Brieftasche und Kopfweh

Robert Fiedel für #kkl56 „Und dann kam…“





Brieftasche und Kopfweh

Falls jemand der Beziehung seiner Brieftasche zu seinem Gedächtnis keine spezielle Beachtung schenkt, dann hat er im Oberstübchen hoffentlich ein waches Auge auf dieses Verhältnis, das selbst in geringer Reichweite für Unruhe sorgen kann. Solange nämlich Brieftasche und Gedächtnis dort ihren Platz einnehmen, worauf das wache Auge

gewohnheitsmäßig seine Aufmerksamkeit richten kann, scheint alles unter Kontrolle. Der Routine überlassene Konstellationen öffnen allerdings dem Zufall das eine oder andere Einfallstor. Auf welche Art und Weise einen der Zufall zu Fall bringen, aber auch zufallen und ob dahinter noch mehr der Fall sein kann, davon handelt dieser Beitrag.

Eines Tages fuhr ich mit dem Rad zum nahe gelegenen Sportplatz, um ein Fußballspiel zu besuchen. Aus Langeweile kam für mich allerdings schon zur Halbzeit der Schlusspfiff. Ich verließ schweigend die Spielstätte und radelte nach Hause. Die Seitentasche meiner Jacke, in der die Geldbörse ihren Platz hatte, ist mit einem Reißverschluss versehen. Ob ich freiwillig meine Konzentration auf Reißverschluss und Brieftasche vernachlässigt habe, getraue ich mich im Nachhinein nicht mit Sicherheit zu behaupten. Jedenfalls hatte ich gerade eine Kurve genommen, als der Reißverschluss zum Reißausschluss geworden sein muss. Die Brieftasche hat das verlockende Angebot zum Flug in die Freiheit dankend angenommen und sich grußlos in den Straßengraben verabschiedet. Die Flucht der Brieftasche blieb vorerst unbemerkt, erst Zuhause griffen meine Hände vergeblich dorthin, wo mein Gedächtnis sich an die Geldbörse zu erinnern glaubte.

Zunächst ließ ich meine seit geraumer Zeit notwendig gewordenen Lebenshilfen in Form dieser genormten Kärtchen aus Plastik telefonisch sperren. Ich durchwühlte erfolglos bis spät in die Nacht immer wieder dieselben Taschen und schon früh am Morgen machte ich mich weiter auf die Suche. Ich graste im wahrsten Sinn meine Wohnstraße ab, sah andere Leute flüstern über diese bucklige Gestalt beim verworrenen Stochern – nach seinem Frühstück vielleicht? Aber abseits aller Hirngespinste – auch nach langem und gründlichen Suchen:

Die Geldbörse blieb verschwunden.

Und dann kam etwas in meinem Kopf in Bewegung und führte mich zielgerichtet an den Gartenzaun einer Anwohnerin. Diese hatte anscheinend instinktiv anhand meiner umherschleichenden Erscheinung die Lage erfasst, und fröhlich gestikulierend deutete sie nach dem Wort „Brieftasche“ in eine Richtung: „Gehen sie ein paar Häuser weiter, da wartet schon die Frau Glückel und wedelt mit der Brieftasche. Sie hat mich nämlich angerufen, ob ich wen kenne … Brieftasche verloren … nicht auf unserer Facebook Seite …“

Da fiel ein Stein von meinem Herzen.

Und dann kam schon Frau Glückel hinter ihrer Gartentüre auf mich zu und überreichte mir freudestrahlend meine unversehrte Brieftasche. Solchen Menschen verleiht irgendetwas die Fähigkeit, den Wolkenvorhang in einen Regenbogen zu verwandeln und anderen Menschen Glück zu bringen.

Es ist vielleicht weit hergeholt, aber hat dieses Etwas mit dem umstrittenen Freien Willen zu tun? Könnte es also eine Fähigkeit des Freien Willens sein, die Entscheidung für Handlungen zu treffen, welche sich aus der Lebenslage anderer, auch fremder Menschen ergeben, gibt er den Impuls, sich zwischen geben oder nehmen zu entscheiden? Wenn dem so ist, dann gilt es, dieses Etwas in den Griff zu bekommen (Sigmund Freud: Wo Es war, soll Ich werden).

Der Schriftsteller Isaak Singer bringt ein Paradoxon auf den Punkt: „Wir müssen an den Freien Willen glauben – wir haben keine Wahl.“

Was den Glauben betrifft: Religionen haben ihre eigene Auslegung – Gott habe den Willen frei gegeben. Drückt er hier nur ein Auge zu? Auch wenn sich der Freie Wille gegen ihn selbst richtet oder in seinem Namen Böses angerichtet wird, wo Geben nicht seliger denn Nehmen ist?

Neurowissenschaftler wiederum interpretieren mittels Gehirnstrommessungen den Freien Willen als freiwillige Selbsttäuschung. Mehr noch kommt von Astrophilosophen: Die Gründe für unsere Handlungen und Entscheidungen seien bereits in den mit einem Anfang und einem Ende ausgestatteten physikalischen Abläufen vom Großen und Ganzen verwurzelt.

Aber das Gedächtnis ist mit Zweifel gewachsen und groß geworden. Und wenn der Zweifel vereint mit dem Erinnerungsoptimismus die Schatzkammer des Geistes heimsucht, dann kann ihnen ein Aha – Erlebnis wie das folgende wieder heimleuchten: Es geschah an einem Tag im Jahr 1962. Ich war zwölf Jahre alt, bekam das erste Mal in meinem Leben Kopfschmerzen. Mein Kopf aber war voll von Heldengeschichten. Ich war eine Leseratte und ein Träumer, in meinem Kopf war kein Platz für solche Wehleidigkeiten.

Und dann kam ich zu dem Schluss: Das muss weg. Ich schloss die Augen, redete meinem Kopf gut zu: „Das Kopfweh verschwindet … das Kopfweh verschwindet …“ Und dann kam es zum erlösenden Moment durch den Auftritt meines Freien Willens – das Kopfweh verschwand! Es ist bis heute verschwunden. Und wenn mich nicht alles täuscht, ist die Brieftasche dort, wo ich sie hingetan habe. Wenn mich nicht alles täuscht…




Robert Fiedel
Ich bin 1950 in Wien geboren und seit 2015 Pensionist. Von Beruf her war ich Koch, Telefonist, Kommunikationstrainer, Gestaltender Künstler und auch Autor von  Theaterstücken. 2002  wurde ich mit der Kurzgeschichte „Auf dem Gehsteig“ für den Anton Kuh Preis (Preis für Kurzgeschichten) der Stadt Wien nominiert.

2016 habe ich ein Buch im Eigenverlag herausgegeben, Titel „NachdenklichTer“.








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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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