich vernahm Maybritt Schritte. Jemand näherte sich ihr. Sie öffnete die Augen und hob leicht den Kopf.

Eine große, schlanke Gestalt in einem langen, schmutzigen, dunkelbraunen Mantel ging den schmalen Asphaltweg zwischen den Wiesen und Feldern entlang. Lange, weiße Haare fielen aus der Kapuze. Ansonsten war weit und breit niemand zu sehen.

Was für eine merkwürdige Person, fand Maybritt. Die Größe deutete auf einen Mann hin, die langen Haare auf eine Frau. Die Gestalt war noch etwa fünfzig Meter von Maybritt entfernt. Die Flecke auf ihrem Mantel sahen nach Erde aus.

Maybritt setzte sich aufrecht hin. Kannte sie die Person von irgendwoher? Nein … oder? Der Mantel sieht wirklich sehr verwahrlost aus, dachte Maybritt. Wo hat sie sich nur so schmutzig gemacht?

Die Kapuzengestalt verließ nun den Asphaltweg und ging diagonal auf Maybritt zu. Das Gras knisterte unter den schwarzen Schuhen, die ebenfalls schmutzig ausschauten. Auch die schwarze Hose unter dem braunen Mantel schaute ramponiert aus. Irgendwie verwest …

Die Gestalt drehte leicht den Kopf. Erst jetzt konnte Maybritt ihr Gesicht sehen. Doch anstatt eines Gesichts hatte die vermummte Person nur einen Knochenschädel.

Maybritt riss die Augen auf. Sie sprang auf und rannte los.

Ich habe mich nicht getäuscht!, dachte sie, als sie über die Wiese rannte. Das ist ein Monster! Schnell weg hier!

Ihre Beine trugen sie über ein braches Feld. Als sie einen Blick nach hinten riskierte, musste sie unwillkürlich laut um Hilfe schreien. Die Kapuzengestalt hatte die Verfolgung aufgenommen. Sie war schnell!

Maybritt schnaufte schon und bekam Seitenstechen. Doch sie versuchte trotzdem, schneller zu rennen. Sie musste diesem Monster entkommen! Sie hielt auf eine Scheune zu, die dort am Rand eines anderen brachen Feldes stand. Sie brauchte ein Versteck, sonst war sie dem Monster schutzlos ausgeliefert!

Endlich kam sie an der Scheune an und hämmerte verzweifelt gegen das Tor. Dann begriff sie, dass sie nur den Riegel zurückschieben musste. Schweiß lief ihr übers Gesicht. Sie floh in die Scheune, sperrte das Tor hinter sich zu und wartete.

Plötzlich hörte sie ein lautes Klopfen.
„Ich warne Sie!“, schrie Maybritt. „Mein Mann weiß, wo ich bin. Und wenn Sie glauben, Sie könnten mir etwas antun, dann-“

„Lass mich rein!“, donnerte eine tiefe Stimme durch das graue Holz.

Maybritt schaute sich panisch in der Scheune um. Gab es hier irgendeine Waffe oder einen anderen Gegenstand, mit dem sie sich verteidigen konnte? Sie sah nur viele aufeinander getürmte Heuballen. Natürlich ließ man nichts Wichtiges in so einer gottverlassenen Scheune …

„Sie sind kein Mensch“, zischte Maybritt schließlich durch die Wand. „Verschwinden Sie!“

„Das kann ich nicht“, gab das lebende Skelett zurück. „Denn ich lebe nicht oft. Bitte komm mit mir zum Friedhof!“

„Zum Friedhof?“ Maybritt konnte nicht glauben, was sie da hörte.

„Wenn ich jemanden finde, der mit mir den Platz tauscht, kann ich vielleicht weiterleben.“

Maybritt erschauerte. Ihr ganzer Körper zitterte auf einmal.

Sie sprang von dem Tor weg und lief zu einem der zwei kleinen Fenster. Das Heu war ihr im Weg. Sie musste auf einen der großen Ballen klettern und wurde dabei beinahe von ihm überrollt.

Dann schaffte sie es doch, taumelte zum Fenster und riss die Scheibe auf. Sie kletterte durch das Fenster und landete im Gras.

Maybritt rannte über mehrere brache Felder und Wiesen. Der Himmel verfinsterte sich allmählich. Ein Gewitter zog auf.

Von hier aus war es nur noch circa ein halber Kilometer bis zum Dorf. Sie konnte die Häuser weiter unten schon sehen.

Sie drehte sich um und sah den Skelettmann dicht hinter sich. Seine langen, weißen Haare flatterten zu beiden Seiten der Kapuze im Wind.

Maybritt bekam nun gar keine Luft mehr. Sie konnte nicht mehr weiterrennen. Sie wollte hinter einem Baum verschnaufen, aber die Kapuzengestalt war sofort neben ihr. „Hast du es dir anders überlegt?“, fragte der Totenkopf.

Maybritt starrte in die beiden tiefen, dunklen Augenhöhlen. Nur weil ich kurz stehen geblieben bin, heißt das nicht, dass ich aufgebe!, hätte sie der Teufelsgestalt am liebsten entgegnet, wenn sie den Atem dafür gehabt hätte.

Maybritt zwang sich zum Weiterlaufen, aber der Verfolger war schneller als sie und drohte ständig sie zu überholen.

Auf einmal blieb er kurz stehen und warf sich dann von hinten auf sie. Sein knöcherner Körper und der Schwung, mit dem er auf ihr landete, drückten sie nach unten.

„Hilfe!“, schrie Maybritt, so laut sie konnte. Dann schlug sie schmerzhaft auf dem Boden auf. Der lange, braune Mantel und das schwarze Gewand legten sich wie eine kuschelige Decke zwischen sie und das lebende Skelett.

„Wie heißt du, mein Täubchen?“, fragte der Knochenmann.

„Maybritt“, antwortete Maybritt, den Blick geradeaus gerichtet. Warum sollte sie lügen? Der Untote wog nicht besonders viel. Sie könnte ihn abschütteln … Leider sah sie keine anderen Menschen am Rand des Dorfs …

Das Skelett streichelte ihre Haare. „Dunkelbraun ist keine schöne Farbe. Ich frage mich, ob ich deine Haare bekomme, wenn ich wiedergeboren werde.“

Maybritts Magen rebellierte. Die Worte des Monsters ergaben keinen Sinn. Es trug doch selbst einen dunkelbraunen Mantel! „Ich werde nicht mit Ihnen mitkommen“, sagte sie. „Daran werden Sie nichts ändern können.“

„Wenn das so ist, hast du meine Zeit verschwendet.“ Die Kreatur richtete sich abrupt auf.

Maybritt drehte sich verwundert um und erkannte jetzt, dass das Skelett unter seiner braunen Kutte einen schwarzen Anzug trug.

„Dann suche ich mir jemand anderen“, erklärte der Knochenmann. „Dich umzubringen bringt mir nichts. Dadurch werde ich nicht wiedergeboren.“ Er betrachtete sie ein paar Sekunden lang. „Ich weiß, dass ich abscheulich aussehe, trotzdem habe ich eine Seele und ein Gewissen.“ Der Totenkopf drehte sich weg. Seine langen, weißen Haare wehten wieder im Wind. „Erzähl bitte niemandem, dass ich hier war“, sagte er. Schon rannte er in Richtung Wald davon.

Maybritt schaute ihm verblüfft nach. „Er haut wirklich ab.“ Sie konnte es nicht fassen. Sie umklammerte ihren Oberkörper und atmete schwer. Sie war erleichtert. Der Angreifer hatte ihr nichts getan.

Jetzt wollte sie so schnell wie möglich nach Hause. Ob ihr diese Begegnung jemals irgendwer glauben würde?

Maybritt eilte, so schnell sie konnte, ins Dorf zurück.




Florian Stöckle, 1993 in Günzburg geboren, studierte nach dem Abitur Germanistik und Geschichte an der Universität Augsburg. In Germanistik schloss er im Anschluss den aufbauenden Masterstudiengang ab. Geschichten schreibt er seit seiner Kindheit, am liebsten Fantasygeschichten. 2019 nahm er an einem Studierendenseminar der Bayerischen Akademie des Schreibens teil. Einige seiner Geschichten wurden schon veröffentlicht. Florian Stöckle wohnt in der Nähe von Augsburg.






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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