Monika Pauler für #kkl56 „Und dann kam…“
Alva
Sie ist schnell auf ihren Krücken. Mit Schwung schleudert sie beide Stöcke nach vorn und zieht sich so Schritt für Schritt samt schwerem Rucksack den Berg hoch, einen Schritt nach dem anderen immer weiter an den endlosen Eukalyptusschonungen vorbei. Der würzige Geruch von Hustenbonbons ist selbst im Sprühregen überall.
Immer wieder muss sie kurz nicken, wenn jemand mit einem ähnlich großen Rucksack auf dem Rücken mit einem buen camino an ihr vorbeizieht. Buen camino, sagt auch sie. Alles o.k., das muss sie oft auch noch sagen. Ich bin so froh, dass ich den Weg trotzdem fortsetzen kann. Das ist ihre Reaktion auf die besorgten Blicke der anderen. Es ist nichts Schlimmes, sagt sie meistens noch. Nur eine Bänderdehnung. Zwar Krücken, aber immerhin, ich komme voran. Ihre sehr lang gezogenen Augen strahlen für einen Moment wie von innen in einem kristallenen Blau auf, wenn sie dabei ihr Gegenüber anlächelt und zum Weitergehen ermuntert. Sie will niemanden aufhalten. Jeder hat sein Tempo. Das sagt sie, während sie demonstrativ zurückbleibt.
Und doch taucht sie wie durch ein Wunder wieder auf, sitzt mit ihrem auffallenden hellen Blondschopf schon in dem Lokal des kleinen Dorfes, in dem es neben der Kirche eine Unterkunft in einem alten zweistöckigen Steingebäude gibt. Zwei Männer sind erst sehr spät eingetroffen und beeilen sich, hier noch etwas zum Essen zu bekommen, bevor die Küche schließt. Es gibt hier keinen Laden, keinen Bus zur nächsten Stadt. Am dritten Tisch sitzt die Frau des Besitzers und spielt mit dem Handy. Ein Schulkind sitzt daneben an seinen Hausaufgaben. Die beiden Männer bestellen Fisch und Wein. Die Frau des Besitzers ist auch die Kellnerin, die jetzt die Karaffe und Gläser auf den Tisch stellt.
Einer der Männer spricht Alva auf die Krücken an. So ein hübsches Mädchen und Krücken, das geht doch wohl nicht an, sagt er. Alva sagt ihr Sprüchlein. Sie sagt weiter, dass der Arzt ihr verboten hat, weiterzugehen. Aber Aufgeben ist keine Option, das sagt sie da auch noch. Zumindest auf die Krücken hat er da bestanden und ihr ein Rezept ausgeschrieben. Nach zwei Tagen Wartezeit hat sie die dann in der Apotheke abholen können. Sie lacht mit diesen seltsam funkelnden Augen. Sofort, sagt sie, habe ich mich wieder auf den Weg gemacht. Es geht ganz gut, wenn man sich mal ein bisschen daran gewöhnt hat. Bis auf die Blasen an den Händen. Dabei zeigt sie ihre Hände vor, die am Daumenansatz getaped sind. Schneeweiß sind sie mit dieser zarten Haut, die auch ihr fein ziseliertes Gesichtchen fast durchscheinend wirken lässt.
Marty ist eigentlich ganz nett und sein Begleiter sagt zwar nicht viel, macht aber auch einen gutmütigen Eindruck, so wie er da zu Martys Dauerscherzen mitlacht. Das Essen ist gut, nicht nur weil der Hunger nach einem Tag im Freien ganz ordentlich ist. Alva probiert auch vom gegrillten Fisch und den Tintenfischringen. Die fröhliche Runde tut ihr nach dem langen Tag allein in der verregneten Landschaft gut. Marty erzählt eine Anekdote nach der anderen aus seinem Pilgerleben. Er hat schon fast zehntausend Kilometer hinter sich, und jetzt geht es ihm nicht mehr um die Kilometer, nur noch um die Menschen, denen er begegnet. Er erzählt auch von seiner Scheidung, und dass er diese Kilometer gebraucht hat, um über den Schock hinwegzukommen. Sein Freund Matze hingegen hat vor lauter Arbeit immer noch keine Freundin. Marty hat ihn mitgenommen, damit sich vielleicht auch da etwas ändert. Man kann ja nicht immer nur arbeiten, was soll denn das für ein Leben sein, sagt er.
Alva ist still geworden, schaut aus ihren so fremden, schönen Augen durch ihn hindurch, ohne seine große Nase und den alten Filzhut zu sehen, mit dem er wie ein Almöhi aussieht. Sie weiß, dass er die Rolle des polternden Naturburschen gern spielt. Aber sie mag es nicht, dass er sich selbst zu einer Karikatur macht, auch wenn sie versteht, warum. Sie wendet sich ab, wobei ihr schönes, zartes Profil sichtbar wird. Etwas Ätherisches geht von ihr aus. Als sie Marty wieder ansieht, ist ihr Gesicht jedoch eine porzellanene Maske. Und ohne dass Marty fragen muss, erzählt sie nun ihrerseits von der Flucht aus einer perfekten Ehe. Alles war geregelt, für die nächsten zwanzig Jahre, eigentlich für ihr ganzes Leben. Es war der ideale Mann, das ideale Haus, genau der richtige Job, ausreichend Geld. Bald wären genau nach Plan die gewünschten Kinder gekommen, alles lief reibungslos in seinen Bahnen. Und plötzlich, wie aus dem Nichts, dann die Frage. Alva lächelt verlegen. Das Rot schießt ihr in die Wangen und wandert bis zu den Schläfen. Ich weiß, es klingt so hirnrissig, sagt sie. Aber plötzlich habe ich mich gefragt, ob ich ihn eigentlich liebe, ob das alles wirklich mein Leben ist. Sie trinkt einen Schluck und streicht sich dabei eine Strähne Gold hinters Ohr. Und jetzt bin ich hier, um eine Antwort auf die Frage zu finden, sagt sie. Er ruft jeden Tag mehrfach an, sagt sie auch noch. Aber ich gehe nicht ran.
Du hast ja Elfenohren, sagt Marty plötzlich. Er hat ihr einen Blick zugeworfen, als sie nochmals schweigend den Kopf zur Seite gedreht hat. Es sieht aus, als ob sie gleich zu weinen anfängt. Ja, nickt sie, da ist was dran, wie mein Name schon sagt. Und überhaupt, wie soll ich das jetzt nun wieder sagen, ich fühle mich wirklich wie eine Elfe. Also am wohlsten fühle ich mich in der Natur, im Wald vor allem. Wie gern ich unter Bäumen schlafe! Jetzt sieht sie nicht mehr traurig aus. Und Alva erzählt, dass sie zwar ein Zelt mit sich herumschleppt, aber am liebsten einfach so unter freiem Himmel schläft. Da ist die weiche Nadelschicht, die bei jedem ihrer Schritte federt und nun als aromatisch duftendes Lager dient. Die Bäume breiten schützend ihre gefiederten Zweige über sie. Durch die Lücken sieht sie vor dem dunklen Nachthimmel graue Wolkenschafe, dazwischen das Blinzeln der Sterne. Erst gestern bin ich von der Strecke abgewichen, sagt sie und schiebt sich wieder eine funkelnde Strähne aus dem feinen Gesicht. Ihr spitzes Ohr wird für einen Moment nochmals sichtbar. Ich wollte die Nacht auf der Spitze eines bewaldeten Gebirges verbringen, sagt sie, oben beim Gipfelkreuz. Es hat mich sozusagen gerufen, aus weiter Ferne. Ich musste da einfach hinauf, sowie ich das Kreuz von der anderen Talseite aus entdeckt habe. Es war gar nicht so einfach, es dann zu finden. Ein magischer Ort, das sagt sie da noch. Ich weiß nicht, ob ich es nur geträumt habe, aber in der Nacht ist dann etwas sehr Seltsames passiert. Ich kann es immer noch nicht richtig fassen, aber es hat mich tief berührt. Auch wenn ich bis jetzt nicht weiß, ob ich es nur geträumt habe, oder ob das wirklich so geschehen ist. Jedenfalls, als ich im Dunkeln wieder aufwachte, lag da neben mir, so dicht, dass ich ihn atmen spüren konnte, eine Art Wolfshund. Er hatte ein schönes Fell. Wie in Zeitlupe wendete er seinen Kopf zu mir und sah mich an, Aug in Aug lagen wir da, ohne uns zu rühren. Und, wie soll ich sagen, ich hatte keine Angst, es war eher so, als ob in diesem Moment seine Kraft in mich übergehen würde. Es war eine große Kraft. Ein Kontakt, so intensiv, es gab da eigentlich keine Möglichkeit, ihn von mir aus zu beenden. Wie verzaubert lag ich reglos da und lauschte dieser Offenbarung. Mir war, als ob mir das wilde Tier eine völlig neue Dimension auftat. Trotz der Intensität muss ich aber doch wieder eingeschlafen sein. Als ich wach wurde, zeigte die Uhr schon fünf und mir war kalt. Es regnete, alles war feucht und klamm. Von einem Tier war nichts zu sehen, wie ich noch im Dunkeln den nassen Schlafsack unter den Regenschutz des Rucksacks stopfte und mich auf den Weg machte, um irgendwie wieder warm zu werden.
Vor Marty stand jetzt eine Art flambierter Pudding. Er bot Alva und Matze auch einen Löffel an, um zu teilen. Natürlich gab es auch noch mehr Wein, aber Alva hatte es jetzt eilig, in ihr Bett zu kommen. Sie wollte morgen früh los, weil sie ja mit den Krücken nur so langsam vorankam.
Trotzdem sitzt sie morgens noch in dem Lokal gegenüber der Unterkunft, als Marty und Matze kurz vor neun mit ihren Rucksäcken zum Frühstücken hereinkommen. Matze klagt, dass er kaum ein Auge zubekommen habe, weil Marty so laut am Schnarchen gewesen sei. Alvas Augen strahlen wieder und sie lacht fröhlich mit den beiden. Sie zeigt ihnen eine Warnung, die ihr in der Nacht aufs Handy geschickt worden ist. Lebensgefahr wegen Überflutung und Sturm, an den Küsten über zehn Meter Welle, das steht da so. Keine Ahnung, wer ihr das geschickt hat.
Aber im Grunde geht das schon über eine Woche so, Mitte Oktober ist es plötzlich Herbst geworden. Gegenseitig erzählen sie sich neue Details aus der Geschichte einer Familie, die mit ihren Kindern auf dem Jakobsweg unterwegs war, die inzwischen schon alle vom Hörensagen kennen. Immer wenn das Gespräch auf das Wetter kommt, kommt man daran nicht vorbei, allein schon zur Warnung. An einer Brücke, über die der Pilgerweg führt, stand vor ein paar Tagen das Wasser schon bis zu den Schenkeln. Beim Versuch, diese zu überqueren, wurde einer der neunjährigen Zwillinge einfach vom Wasser mitgerissen. Zum Glück ist alles gut ausgegangen, er konnte das Ufer noch irgendwie erreichen und gerettet werden. An dieser Stelle schicken die Pilger erleichtert ein Gebet nach oben. Ein gutes Zeichen.
Alva lächelt, als sie anfangen, sich gegenseitig zu erzählen, wie tief ihre Beine an welcher Stelle des Weges im Wasser gestanden haben. Jeder geht seinen eigenen Weg, wie immer, auch wenn es für alle ein sehr, sehr nasser gewesen ist. Knöcheltief umfloss das Wasser Alvas Beine auf einer Straße kurz vor Sao Pedro des Rates, an einem Weg durch einen Weingarten kurz hinter Ponte de Lima hatte sich der Weg dann schon so mit Wasser gefüllt, dass sie umkehren musste. Matze erzählt, dass sie in Ponte de Lima nur in kurzen Hosen durch die Innenstadt hatten gehen können. Der Fluss war so über die Ufer getreten, dass er ihnen die Knie umspülte. Sogar die am Ufer parkenden Autos hatte es weggeschwemmt. Alva hatte auch eine kritische Stelle passiert, an der die umliegenden Felder bereits wie eine Seenlandschaft aussahen, der Wasserstand stieg immer noch an und in Strudeln trieb es gegen den Damm des Weges, auf dem sich immer mehr Pfützen ausbreiteten. Es war nur noch eine Frage der Zeit, wann er ganz geflutet sein würde. Manchmal hatte sie einfach nur die Schuhe ausgezogen und war barfuß durchgewatet. Diesmal war aber nicht klar, ob der Weg hinter ihr immer noch offen sein würde, falls es vorn doch nicht mehr weitergehen sollte. Aber am Ende hatte doch alles geklappt. Und durch eine Handbreit stehendes Wasser kam sie inzwischen sozusagen trockenen Fußes. Was auch besser war, denn inzwischen war es bereits fast November, nächste Woche an Allerheiligen wollte sie jedenfalls in Tui sein, um mit ernsten Gesängen und grinsenden Totenköpfen in der Kathedrale der Vergänglichkeit zu gedenken. Sie freute sich bei der Kühle der Jahreszeit daher über ihre gerade erlernte Technik. Es galt, einfach so geschwind von Stein zu Stein, von Rand zu Rand zu hüpfen, dass sich die Schuhe nur für den Bruchteil einer Sekunde im Wasser aufhalten mussten. Jeden Abend stopfte sie ohnehin die Schuhe mit Papier aus, damit sie morgens beim Anziehen ein bisschen trockener waren. Manche hatten sogar eine Schuhheizung im Rucksack, die sie abends an die Steckdose im Gang anschlossen und in die Schuhe versenkten.
Glücklich erzählen sie sich weiter ihre Abenteuer, während sie den kräftigen Regenschauer abwarten, der die Straße gerade wieder fröhlich überstrudeln lässt. Sie wissen, dass bei so einem Guss Schuhe und Kleidung binnen Minuten durchweicht sind. Da hilft kein Goretex. Marty zieht sich vorsorglich Plastiktüten über die Socken, bevor er in seine Stiefel schlüpft. Sowie der Regen nachlässt, gehen sie los. Inzwischen sind viele andere Pilgernde unterwegs, mit triefenden Pelerinen ziehen sie an dem kleinen Lokal vorbei. Sie sind vor zwei Stunden in der größeren Industriestadt gestartet, die hinter ihnen liegt. Alva hat das langgezogene Fabrikzone abgestoßen und so ist sie gestern lieber noch acht Kilometer weiter gegangen. Draußen sieht es nun schon wieder ziemlich grau und düster aus, der nächste Wolkenbruch ist nur eine Frage von Minuten.
Alva winkt Matze und Marty zu, dass sie eben noch in die Büsche geht. Dort steht sie unter hohen Stämmen und atmet auf. Sie legt ihre Hände auf die rissige Rinde, um die Kraft des Baumes zu fühlen. Weich ist sie, aber kräftig und pulsierend. Sie lacht hell auf und kramt in ihren Seitentaschen, um ein paar Nüsse für die Vögel auszustreuen. Ein paar mehr können nicht schaden, und so streut und tanzt sie ohne Krücken glücklich unter dem Dach des Waldes. Hier sind sogar ein paar Kiefern und Laubbäume, nicht nur der ewige Eukalyptus. Sie freut sich, als sie einen Vogel antworten hört und fängt selbst zu singen an. Als ihre kleine Zeremonie vorbei ist, hat der Regen ganz aufgehört.
Auch ihre Pilgerfreunde von gestern sind verschwunden, die ganze Straße ist leer. Und so bleibt es auch. Nach einer halben Stunde kommt sie an einer Bar vorbeigehumpelt, die zum Brechen voll ist. Durch die Scheiben sieht sie, dass alle ihr Regenzeug zum Trocknen über die Stuhllehnen gehängt haben. Alva hat an diesem Tag noch kaum einen Tropfen Regen abbekommen. Sie sieht die Leute, die zum Aufwärmen einen Galão trinken, manche davon auch schon einen Toast essen. Alva glaubt aus den Augenwinkeln in einer Gruppe von Pilgerinnen Matze und Marty zu erkennen. Letzterer ist offenbar wieder voll in seinem Erzählelement und bemerkt sie nicht. Sie ist auch kaum zu erkennen, so verschmolzen ist sie mit den im Wind schwankenden Bäumen und dem dramatisch mäandernden Himmel über sich. Um sie herum aber ist ein lichter Raum. Schritt für Schritt zieht sie unsichtbar an den Pilgerinnen und Pilgern im Café vorbei. Und, obwohl sie kurz vor Pontevedra nochmals mit den Krücken unterm Arm über einen reißend angeschwollenen Fluss hinweg über einen Baumstamm balancieren muss, ist auch diese sintflutartige Regenzeit nun endgültig vorbei. Wassermassen und Winde scheinen einen großen Bogen zu machen, zumindest um sie.
Monika Pauler, geb. in Schwäbisch Gmünd, lebt und arbeitet als Sprachdozentin in Hamburg. Promotion über Friederike Mayröckers auditive Texte. Veröffentlichung von Prosa und Gedichten in Anthologien.
Über #kkl HIER
